Warum es in der Streetfotografie wichtig ist, den Bildraum zu gestalten

Fotografische Konzentration auf das Wesentliche führt meist zum Bilderfolg

© Fotograf: Daniel Straulini, Wasserstraße, Blende-Fotowettbewerb
Daniel Straulini, Wasserstraße (Die Aufnahme zeigt das Wasser zwischen den Gebäuden in Hamburg), Blende-Fotowettbewerb

Authentizität das zeichnet die Streetfotografie aus – Inszenierungen sind verpönt, wobei die Fragen erlaubt sein müssen, inwieweit diese gegebenenfalls für den Betrachter überhaupt erkennbar sind und wo diese bereits anfangen. In gewisser Weise inszeniert der Fotograf schon durch die Wahl seines Aufnahmestandpunkt, seine Entscheidung für Normal-, Weitwinkel- oder Teleobjektiv und durch das Spiel mit den fotografischen Optionen wie Schärfe und Unschärfe. Diese Einflussnahme ist jedoch ein Muss, ist die Gestaltung des Bildraums für die Wirkung des Motivs essenziel. Bildgestaltung ist alles andere als ein Selbstläufer. In gewisser Weise gilt es, sie zu erlernen und sich in ihr stetig zu probieren. Ausstellungsbesuche und Fotobücher schärfen zusätzlich den Blick für den Bildraum. Festgeschriebene Gesetze gibt es nicht und das ist auch gut so. Natürlich gibt es auch in Punkto Bildgestaltung Trends, die ausgemacht werden können. Aktuell sehr beliebt, so scheint es, ist in der Streetfotografie das Spiel mit der Bewegungsunschärfe sicherlich auch ausgelöst dadurch, Menschen unkenntlich zu machen, damit man nicht gegen das Recht am eigenen Bild verstößt, wenn Aufnahmen öffentlich gemacht werden. Die Wahl einer extremen Perspektive gewinnt auch zunehmend an Beliebtheit – bestimmt auch deshalb, um damit vom Gewohnten abzuweichen und in der Flut der Aufnahmen mit seinen mehr aufzufallen.

Bildformat

© Fotograf: Thomas Schneider, Die Kehrseite des Reichtums, Blende-Fotowettbewerb
Thomas Schneider, Die Kehrseite des Reichtums, Blende-Fotowettbewerb

Wie der Bildraum gestaltet wird hängt vom gewählten Bildformat ab. Als Bildformate bekannt sind uns allen das Quer- und das Hochformat – aber da gibt es auch noch das quadratische sowie das Panoramaformat. Durch unser Sehfeld neigt man dazu, Motive bevorzugt im Querformat abzulichten. Geprägt wird man hier sicherlich auch durch die Visualisierungen im Internet oder beispielsweise in Tageszeitungen. Das hängt mit der Spaltenbreite bei den Tageszeitungen und im Internet mit dem Aufbau der Homepages zusammen, die dem Format der Bildschirme folgen und die geht, wie bei den Fernsehern, in die Breite. Das Querformat ist in der Streetfotografie das bevorzugte. Das soll im Umkehrschluss jedoch nicht heißen, nicht auch im Hochformat zu fotografieren. Für welches Bildformat man sich entscheidet ist letztendlich motivabhängig.

Raumtiefe

© Fotograf: Andy Donath, old Bike, Blende-Fotowettbewerb
Andy Donath, old Bike, Blende-Fotowettbewerb

Ein wichtiger Ansatz ist in der Fotografie, und so natürlich auch in der Streetfotografie, zunächst die Konzentration auf das Wesentliche und mit welchen fotografischen Möglichkeiten diese erreicht wird. Ein leicht seitlicher Aufnahmestandort beispielsweise kann für mehr Raumtiefe sorgen, wodurch das Motiv weniger statisch, also dynamischer, wirkt. Raumtiefe wird auch durch sogenannte Fluchtlinien erzielt. Je steiler diese verlaufen, desto intensiver ist die Tiefenwirkung ausgeprägt. Ebenfalls Einfluss auf die Raumtiefe hat die Wahl der Blende – je offener die Blende ist, desto geringer ist die Schärfentiefe und desto höher ist die Plastizität im Bildraum ausgeprägt. Ein weiteres probates Mittel, um Raumtiefe zu erzeugen, ist die Gestaltung von Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Diese Staffelung lenkt den Betrachter in das Foto hinein. Für mehr Raumtiefe kann auch ein tieferer Aufnahmestandpunkt in Bodennähe sorgen.

