Stative - Die Entdeckung der fotografischen Langsamkeit

© Fotograf: Bodo Appe, Speicherstadt in Hamburg, Photoglobus, Blende Fotowettbewerb
© Fotograf: Bodo Appe, Speicherstadt in Hamburg, Photoglobus, Blende Fotowettbewerb
Heute, und das hat jeder mit Sicherheit schon mehr oder weniger intensiv am eigenen Leib feststellen dürfen, muss alles schnell gehen. So auch in der Fotografie. Hier verlässt man sich vorzugsweise auf die Kameraautomatik, hetzt von Motiv zu Motiv, um ganz stolz mit hunderten Aufnahmen heimzukehren – mitunter ohne die Motive aber bewusst wahrgenommen zu haben. Inwieweit sich dies in der Qualität der Fotografien widerspiegelt, darüber möchten wir nicht urteilen, denn mit Sicherheit ist auch der eine oder andere Volltreffer dabei. Heute möchten wir für die fotografische Entschleunigung beziehungsweise die Entdeckung der fotografischen Langsamkeit werben. Es liegt sicherlich in der Natur der Dinge, in Zeiten der Digitalfotografie, wo keine Verbrauchsmaterialien, wie Filme, anfallen, den Auslöser nicht mehr stillstehen zu lassen. 500 und mehr Aufnahmen kosten ja quasi nichts, außer etwas Energie und die einmalige Anschaffung einer Speicherkarte. Verbunden mit der wilden fotografischen Jagd ist vielfach, dass wir uns für unsere Motive keine Zeit mehr nehmen und quasi im Vorrübergehen schnell ablichten. Bei dieser Bilderjagd sind wir unbewusst getrieben von einer Hast, die der Fotografie eigentlich entgegensteht. Um aus diesem – wir nennen es einmal Teufelskreis – herauszutreten, empfiehlt sich das Fotografieren mit einem Stativ. Dabei spielt es keine Rolle, ob mit einer Kompaktkamera oder mit einer Kamera mit Wechseloptik fotografiert wird. Aus unserer Sicht ist das Stativ nicht nur die dritte Hand des Fotografen, sondern es sorgt für wohltuende fotografische Entschleunigung, aber auch für die intensivere Auseinandersetzung mit dem Motiv und den technischen Optionen, die Aufnahmegeräte bieten. Die Fotografie beruhigt sich sozusagen und wir geben uns damit endlich wieder mehr Spielraum, unsere Kreativität zu entfalten.

© Fotograf: Ludwig Lernbecher, Landschaft im Nebelzauber, Photoglobus, Blende Fotowettbewerb
© Fotograf: Ludwig Lernbecher, Landschaft im Nebelzauber, Photoglobus, Blende Fotowettbewerb
Die Auswahl an Stativen ist riesengroß – für jeden Anlass gibt es die entsprechende Ausführung aus unterschiedlichsten Materialien, wie Holz, Aluminium, Carbon, Kunstfaser, ob klein oder groß, ob auf einem, drei oder vier Beinen stehend, mit oder ohne Mittelsäule, Wasserwaage, Kugelkopf oder Drei-Wege-Neiger, für wenig oder viel Geld. Qualität hat wie immer ihren Preis. Je hochwertiger ein Stativ ist, desto länger wird man daran Freude haben, desto mehr wird es einen bei den fotografischen Vorhaben unterstützen. Das Stativ, als Stütze der Kamera, muss natürlich zu ihr passen. Auf einem kleinen Tischstativ, das für Kompaktkameras ausgelegt ist, haben Kameras mit Wechseloptik schlichtweg nichts zu suchen, außer man will das Stativ in die Knie zwingen, weil man dem Partner gegenüber einen Grund für eine Neuanschaffung benötigt.

So unübersichtlich der erste Blick ins Stativsortiment sein mag, so viele Vorteile bietet die riesige Auswahl. Der Fotograf kann sich genau die Stativkombination zulegen, die er benötigt. Viele Fotografen verfügen über eine Vielzahl an Stativen, um für die unterschiedlichsten fotografischen Anwendungen gewappnet zu sein. Möchte man sich erstmalig ein Stativ zulegen, gilt es zunächst zu klären, wofür es hauptsächlich benötigt wird. Einen Grund haben wir mit der fotografischen Entschleunigung bereits gegeben.

