Keine Angst vor stürzenden Linien

DG-Bank-Tower in Frankfurt am Main Bildgalerie betrachten

Blende ,“DG-Bank-Tower in Frankfurt am Main”
Jutta Meyer zu Riemsloh

Architekten sind bemüht, die von ihnen geplanten und errichteten Häuser möglichst gerade hochzuziehen. "Windschiefe" Konstruktionen hat man weniger gern, abgesehen vielleicht vom schiefen Turm zu Pisa. Auch wenn ein solcher Bau die Touristen scharenweise anzieht, der Normalfall sind lotrechte Außenmauern. Die photographische Abbildung macht die Anstrengungen der Baumeister bisweilen zunichte, nämlich immer dann, wenn eine Kamera mit starrem Objektiv nicht senkrecht auf das betreffende Gebäudes gerichtet wird. Wer vor einem Hochhaus steht und dieses aus relativ kurzem Abstand bis zur Spitze auf das Bild bekommen will, muß die Kamera gewaltig gen Himmel schwenken. Auf dem Film beziehungsweise dem digitalen Speichermedium sieht es dann so aus, als würden die an sich parallelen Außenwände nach oben hin zusammenlaufen. Diese im Photo auftretende Verjüngung des Bauwerks erweckt beim Betrachter den Eindruck des nach hinten Wegkippens. Man spricht deshalb auch von "stürzenden Linien".

Grund für diesen auffälligen Effekt ist die Tatsache, daß bei der Aufnahme die angepeilte Häuserfront und die Filmebene in der Kamera nicht parallel zueinander stehen. Mit einer Fachkamera, die über entsprechende Verstellmöglichkeiten verfügt, lassen sich stürzende Linien vermeiden. Der Kleinbildkamera mit starrem Gehäuse und Objektiv bleibt diese Möglichkeit leider verschlossen. Allerdings gibt es für dieses Format spezielle Optiken, Shift-Objektive, die stürzende Linien innerhalb gewisser Grenzen unterdrücken. Sie tragen gewöhnlich die Zusatzbezeichnung "PA", "PC" und "PCS" und gestatten es, das Blickfeld der Kamera seitlich, nach unten oder nach oben zu erweitern, so daß in der jeweiligen Richtung ein größerer Aufnahmebereich erfaßt wird, ohne die Filmebene beziehungsweise die des CCD-Sensors aus ihrer senkrechten Stellung neigen zu müssen.

Wer über ein solches Spezialobjektiv nicht verfügt, braucht auf die Architekturphotographie keineswegs zu verzichten. Peilt man ein Bauwerk aus größerem Abstand mit einem Teleobjektiv an, muß die Kamera kaum noch die waagrechte Aufnahmerichtung verlassen. Kommt man aber um die kurze Brennweite nicht herum, weil das betreffende Objekt dicht umbaut ist, sind stürzende Linien unvermeidbar, aber kein Malheur, wenn sie als gestalterisches Mittel genutzt werden. Dieser Effekt macht sich umso gravierender bemerkbar, je kürzer die eingesetzte Brennweite ist. So führen stärkere Weitwinkelobjektive (28, 24, 21, 19 mm und kürzer) mit ihrer steilen Perspektive zu recht dramatischen Bildern. Man stelle sich mit einer entsprechend ausgerüsteten Kleinbildkamera dicht vor einen Wolkenkratzer, einen Fernsehturm oder eine hohe Säule und schwenke das Objektiv steil nach oben. Vor allem bei einäugigen Spiegelreflexkameras ist die Wirkung schon gut auf der Suchermattscheibe zu beurteilen.

Diese Art der dynamischen Bildgestaltung läßt sich für vielerlei Zwecke einsetzen. Betonklötze, die man zu Wohnhäusern deklariert hat, ragen nun wie Pfeile in den Himmel. Die Säulen eines griechischen Tempels, steil von unten photographiert, scheinen ihre Standfestigkeit zu verlieren. Stürzende Linien verfälschen zwar die Realität, sind aber ein legitimes gestalterisches Mittel. Wenn man nicht zu zaghaft ans Werk geht, verstärken sie den subjektiven Eindruck der räumlichen Ausdehnung eines Bauwerkes.

 

Fotografieren in der Praxis 04 / 2004

58 Bewerten  |  Drucken  |  Weiterempfehlen
Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden