Sehen und Photographieren

Nicht kratzen, waschen! Bildgalerie betrachten Blende ,“Nicht kratzen, waschen!”
Christine Höfelmeyer

Photographieren begeistert, wie der Photoindustrie-Verband erst kürzlich in einer Pressemeldung verlauten ließ. Noch nie wurden so viele Kameras verkauft wie im Jahr 2004. Über 8,4 Millionen gingen über die Ladentheke. Aber nicht nur die Abverkaufszahlen belegen, daß Photographieren angesagt ist. Überall sieht man sie, die Hobbyphotographen. In allen Lebenslagen wird auf den Auslöser gedrückt, um Gesehenes dauerhaft im Bild festzuhalten. Nicht jede Aufnahme ist ein Volltreffer - Profiphotographen ergeht es da übrigens nicht anders. Übung macht bekanntlich den Meister. Der bekannte Photograph Helmut Newton stellte einmal treffend fest: „Die ersten 10.000 Aufnahmen sind die schlechtesten“. Natürlich sei hier die Frage erlaubt, was sind gute beziehungsweise schlechte Aufnahmen? Der kürzlich verstorbene Photograph Henri Cartier-Bresson gibt uns die Antwort: „Ein gutes Photo ist ein Photo, auf das man länger als eine Sekunde schaut“.

Der Blick für lohnende Motive und ein Händchen für den wirkungsvollen Bildaufbau sind die Zutaten für gute Aufnahmen. Entscheidend für den Erfolg ist die Fähigkeit, das, was man sieht, in ein ausdrucksstarkes Bild umzusetzen. Diese Fähigkeit erwirbt man dadurch, daß man sich ständig darin übt, Motive zu sehen, die eindrucksvoll wirken.

Um photographisch sehen zu lernen, ist es ratsam, sich zunächst mit den Möglichkeiten und den Grenzen der Kamera vertraut zu machen. Da sind einmal die Ähnlichkeiten zwischen Kamera und Auge. Der Linse des Auges entspricht bei der Kamera das Objektiv; beide projizieren ein Bild auf eine lichtempfindliche Oberfläche. Die Stärke des einfallenden Lichtes kann bei der Kamera gesteuert werden, ganz ähnlich wie es die Pupille im Auge tut. Wichtiger für das Photographieren sind die Unterschiede. Das Auge ist wesentlich anpassungsfähiger und besitzt eine „Automatik“, mit der sich auch die modernste elektronische Kamera nicht messen kann. Ein weiterer Unterschied ist, daß wir mit zwei Augen sehen und unser Gehirn von dem Objekt zwei Bilder mit leicht unterschiedlicher Perspektive empfängt. Auf deren Verschmelzung zu einem einzigen Bild beruht das räumliche Sehen – im Unterschied zur zweidimensionalen Aufnahme. Hinzu kommt, daß die Kamera alles in unbestechlicher Objektivität aufzeichnet, während wir uns beim Sehen auf die Dinge konzentrieren, die uns am stärksten interessieren. Umgekehrt besitzen Kameras Fähigkeiten, die dem Auge versagt sind. Da eine Aufnahme nur einen kleinen Ausschnitt aus der Wirklichkeit zeigt, kann es unsere Aufmerksamkeit auf Einzelheiten lenken, die wir sonst eventuell übersehen würden. Und da die Kamera Bewegungen einfrieren kann, lassen sich Einzelheiten von Bewegungsabläufen sichtbar machen, die das Auge sonst nicht wahrnimmt. Der wichtigste Unterschied zwischen Sehen und Photographieren ist wahrscheinlich, daß Auge und Gehirn aus der ständig wechselnden Szenerie jeweils die Dinge auswählen, die interessant sind, und alles Übrige ignorieren. Die Kamera hält dagegen im Augenblick des Auslösens alles fest, was im Sucher oder auf dem Display zu sehen ist. Wenn wir die Kamera auf den interessanten Ausschnitt der Wirklichkeit richten, so werden die ersten 10.000 Aufnahmen nicht die schlechtesten sein.
 

Fotografieren in der Praxis 03 / 2005

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