Photographieren bei wenig Licht - Stimmungsvolle Langzeitaufnahmen

8. Straße Bildgalerie betrachten Blende ,“8. Straße”
Peter Holz

Mit der Jahreszeit der kurzen Tage beginnt die Saison der langen Belichtungszeiten. Bei abnehmender Lichtintensität werden die "Langzeitphotographen" erst richtig munter. Gesetze der Physik, der Photochemie und unserer eigenen Wahrnehmung setzen der photographischen Abbildung Grenzen, die nur beschränkt überschritten werden können. Verwacklungs- und Bewegungsunschärfen, Kunstlichtstiche und Schwarzschildeffekt sind Beispiele dafür, die das Bildresultat schlecht vorhersehbar machen. Sie können aber auch bewußt eingesetzt werden und verstärken so die Bildwirkung.

Kunstlicht, in Kombination mit Schwarzschildeffekten, können die wunderbarsten Farben auf den Film bannen; schöner, als wir sie vor Ort mit unserem Auge wahrnehmen konnten. Und lange Belichtungszeiten vermögen Vorgänge in einer Art festzuhalten, die unserer Wahrnehmung völlig widersprechen. Unterstützt mit farbigen Lampen, Blitzlicht und anderen Lichtquellen lassen sich surrealistische Bilder schaffen. Die Kamera muß dazu jedoch Langzeitbelichtungen zulassen, das heißt, der Verschluß muß sich mit einer "B"- oder "T"-Einstellung beliebig lange öffnen lassen. Das ist mit praktisch jeder Spiegelreflexkamera möglich. Ein Blick ins Handbuch zeigt, bis zu welcher maximalen Verschlußzeit die Kamera automatisch belichtet. 30 Sekunden reicht bei künstlich belichteten Lokalitäten meistens aus. Praktisch ist die sogenannte "Spiegelvorauslösung", wodurch der Spiegel ein paar Sekunden vor der eigentlichen Aufnahme nach oben geklappt wird. Damit lassen sich die meisten Erschütterungen vermeiden, die durch das Auslösen entstehen. Neben den Spiegelreflexmodellen ist auch eine Auswahl an Sucherkameras für diese Zwecke tauglich. Es ist darauf zu achten, daß ein Stativgewinde vorhanden und ein Auslösen mit Draht- oder Fernauslöser möglich ist.

Ein lichtstarkes Objektiv ist nötig, denn es bietet nicht nur ein helleres Sucherbild, sondern bei kleineren Blendenwerten läßt sich kürzer belichten. Mit kürzeren Aufnahmezeiten kann man zudem den Schwarzschildeffekt vermindern. Ein schweres Stativ ist natürlich stabiler als ein Modell mit 500 Gramm, das beim Auslösen schon durch den nach oben klappenden Spiegel ins Schwingen kommt. Andererseits nützt das beste Stativ wenig, wenn es zu Hause im Schrank bleibt. Wer viel unterwegs ist, sollte das Gewicht beachten. Ein Kilo ist dann wohl oberstes Limit.

Mit dem Draht- oder Fernauslöser wird verhindert, daß sich während des Auslösens die Kamera bewegt. Ältere Kameras besitzen ein genormtes Gewinde, in das jeder Drahtauslöser paßt. Heutige Modelle sind mit Steckbuchsen versehen, an die nur die firmeneigenen Fernauslöser angeschlossen werden können. Immer mehr Modelle besitzen Infrarot-Fernbedienungen, die eine größere Bewegungsfreiheit zulassen. Separate Belichtungsmesser sind zwar ein nützliches Zubehör, angesichts der Preise für gute Geräte befinden sie sich aber doch eher im Photokoffer der Profis. Es gibt zwei Haupttypen von Handbelichtungsmessern. Der einfachere arbeitet mit einer stromerzeugenden Selenzelle, die mit einem Galvanometer verbunden ist. Messungen bei wenig Licht sind häufig gar nicht möglich oder sehr ungenau. Der andere Typ arbeitet mit einer Cadmiumsulfid- (CdS-) oder schneller reagierenden Siliziumzelle, die ihren elektrischen Widerstand proportional zu der einfallenden Lichtmenge verändert. Dieser Belichtungsmesser benötigt eine Batterie und ist viel empfindlicher als der Selentyp. Er funktioniert häufig auch noch bei Mondschein.

