Shiften - stürzende Linien vermeiden

Bruchsal -  mit Normalobjektiv aufgenommen Bildgalerie betrachten “Bruchsal – mit Normalobjektiv aufgenommen” Moritz Maler

Stürzende Linien sind bei Aufnahmen von Gebäuden Programm. Je höher das Gebäude ist, desto extremer ist der Effekt, daß parallele Linien im Bild nicht mehr parallel erscheinen, sondern am Ende aufeinander zulaufen. Dies tritt immer dann auf, wenn die Kamera beim Photographieren nach oben oder unten geschwenkt wird, die Blickrichtung also nicht mehr exakt horizontal ist.

Die stürzenden Linien wirken gerade bei Architekturaufnahmen mitunter außerordentlich störend. Zwar können sie auch als gestalterisches Mittel eingesetzt werden, meist jedoch vermitteln sie einen unnatürlichen Eindruck vom Objekt. Häuser sehen dann oft aus, als würden sie jeden Moment einstürzen. Zwei Möglichkeiten bieten sich an, stürzende Linien zu vermeiden: 1. Die Kamera waagerecht halten. Das hat allerdings zur Folge, daß die Bildmitte nicht einmal zwei Meter über dem Erdboden ist und fast das halbe untere Bild mit Straße, Platz oder Wildnis gefüllt ist, wenn der obere Teil vom Gebäude ganz im Bild sein soll. Auch muß für so ein Photo ausreichend freier Platz vor dem Gebäude sein, schließlich soll die Kamera nicht nach oben geschwenkt werden. Die 2. Möglichkeit ist die elegantere: der Einsatz eines Shift-Objektivs.

Shift-Objektive gehören zu den Spezialobjektiven, oft mit dem Zusatz „PA“, „PC“ oder „PCS“ versehen. Meist werden sie an Mittelformatkameras eingesetzt, manchmal auch an Kleinbildkameras. Bei Großformatkameras wird durch die besondere Bauart der Kamera kein Shift-Objektiv benötigt, dazu später mehr. Das Funktionsprinzip des Shift-Objektivs ist einfach: Meist wird das Objektiv parallel zur Film- oder Sensorebene mittels eines Einstellrings verschoben. Dadurch wird der photographierte Bereich in Richtung des Shift-Wegs verschoben. Objektiv und Film- oder Sensorebene liegen nicht mehr in einer Ebene, sondern abgestuft hintereinander.

Die besondere Bauart des Shift-Objektivs erfordert einige Extras. So muß die Optik beispielsweise einen wesentlich größeren Bereich abdecken als das effektive Negativformat beziehungsweise das Format des Sensors. Kommt die Shift-Technik zum Einsatz, wird beim Shiften nach oben vor allem der untere Teil des Objektivs benötigt, weil von dort das Bild auf Film oder Sensor gelangt. Die Shift-Mechanik läßt sich meist um 360 Grad drehen, so daß in jede Richtung geshiftet werden kann.

Entgegen der landläufigen Meinung, das Shift-Objektiv eliminiere den Abbildungsfehler, ist es tatsächlich so, daß durch die Shift-Technik ein Verschwenken der Kamera gar nicht nötig ist und somit auf Film oder Sensor erst gar keine stürzenden Linien entstehen. Shift-Objektive können auch als normale Objektive eingesetzt werden, wenn die Shift-Mechanik in der Nullstellung verbleibt.

Das Shift-Objektiv verschafft dem Photographen also einen Höhengewinn. Dieser läßt sich auch berechnen, im Mittelformat (6x6) beispielsweise nach folgender Formel: Höhengewinn = Abstand mal Shift-Weg geteilt durch Brennweite. Wenn also der maximale Shift-Weg 15 mm beträgt und die Brennweite 50 mm hat der Photograph bei 15 m Abstand zum Gebäude einen Höhengewinn von 4,5 m. Rechnet man zu diesen 4,5 m noch 1,8 m Körpergröße hinzu, dann kommt man auf eine fiktive Höhe von 6,30 m. Das ist hoch genug, um ein mehr als 12 m hohes Gebäude ohne stürzende Linien formatfüllend abzubilden. Bei Großformatkameras benötigt man deshalb keine speziellen Shift-Objektive, weil durch den Balgen die Mattscheibe, also der Planfilm, problemlos parallel zum Objektiv verschoben werden kann. Aber auch hier muß sorgfältig darauf geachtet werden, daß der Film exakt parallel zum Photoobjekt liegt.
 

Fotografieren in der Praxis 06 / 2005

2 Kommentare

Hallo Herr Grimm, Sie sind durch Ihre Recherche wahrscheinlich wesentlich tiefer in dem Thema als wir. Auf Ihre Frage haben wir keine Antwort. Ihr Prophoto-Team

Prophoto-Team

von Prophoto-Team
20. Februar 2017, 08:10:28 Uhr

Ihre Erläuterungen zu den Möglichkeiten von Shift-Objektiven hat mir gut gefallen. Ich befasse mich mit der Geschichte der Architektur-Photogrammetrie und hier besonders mit A. Meydenbauer und der Kgl. Pr. Messbild-Anstalt Berlin. Dieses Institut benutzte bei seinen Kameras neben Super-Weitwinkel-Objektiven (BUSCH Pantoskop & GOERZ Hypergon) auch die Objektiv-Verschiebung. Ist Ihnen bekannt, wer und wann die Objektiv-Verschiebung für Architektur-Aufnahmen einführte ?

Albrecht Grimm

von Albrecht Grimm
18. Februar 2017, 16:56:20 Uhr

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