Streetfotografie - Banale Augenblicke des Alltags

© Fotograf: Peter Milke, just hold me, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Peter Milke, just hold me, Blende-Fotowettbewerb
Die Streetfotografie hat eine lange Tradition. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts begannen Fotografen damit, sich der statischen, inszenierten und idealisierten Kunstfotografie hinzugeben. Mit der Einführung der Leica setzte in den 1920er Jahren die erste Blütezeit der Streetfotografie ein. Endlich hatte man mit der Kleinbildkamera das Aufnahmegerät dafür. Gemeinsamkeit der damaligen Fotografen war vorzugsweise aus der Hand zu fotografieren und im banalen urbanen Geschehen das Besondere zu entdecken an dem sich auch noch gesellschaftliche Phänomene ablesen ließen. Im Laufe der Entwicklung der Streetfotografie und im Jetzt angekommen, gibt es nichts mehr, was nicht lohnt, abgelichtet zu werden. Mit der Digitalfotografie ist die Streetfotografie nochmals in neue Sphären vorgedrungen. Dies spiegelt sich in der wachsenden Anzahl an Aufnahmen ebenso wider wie an der Bandbreite der Motive, aber auch im Hinblick auf die Diskussionen rund um den Urheberschutz. Jeder einzelne Streetfotograf tritt mit seinen Werken als Schöpfer der eigenen Realität auf. Oftmals kommt der Vorwurf der Manipulation auf. Nun, jeder Fotograf manipuliert allein durch die Wahl des Ausschnittes – das war schon immer so.

© Fotograf: Heiko Gietlhuber, Die ausgemusterte Ente, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Heiko Gietlhuber, Die ausgemusterte Ente, Blende-Fotowettbewerb
Betrachtet man sich Streetfotografien vor 1960 so enthüllen diese Augenblicke mit auf den Punkt gebrachten Momenten. Heutige Streetfotografien sind verstärkt auch von banalen Momenten des Alltags gekennzeichnet. Dort beispielsweise der Hund am Fußgängerübergang, die Katze vor dem Hauseingang oder die Menschenmenge in der Vorhalle eines Bahnhofs. Streetfotografie bedeutet nicht, dass zwangsläufig auch Menschen zu sehen sein müssen. Aufgrund ihrer Schlichtheit erscheinen die Motive in der Streetfotografie vielfach scheinbar belanglos. Die große Herausforderung besteht darin, diese banalen Augenblicke des Alltags durch fotografisches Handeln, Bedeutung zu verleihen. Das klingt einfach aber eben nur dann, wenn man die Klaviatur des Bildermachens versteht. Hier gilt es, sich an den Erfolg heranzutasten und immer auch ein Teil der Szenerie mit seinen Gedanken und Gefühlen zu sein.

© Fotograf: Kerstin Römhild, Zimmer mit Ausblick, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Kerstin Römhild, Zimmer mit Ausblick, Blende-Fotowettbewerb
Streetfotografie lebt von der Emotionalität. Ansatzpunkt muss es sein, den Aufnahmen einen Zauber zu verleihen. Dazu gehört, mit dem Licht zu spielen, ist es doch das Spiegelbild der Stimmung, die man in sich trägt und die man vermitteln möchte. Durch Komposition und Gestaltung sollte der Betrachter auf Entdeckungsreise geschickt werden. Dazu gehört auch, nicht alles in den Aufnahmen beantworten zu wollen. Warum sind Aufnahmen von Rückansichten so beliebt? Weil der Betrachter sie auf seine Art interpretieren kann und der Fotograf ihm auch den Freiraum dafür lässt. Selbst wenn in der Streetfotografie meist alles recht schnell gehen muss, so sollte man sich Zeit nehmen. Wichtig sind eine gute Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, Abläufe vorherzusehen. Erfahrung ist dementsprechend ein unerlässlicher Garant, denn sie lässt uns die nötigen Vorkehrungen treffen wie beispielsweise die Festlegung des Ausschnitts.

Aktuelle Kameramodelle mit ihren grandiosen schnellen Serienbildfunktionen oder gar 4K sind ein Segen für alle Streetfotografen. Damit verpasst man keinen Moment des Augenblicks und kann, wie von unserem Altmeister Henri Cartier-Bresson in Perfektion vorgemacht, komplexeste Situationen fotografisch auf den Punkt bringen.

© Fotograf: René Benner, Rad(t)los, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: René Benner, Rad(t)los, Blende-Fotowettbewerb
Streetfotografie ist kein Selbstläufer – hier heißt es, sich an den Erfolg heranzutasten. Übung macht bekanntlich den Meister und erweitert den Erfahrungsschatz. Natürlich führt gerade in der Streetfotografie vielfach der Zufall Regie. Für diesen Fall ist es natürlich von Vorteil, wenn man sein Aufnahmegerät aus dem FF beherrscht. Wichtig ist, sich in der Streetfotografie treiben zu lassen und sich dementsprechend nicht unter Druck zu setzen. Dazu gehört auch, eventuell den Auslöser gar nicht betätigt zu haben.

Das beste Aufnahmegerät für überzeugende Streetaufnahmen ist natürlich jenes, das man dabei hat. Hochwertige Kompaktkamera mit einem größeren Zoombereich und ausreichend Einstelloptionen sind für die Streetfotografie ebenso geeignet wie kompakte System- beziehungsweise Spiegelreflexkameras. Je nach Intention bieten sich das Normal-, Weitwinkel- oder ein leichtes Teleobjektiv an.

Fotografieren in der Praxis 07 / 2016

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2 Kommentare

Ich denke, das Wichtigste bei der Streetfotografie ist neben dem unerlässlich geübten guten Auge vor allem die innere Haltung gegenüber den Menschen die man aufnimmt. Und die eigene Freundlichkeit und innere Zuwendung zum Model erlauben wunderbare Streetaufnahmen. Wer einige meiner Beispiele sehen möchte, kann gerne auf meiner Homepage vorbeischauen: http://www.fotografiewelten.de/

von Andreas Maria Schäfer
13. Juli 2016, 12:57:56 Uhr

Es ist gar nicht mehr so einfach sich in Zeiten von Internet und Handyfotografie mit der Streetfotografie zu beschäftigen,überall , insbesondere in Deutschland , schlägt einem Misstrauen entgegen was vor Allem eine Folge des Internets zu sein scheint . Ich nutze seit einiger Zeit für diesen Motivbereich vor Allem unauffällige Kompaktkameras und versuche mit einem freundlichem Blick auf mein Gegenüber mögliche Spannungen zu minimieren denn wenn man an den Falschen kommt kann massiver Ärger angesagt sein und das lohnt dann auch nicht .

von Hans Lachmann
13. Juli 2016, 11:19:25 Uhr

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