Der "Sonnenblende" oder besser "Gegenlichtblende" genannte Aufsatz macht auch bei schlechten Lichtverhältnissen Sinn. Er schirmt "vagabundierende" Strahlen ab, also solche Lichtstrahlen, die seitlich einfallen und dabei Verschleierungen, verminderte Kontraste und Lichtflecken verursachen können. Starke Lichtquellen, der Mond oder Straßenlampen, sind gefährlich, auch wenn die Effekte im Sucherbild nicht zu sehen sind. Die Form der Gegenlichtblende muß jeweils auf den Bildwinkel des Objektives abgestimmt sein, abgedunkelte Bildecken werden bei nächtlichen Lichtverhältnissen beim Blick durch den Sucher gerne übersehen. Mit einer Okularabdeckung läßt sich das Sucherokular der Kamera gegen unerwünschten Lichteinfall von hinten abdecken. Da der Belichtungsmesser über der Mattscheibe sitzt, kann via Sucherokular und Prisma Licht auf die Meßzelle gelangen und der Kamera eine hellere Bildsituation vortäuschen. Normalerweise versperrt das Auge am Sucher diesen Weg für das Licht, bei Langzeitbelichtungen bleibt das Okular aber manchmal frei. Eine Uhr mit beleuchtbarem Zifferblatt oder einem großen selbstleuchtenden Sekundenzeiger bestimmt Belichtungszeiten, die außerhalb des Automatikbereiches der Kamera liegen. Ein Reisewecker ist von Nutzen, wenn mehrere Minuten bis Stunden belichtet werden muß.
Konversions- und Farbkorrekturfilter dienen zur Anpassung der Farbtemperatur an die spektrale Empfindlichkeit des verwendeten Filmmaterials. Da aber häufig gerade das spezielle Licht mit seinen Farbeffekten ausgenutzt werden soll, wird meistens auf solche Filter verzichtet. An Effektfiltern macht der Sternfilter manchmal Sinn.

Bei der Frage "Negativ- oder Diafilm?" lautet die Antwort "Negativfilme", da sie für lange Belichtungszeiten äußerst gut geeignet sind. Auch bei großer Unterbelichtung ist von einem Negativ noch ein einigermaßen akzeptables Bild herstellbar. Und Farbstiche lassen sich häufig im Negativ-Positiv-Prozeß ausfiltern. Bei einem nicht gelungenen Photo vom Diafilm ist der Fehler aber schwer zu beheben. Die vollautomatisierten Vergrößerungsgeräte sind so eingestellt, daß die Bilder einen mittleren Helligkeitswert und keine dominierende Farbe (Sonnenuntergänge ausgenommen) aufweisen. Erfahrungsgemäß werden so mit Absicht knapp belichtete Aufnahmen aufgehellt und bewußt in Kauf genommene Farbstiche korrigiert. Obwohl Diafilme bei Langzeitbelichtungen eine Verflachung ihrer Gradationskurven zeigen, arbeiten sie doch immer kontrastreich. Sie reagieren viel empfindlicher auf Unter- oder Überbelichtung, zudem lassen sich Farbstiche nachträglich nicht mehr korrigieren. Bei exakter Belichtung zeigen Dias brillante Farben, das Resultat ist zudem "unverfälscht" und nachvollziehbar. Bei langen Verschlußzeiten beobachtet man ein Nachlassen der Filmempfindlichkeit und eine Farbverschiebung. Dieses als "Schwarzschildeffekt" bezeichnete Phänomen ist von Film zu Film verschieden und mancher ausgezeichnete "Tagesfilm" wird bei längeren Verschlußzeiten schlicht unbrauchbar.
 

Fotografieren in der Praxis 05 / 2004

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