Das Selbstbildnis

Wer bin ich Bildgalerie betrachten Blende ,“Wer bin ich”
Stefanie Rumpler, 17 Jahre

Das Selbstbildnis kann mit als die größte photographische Herausforderung angesehen werden, denn es gilt, die charakteristischen Merkmale nicht eines anderen, sondern des eigenen Ichs herauszustellen und zu betonen. Bevor der Auslöser betätigt wird, ist die Frage zu klären, wie man sich dargestellt wissen möchte - zurückhaltend, cool, nachdenklich, fröhlich oder beispielsweise erotisch. Daß die Doppelrolle als Photograph und als Modell besondere photographische Fähigkeiten voraussetzt, ist selbsterklärend, denn die Portraitphotographie zählt an sich zu der höchsten Kunst in der Photographie. Zunächst muß das Selbstbildnis als Ganzes im Geist geschaffen werden. Benutzt man weder einen Spiegel noch ein Double, so zeigt der Kamerasucher lediglich den leeren Hintergrund; Pose und Ausdruck des Ichs bleiben dem Augenblick der Aufnahme überlassen. Die präzise Scharfeinstellung erweist sich als überaus schwierig, weil es das sichtbare Gegenüber nicht gibt, auf das man das Objektiv richten kann. Das Auslösen des Verschlusses hingegen bereitet durch den Menüpunkt „Selbstauslöser“ oder aber den Einsatz eines Drahtauslösers keine Schwierigkeiten. Der Selbstauslöser birgt eventuell aber einen großen Nachteil; mancher Photograph wird feststellen, daß der Gesichtsausdruck, den die Kamera aufzeichnete, lediglich der des Triumphes darüber ist, daß man sich rechtzeitig in die beabsichtigte Positur setzen konnte, bevor man das Klicken des Selbstauslösers hörte. Abhilfe schafft sicherlich der Selbstauslöser in Kombination mit der Serienbildfunktion.

Das Selbstbildnis, das mit Hilfe eines gegenüberliegenden Spiegels aufgenommen wird, ist in vieler Hinsicht die einfachste Lösung; dem Anfänger allerdings kann das „Spiegelportrait“ zur Falle werden. Es ist möglich, daß man ein scharfes Bild des Spiegelrahmens aber ein unscharfes Bild von sich selbst im Spiegel erhält. Grund hierfür ist, daß das Bild für die Kamera so weit hinter der Spiegelfläche liegt, wie die Entfernung von einem zum Spiegel - die Lichtstrahlen müssen zum Spiegelglas und wieder zurück zur Kamera wandern. Um also ein scharfes Bild zu erhalten, muß man das Objektiv auf sein Spiegelbild und nicht den Rahmen des Spiegels einstellen. Steht man zum Beispiel zwei Meter vor dem Spiegel und befindet sich die Kamera auf einem Stativ einen halben Meter vor einem, so beträgt die richtige Aufnahmeentfernung dreieinhalb Meter und nicht, wie irrtümlich angenommen, zwei Meter.

Als überaus reizvoll können Selbstportraits angesehen werden, sie haben nichts von Selbstverliebtheit, wie Außenstehende kritisch annehmen könnten. Das Themengebiet bietet unendlich viel Spielraum bis hin zum täglichen Selbstportrait immer aus der gleichen Perspektive. Über einen längeren Zeitraum konsequent verfolgt entsteht eine Serie, die vielsagender nicht sein könnte und ein unschätzbares Zeitdokument darstellt.
 

Fotografieren in der Praxis 01 / 2006

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