Einbeinstative sind für viele Sport- und Naturfotografen eine willkommene Hilfe. Das Einbeinstativ gestattet es, mit mäßigem Kraftaufwand ein schweres Teleobjektiv schussbereit zu halten und bietet dennoch die nötige Flexibilität, um schnell ablaufenden Bewegungen des Fotomotivs folgen zu können. Darüber hinaus ermöglichen Einbeinstative längere Belichtungszeiten, ohne dass es dabei zu ungewollten Verwacklungen kommt.

© Fotograf: Mario Damke, Herbst Panorama, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Mario Damke, Herbst Panorama, Blende-Fotowettbewerb
Wesentlich stabiler, aber dafür auch weniger flexibel, ist die klassische Dreibeinkonstruktion. Solche Stative bieten, je nach Ausführung, ein Höchstmaß an Stabilität. Eine sorgfältig auf einem Stativ befestigte Kamera bleibt dort bis zur Ewigkeit stehen und ermöglicht theoretisch unendlich lange Belichtungszeiten. Das Stativ sollte allerdings zum restlichen Equipment passen. Zwei Faktoren sind dabei entscheidend; zum einen das Eigengewicht des Stativs, das der Fotograf beim Transport schultern muss, zum anderen die Stabilität. Je schwerer die Kamera und je länger die verwendete Brennweite, umso stabiler muss ein Stativ sein. Schließlich gibt es noch weitere Faktoren wie beispielsweise die Transportlänge, die, je nach den speziellen Bedürfnissen des Fotografen, eine Rolle spielen könnte.

Weniger geläufig sind die sogenannten Vierbeinstative. Sie garantieren einen wesentlich sichereren Stand und eine höhere Kippsicherheit. Dies kommt weniger auf ebenen Flächen zum Tragen, sondern bei unebenen Untergründen, wie Klippen oder Waldböden mit umgestürzten Bäumen. Das Vierbeinstativ garantiert sicheren Stand bei allen nur denkbaren Untergründen. Die Aufstellung ist zunächst gewöhnungsbedürftig, aber nach zwei drei Mal sind die Handgriffe in Fleisch und Blut übergegangen.

Sogenannte Tischstative, wie bereits erwähnt, gibt es ebenso, wie Stative mit beweglichen Armen, die sich an allerlei Dingen, wie Baumstämmen, Laternenmasten oder beispielsweise Gerüsten befestigen lassen. Diesen Stativen ist gemein, dass sie gewichtsmäßig in der Regel für Kompaktkameras ausgelegt sind – es gibt sie aber auch für Kameras mit Wechseloptik.

© Fotograf: Timo Stark, Alter Elbtunnel, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Timo Stark, Alter Elbtunnel, Blende-Fotowettbewerb
Ein weit verbreitetes Material für Stative ist Aluminium. Dieses ist ungleich günstiger als Kunstfaser, leider auch ein ganzes Stück schwerer. Dennoch: Für eine Kamera mit mittlerer Brennweite ist ein Aluminiumstativ eine gute Lösung.

Das derzeitige Nonplusultra im Stativbau ist Carbon (Kohlefaser). Dieses Material ermöglicht extrem steife und stabile Konstruktionen bei minimalem Gewicht. Solche High-Tech-Materialien haben zwar ihren Preis, sind dann im täglichen Einsatz allerdings unschlagbar. Eher ein Nischendasein führen inzwischen Stative aus Holz. Die besonderen Eigenschaften des Materials, die durchaus Vorteile mit sich bringen, sollten – neben den üblichen Parametern – mit in die Kaufentscheidung einbezogen werden.

Das Stativ ist allerdings nur ein Teil der Konstruktion. Zwischen Stativ und Kamera muss noch ein Stativkopf montiert werden. Zwei grundsätzliche Typen stehen dabei zur Auswahl: Drei-Wege-Neiger und Kugelköpfe. Bei einem Drei-Wege-Neiger wird jede Achse einzeln verstellt. Für Präzisionseinstellungen gibt es sogenannte Getriebeneiger. Das sind Drei-Wege-Neiger, bei denen die Achsen millimetergenau verstellt werden können. Oft bieten Getriebeneiger auch die Möglichkeit zum schnellen Verstellen der Achsen.

Kugelköpfe bieten eine unübertroffene Beweglichkeit, allerdings auch etwas weniger Präzision. Moderne Varianten garantieren dem Fotografen jedoch einige Hilfen. So bietet eine Panoramafunktion die Möglichkeit, auch eine auf einem Kugelkopf montierte Kamera exakt in der Waagerechten zu drehen. Mittels Friktionskontrolle kann die Beweglichkeit der Kugel an das Gewicht der Kamera angepasst werden.

Fotografieren in der Praxis 04 / 2014

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