Dreieckskomposition

Ist von Dreieckskomposition im Bildraum die Rede, so muss man unweigerlich an den Maler Caspar Davis Friedrich denken, der für seine Gemälde oftmals mit Zirkel und Geodreieck arbeitete. Optische Harmonie, sehr gerne angewandt in Streetfotografie, beispielsweise bei der Vogelperspektive auf einen Platz, wird durch die Anordnung der Motive im Dreieck erzielt. Wie der goldene Schnitt hat das Dreieck eine ordnende und damit harmonisierende Funktion. Die Dreieckskomposition des Bildraumes wirkt sehr starr und steht aktuell einer modernen Bildsprache entgegen.

Spiel mit den Größenverhältnissen

Das Auge liebt das Spiel mit den Größenverhältnissen, also beispielsweise einer großen Person im Vorder- und einer kleineren im Hintergrund. Die Unterschiede in den Größenverhältnissen müssen dabei nicht zwangsläufig groß ausfallen. Ein zusätzlicher Spannungsbogen wird aufgebaut, wenn die Größenunterschiede nicht gleich unmittelbar wahrgenommen werden.

Raus aus der Bildmitte

© Fotograf: Nicolas Saracchini, Wo gehen die Leute hin, wenn es regnet?, Blende-Fotowettbewerb
Nicolas Saracchini, Wo gehen die Leute hin, wenn es regnet?, Blende-Fotowettbewerb

Gerade Einsteiger in die Fotografie neigen gern dazu, ihr Hauptmotiv in die Bildmitte zu platzieren. Das macht Fotografien in der Regel schnell langweilig, weshalb die Positionierung auch wenige Zentimeter außerhalb der Bildmitte den Spannungsbogen erhöht. Natürlich gibt es auch Motive, wo es Sinn macht, sie in die Bildmitte zu platzieren. Denken wir hier nur an die Flucht- oder Zentralperspektive.

Extreme Perspektiven, vom Gewohnten abweichen

© Fotograf: Thomas Schneider, Via Dolorosa, Blende-Fotowettbewerb
Thomas Schneider, Via Dolorosa, Blende-Fotowettbewerb

In der modernen Bildsprache sind optische Brüche, also Irritationen, ebenso ein sehr beliebtes Stilmittel wie die Wahl einer ungewohnten Prespektive. Zu Zeiten Ansel Adams waren Fotografien durch Harmonie gekennzeichnet – dies ist heute anders was sicherlich auch im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Veränderungen steht. Ein weiterer Punkt ist aber auch, dass man in seinen Aufnahmen vom Gewohnten abweichen muss, wenn Bilder auffallen sollen. Doch Achtung, denn im Selbstzweck sollte man sich nicht verlieren. Optische Brüche werden durch Motive herbeigeführt, die entgegen zum Abgebildeten stehen. Eine extreme Perspektive ist eine Sicht auf Motive wie wir sie sonst nicht gewohnt sind.

„Blende“ – Der Fotowettbewerb für Fotobegeisterte jeden Alters

„Blende“, ist der Wettbewerb für Fotobegeisterte aller Altersgruppen. Seit Jahrzehnten ist „Blende“ ein Trendbarometer für den Stand der Fotografie und damit ein wichtiges Zeitdokument. Die jährliche Gemeinschaftsaktion von Tageszeitungen und der Prophoto GmbH begeistert Teilnehmer, Veranstalter und Bildgenießer gleichermaßen.

„Blende“ bietet allen Amateurfotografen ein Forum und die große Chance, ihre Schaffenskraft zum Besten zu geben. Dazu gehört auch, mit Gleichgesinnten zu den thematischen Vorgaben in den Wettstreit zu treten. Dabei wachsen die Teilnehmer über sich hinaus und geben Zeugnis über ihr kreatives fotografisches Potential. Ihre Bilder sind allesamt fotografisch konservierte Augeneindrücke, die durch ihre Teilnahme an „Blende“ zudem den Raum der privaten Betrachtung verlassen und den öffentlichen Schauplatz betreten. Nur die Präsentation der „Blende“-Bildeinsendungen in den Galerien auf unserer Homepage erscheint uns ausbaubar. Deshalb zeigen wir – vielfach mit Unterstützung der „Blende“-Fotografen – auf, was notwendig ist, um zu so sehenswerten Aufnahmen, wie hier veröffentlicht, zu gelangen. Damit soll nicht zum Kopieren inspiriert werden, sondern motiviert werden zum eigenen Spiel mit Zeit und Blende. Übrigens: Der Startschuss zu „Blende 2018“ ist inzwischen gefallen.

Fotografieren in der Praxis 05 / 2018

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