Ein Photo lügt niemals

Alte Zypriotin Bildgalerie betrachten

Blende ,“Alte Zypriotin”
Günther Hamann

Eine alte und bekannte Redensart besagt, daß ein Photo niemals lügt. Daß dies mitunter ein Irrtum ist, kann man nirgendwo deutlicher erkennen, als in einem Portrait, das zwar das Gesicht zeigt, aber nichts über die individuellen Charaktereigenschaften des abgebildeten Menschen verrät. Portraitaufnahmen, die nicht lügen, zeigen also Gesichter, die den Charakter enthüllen. Die Portraitphotographie kann als große Kunst angesehen werden und verlangt vom Photographen viel Fingerspitzengefühl. Auch wenn die Ansicht bei vielen Photographen vorherrscht, die physischen Gesichtszüge seien von zweitrangiger Bedeutung, so darf man diese nicht ignorieren, denn einige - oder alle - tragen dazu bei, den Charakter zu enthüllen, während andere ihn verbergen. Eine der schwierigsten Entscheidungen des Portraitphotographen besteht in der Wahl, welches Details hervorgehoben und welches unterdrückt werden soll. Falsch wäre es beispielsweise, alle Falten in einem Gesicht glätten zu wollen, denn diese sind charakteristisch für die abgelichtete Person. Ohne Falten würde das Bild lügen. Nicht richtig wäre es, die abstehenden Ohren nicht zu verbergen. Sie sagen über den Charakter kaum etwas aus und lenken den Blick des Betrachters von den wesentlichen Gesichtszügen ab - das Bild lügt eventuell.

Mit fast jeder Kamera gelingen gute Portraitaufnahmen, denn auf das Auge kommt es an. Empfehlenswert ist ein langbrennweitiges Objektiv mit 85 bis 135 mm Brennweite (bezogen auf Kleinbildfilm), weil man damit groß abbildet, ohne daß Verzeichnungen entstehen. Diffuses Tageslicht, das durch ein Fenster in den Raum dringt, wird von vielen Photographen bevorzugt, weil es natürlicher ist. Eine ähnliche Wirkung kann man mit reflektierendem Licht einer Photolampe oder eines Scheinwerfers erzielen, das man gegen eine Decke oder eine andere reflektierende Fläche richtet. Diffuses Licht hat den großen Vorteil, daß es Details weicher zeichnet und Unvollkommenheiten in den Gesichtszügen oder Unreinheiten der Haut weniger hervortreten läßt. Die gleichmäßige Betonung aller Gesichtspartien allerdings, die durch diffuses Licht erzielt wird, ist im allgemeinen ein Nachteil, da sie die Kontrolle des Photographen über das, was er darstellen möchte, beschränkt. Mehr Geschick und Erfahrung verlangen die dramatischen Effekte, die man mit der gezielten Beleuchtung durch Photolampen oder Scheinwerfer hervorrufen kann. Mit Hilfe von gerichtetem Kunstlicht und der von ihm bewirkten scharfen Schlagschatten, kann der Photograph geradezu plastisch arbeiten und die Kopfform oder die Hautoberfläche betonen und genau festlegen, welche Gesichtszüge hervortreten und welche verborgen bleiben sollen. Augenmerk sollte auch der Andeutung der Umgebung gewidmet werden. Der falsche Hintergrund oder aber zu viele Details lenken von der Person ab. Dies ist übrigens der Anlaß dafür, warum viele Portraitphotographen einen neutralen Hintergrund bevorzugen. Heute wird oftmals mit farbigen Hintergründen gearbeitet. Wichtig ist, daß die eingesetzte Farbe nicht von der abgelichteten Person ablenkt und daß Wesenszüge durch sie betont und verstärkt werden.

Beleuchtung und Hintergrund helfen also dem Photographen, die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die physischen Aspekte des Modells zu konzentrieren. Im engen Zusammenhang mit dem Gesichtsausdruck steht die Körperhaltung. Ein natürlicher, typischer Ausdruck verlangt eine natürliche Haltung. Würde man das Modell in eine unbequeme Haltung zwingen, so wird die Aufnahme künstlich wirken. Andererseits verleiht eine aufmerksame Miene dem Portrait Lebendigkeit. Um dies zu erreichen, kann der Photograph das Modell veranlassen, den Kopf und/oder Körper in einer Weise zu heben oder zu drehen, daß eine ungewöhnliche, gespannte Haltung entsteht. Dies erzielten Atelierphotographen früher mit dem Ruf „Sehen Sie hier das Vögelchen“. Neben den grundsätzlichen Möglichkeiten zur Erzielung einer natürlichen, aufmerksamen Haltung entwickeln Photographen einige Richtlinien, die allgemein nützlich sind, aber nicht als stets gültige Regeln angesehen werden müssen:

  • Eine Dreiviertelansicht stellt den abgebildeten Menschen in einer zwangloseren, natürlicheren Art da.

  • Eine Vorderansicht kann den Eindruck von Förmlichkeit erwecken und offenbart meist jede Unregelmäßigkeit der Gesichtsauszüge.

  • Eine Portraitaufnahme betont fast immer unbarmherzig die Nasen- und Kinnlinien. Hierauf ist besonderes Augenmerk zu richten und mit der Beleuchtung zu spielen.

  • Eine sitzende Person, die sich leicht nach vorne beugt, wird entspannter erscheinen als eine, die zurückgelehnt ist und reserviert und überlegen wirkt.

  • Eine Photographie der ganzen Figur, aus Augen- oder Brusthöhe aufgenommen, läßt Menschen kleiner erscheinen.

  • Ein Bildnis der ganzen Figur, aus Kniehöhe oder einem niedrigeren Blickwinkel aufgenommen, läßt das Modell größer erscheinen.

Photographische Regeln sollte man nicht blind befolgen, denn jede Portraitaufnahme ist immer wieder eine neue, individuelle Herausforderung an den Photographen und das Modell. Ein überzeugendes Portrait verlangt nach den genauen photographischen Kenntnissen. Darüber hinaus ist aber auch das einfühlende Verständnis für den Menschen, dessen Charakter im Bild festgehalten werden soll, überaus wichtig. „Jedes Photo ist zunächst ein flaches Stück Papier. Doch wenn ein Photo gut ist, nimmt es plötzlich Gestalt an, bekommt eine physische Wirkung auf den Betrachter“, sagte Herlinde Koelbl so treffend. Übung macht den Meister, das gilt besonders in der Portraitphotographie. Rom ist ja auch nicht an einem Tag erbaut worden. Man muß sich herantasten, denn das Wesen des Menschen bei der Aufnahme sichtbar zu machen, ist mit die höchste Kunst der Photographie.
 

Fotografieren in der Praxis 05 / 2006

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