Die faszinierende Welt im Kleinen - Photomicrographs

Aus der Serie Imago: Fliegenkopf, 50:1, 2002 Bildgalerie betrachten

“Aus der Serie Imago:
Fliegenkopf, 50:1, 2002”
Claudia Fährenkemper

Claudia Fährenkemper ist künstlerische Photographin und beschäftigt sich seit zehn Jahren mit der Mikrophotographie. Ihre rasterelektronenmikroskopischen Photographien zeigen Bilder aus Bereichen, die dem menschlichen Auge ohne technische Hilfsmittel nicht zugänglich sind. In ihren ständig wachsenden Serien erforscht sie Insekten, Pflanzensamen, Amphibienlarven, Kristalle und Plankton und präsentiert ihre Objekte vor tiefschwarzem Hintergrund in vielfältigen Weiß- und Grauschattierungen.

Claudia Fährenkemper benutzt für ihre Aufnahmen ein Rasterelektronenmikroskop (REM). An die Stelle des sichtbaren Lichts tritt beim REM ein Elektronenstrahl, so daß die Grenzen der Beobachtung und Abbildbarkeit dadurch deutlich erweitert werden. Vor allem die enorme Schärfentiefe des REMs macht es möglich, daß wir die Mikrowelt als präzises, detailreiches, plastisch-räumliches Bild sehen. Auch die speziellen "Lichtverhältnisse" durch unterschiedliche Reflextion der Elektronenstrahlen an dünnen oder dicken, tiefer- oder höherliegenden Strukturen prägen wesentlich die Bildwirkung. Die Oberflächen der Objekte und ihre vielfältigen strukturalen Besonderheiten werden mittels des Elektronenstrahls abgetastet und leuchten schließlich aus dem Dunkel der Bildgründe heraus. Es entsteht eine Bildästhetik speziell technischer Natur mit einem "High-Tech-Ambiente", das uns zum Beispiel aus Science Fiction Filmen vertraut ist.

Die REM-Bilder entstehen in einem Hybridverfahren. Die Aufzeichnung des Bildgegenstandes geschieht auf digitalem Wege durch den Scanvorgang des Elektronenstrahls. Die Ausbelichtung des Bildes erfolgt dann mit einer an das Mikroskop gekoppelten Rollfilmkamera auf Schwarzweißnegativfilm. Der digitale Zwischenschritt bleibt unsichtbar, entscheidend für die Bildpräsentation ist die Qualität des Silbergelatineabzuges in Formaten von 40 x 50 cm bis 80 x 100cm. Da dies ein monochromes Verfahren ist, ist für Claudia Fährenkemper eine fiktive farbige Gestaltung der Bilder - wie wir sie aus Magazinen kennen - nicht relevant. Als Erscheinungen jenseits des Sichtbaren entfalten ihre Bilder eine Autonomie jenseits wissenschaftlicher Deutung und zeigen uns eine mehr generalisierende Sicht auf sonst nur Wissenschaftlern verschiedener Spezialdisziplinen zugängliche Welten.

Fährenkempers Mikrophotographien erschließen durch ihre Präzision Einblicke in Naturzusammenhänge, vermitteln eine Idee von der Vielfalt der Lebensformen und beziehen dabei die Frage nach der Position des Menschen im Naturgefüge mit ein. Ihre Bildserie von Insektenköpfen Imago erinnert an eine Ahnengalerie unbekannter Portraits mit seltsamen Physiognomien. Ihre Photographien von Pflanzensamen Embryo sind Embryonen in einem frühen Zellteilungsstadium nicht unähnlich, ihre photographischen Details von Amphibienlarven Metamorphosis überraschen mit ihrer Nähe zu menschlichen Händen und Gestik und ihre Kristallaufnahmen Habitus schließlich entführen uns in eine scheinbar vertraute, dennoch unheimliche architektonische Welt. Was ihre Bilder in ihrer formalen und technischen Realisierung so bezwingend macht, ist vor allem das Wissen Fährenkempers um die architektonischen und skulpturalen Qualitäten ihrer winzigen Objekte, die sie fast sinnlich erfahrbar macht.

Die Künstlerin näherte sich der Mikrowelt über Landschafts- und Industriephotographie. Von 1988 bis 1993 entstand mit einer Großformatkamera eine umfangreiche Serie über den deutschen Braunkohlentagebau und den in ihnen eingesetzten Fördergeräten. Es lag ihr dabei an der photographisch genauen Wiedergabe der filigranen, mobilen Konstruktionen und ihren riesigen Ausmaßen. Diese Dimensionen waren mit dem menschlichen Auge ebenso wenig zu erfassen wie die Mikrowelt, der sie sich 1994 zuwandte.

Claudia Fährenkemper (1959) studierte an der Fachhochschule Köln bei Arno Jansen und an der Kunstakademie Düsseldorf bei Bernd und Hilla Becher sowie bei Nan Hoover, wo sie 1995 ihr Studium als Meisterschülerin abschloß. Durch zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, deutsche und englische Publikationen, Ankäufe ihrer Arbeiten in privaten und öffentlichen Sammlungen in USA, Kanada, Schweiz und Deutschland und nicht zuletzt durch ihr Buch "Photomicrographs", erschienen 2004 bei Hatje Cantz, wurden ihre Arbeiten bekannt. Sie wird vertreten durch die Frankfurter Galerie Poller (www.galerie-poller.com).
 

Fotografieren in der Praxis 09 / 2005

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