Selektive Schärfe - wieso Objektive mit großer Anfangsblende gut sind

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Moritz Maler

Der Begriff der „kritischen Blende“ täuscht, denn damit ist nicht etwa etwas wirklich Kritisches gemeint, sondern vielmehr die Blendeneinstellung, bei der das Objektiv seine beste Leistung bringt. Was ein Objektiv aber wirklich kann, wie gut es ist, zeigt sich erst bei offener Blende. Wenn Licht fehlt oder ein Hauptobjekt vor unscharfem Hintergrund freigestellt werden soll, dann punkten hochwertige Objektive mit großer Anfangsöffnung.

Objektive mit größerer Blende (also kleinerer Blendenzahl) sind oft wesentlich teurer als die lichtschwache Variante, doch die Investition lohnt sich. Bei Teleobjektiven tragen die Flaggschiffe der Palette oft die zusätzliche Bezeichnung Apo (eine Kurzform für Apochromat). Solche hochwertigen Objektive zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie lichtstark sind, sondern auch dadurch, dass sie bei offener Blende maximale Schärfe bieten. Günstigere Objektive sind meist ein Kompromiss aus Möglichem und Bezahlbarem und verzeichnen beispielsweise zum Rand hin, wo teure Apo-Optiken den gesamten Bildkreis optimal abbilden. Außerdem wird bei diesen Objektiven besonders darauf geachtet, dass die chromatische Abberation beseitigt wird. Diese entsteht, weil Licht unterschiedlicher Wellenlänge in Linsen unterschiedlich gebrochen wird, es entstehen Farbsäume und damit Unschärfen.

Mit Objektiven mit großer Anfangsblende, kombiniert mit hoher Schärfeleistung, lassen sich schmale scharfe Streifen vor großer Unschärfe wirkungsvoll in Szene setzen. Bei hart beschnittenen Porträts beispielsweise können so die Augen scharf, die Wimpernspitzen aber bereits unscharf abgebildet werden. Teleobjektive bilden so eine stehende oder sitzende Person exakt scharf ab, während um das Hauptmotiv herum alles unscharf wird. Besonders reizvoll ist diese Möglichkeit bei gleichmäßig gemusterten Böden, also gepflasterten Plätzen. Dann kann der Photograph sein Hauptobjekt und eine, maximal zwei Steinreihen, scharf hervorheben.

Aber auch beim normalen Porträt oder beim Photographieren von einzelnen Objekten ist eine große Blende von Vorteil. In Kombination mit einer langen Brennweite gelingt es damit leichter, Gesichter vor unscharfem Hintergrund freizustellen, obwohl dieser vom Motiv nicht sehr weit entfernt ist. Gleiches gilt natürlich auch für alle anderen Objekte. Ob ein am Baum hängender Apfel, der hervorgehoben werden soll, das Emblem einer Automarke, das auf dem Kühlergrill blitzt, oder eine Statue, die zwischen anderen Statuen steht. Mit offener Blende kann ein Objekt wirkungsvoll hervorgehoben werden, ohne dass es dazu selbst bewegt werden muss.

Einige Besonderheiten hat das Photographieren mit großer Blende. Zum einen muss der Photograph immer exakt scharf stellen. Egal ob mit Autofokus oder mit manueller Fokussierung: Schon geringste Abweichungen können die Schärfe um Millimeter nach vorne oder hinten verschieben. Wenn dann bei einem Porträt statt der Augen die Wimpern scharf sind, wird der Fehler schnell offensichtlich. Zum anderen verlangt eine offene Blende eine entsprechend kurze Verschlusszeit, damit die Bilder korrekt belichtet werden. In den meisten Fällen kann dabei auch die ISO-Einstellung an der Digitalkamera verringert beziehungsweise ein niedrigempfindlicher Film verwendet werden, so dass die Bilder rauscharm beziehungsweise feinkörniger werden.
 

Fotografieren in der Praxis 08 / 2007

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