Im Fokus: Technische und ästhetische Aspekte von Schärfe und Unschärfe

Was ist Schärfe? Seit den Anfängen der Fotografie gilt Schärfe als die wichtigste Kenngröße für die technische Qualität fotografischer Aufnahmen. Dabei bezeichnet der Begriff nur den visuellen Eindruck und keineswegs aber eine messbare, physikalische Größe. Allgemein verstehen Betrachter unter dem Begriff Schärfe die Genauigkeit, mit der eine Fotografie die Details des abgebildeten Motivs wiedergibt. Diese hängt von einer ganzen Reihe unterschiedlicher Faktoren ab. Die wichtigsten davon sind die präzise Entfernungseinstellung am Objektiv sowie dessen Auflösungsvermögen und seine Kontrastleistung, denen die Eigenschaften der Aufnahmemedien also Sensor und Film entsprechen müssen.

© Georg Schuh, Kreuzfahrtschiff, Siegerfoto Olympus Fotowettbewerb 2017 Big Pictures
© Georg Schuh, Kreuzfahrtschiff, Siegerfoto Olympus Fotowettbewerb 2017 „Big Pictures“

Die Kunst ein gutes Bild zu machen beginnt damit, auf welchen Details im gewählten Motiv die optimale Schärfe liegen soll

Was die Erfinder der Fotografie angetrieben hat, war nichts weniger als der ewige Traum der Menschheit, die Welt die sie umgibt, so realistisch wie nur möglich in Bildern festzuhalten. Wo die Malerei an ihre Grenzen stieß, begann die große Hoffnung der Fotografie. Eine der frühen Methoden, sich diesem Ziel zu nähern war die „Camera Obscura“ (lat. camera = Kammer, obscura = dunkel): Eine dunkle Kammer, später auch nur ein Kasten, mit einem Loch in der Wand, durch das die einfallenden Lichtstrahlen ein Abbild des Geschehens von draußen auf die gegenüberliegende Fläche im Inneren der Kammer warfen. Später nutzte man auch Linsen, um die Strahlen zu bündeln und ein besseres, schärferes Bild zu erhalten, das die Maler nachzeichneten. Durch die Erfindung der Fotografie, mit der sich das projizierte, aber ansonsten flüchtige Bild, durch lichtempfindliche Chemikalien dauerhaft fixieren ließ, begann eine völlig neue Ära der visuellen Kommunikation. Die Systeme zur Bilderfassung wurden immer perfekter, kleiner und einfacher zu bedienen. Heute kann jeder seine Erlebnisse notfalls nur per Fingerzeig gestochen scharf und in brillanten Farben als Foto oder im Film festhalten und direkt nach der Erstellung über die sozialen Netzwerke mit beliebig vielen Personen auf der ganzen Welt teilen. Doch trotz perfekter Technik und den modernsten Automatiken bleibt die richtige Wahl der Schärfe noch immer die Hauptfehlerquelle auf dem Weg zum guten Bild. Nicht etwa weil es schwierig wäre ein scharfes Foto zu machen oder einen scharfen Film zu drehen, sondern weil die Kunst ein gutes Bild zu machen damit beginnt, auf welchen Details im gewählten Motiv die optimale Schärfe liegen soll, ein Problem das Fotografen mit einer Lochkamera nicht kennen, denn die fotografierten ohne Objektiv und Entfernungseinstellung. Bis heute nutzen Fotografen gern aus gestalterisch, künstlerischer Motivation diesen Kameratyp – gerade auch wegen des speziellen Unschärfecharakters der Bilder.

Grundgedanken über das Wesen der Schärfe und wovon sie abhängt

Raffinierte Autofokussteuerungen, die punktgenau auf das wesentliche Detail im Motiv scharfstellen, mit denen sich wahlweise die Schärfeebene automatisch präzise auf das rechte wie auf das linke Auge legen lässt, schaffen es dennoch immer noch nicht verlässlich, durch kreative Platzierung der Unschärfeanteile in einem Bild, den Impact einer Fotografie zu erhöhen. Deshalb zur Einführung in die Gestaltungspraxis mit Schärfe und Unschärfe ein paar Grundgedanken über das Wesen der Schärfe und wovon sie abhängt. Die wichtigste Voraussetzung für das Erreichen der korrekten wie der nach gestalterischen Aspekten optimalen Schärfe ist die richtige Entfernungseinstellung. Diese legt fest, in welcher Entfernung vor und hinter der eingestellten Schärfenebene Objekte im Motiv noch als scharf wahrgenommen werden. Die Ausdehnung des Schärferaums liegt etwa zu einem Drittel vor und zu zwei Dritteln hinter der gewählten Entfernungseinstellung. Die Gesamtausdehnung ist wiederum von mehreren Faktoren abhängig: dem Abbildungsmaßstab und der Blendenöffnung. Je offener die Blende und je größer der Abbildungsmaßstab umso kleiner wird der Raum vor und hinter der eingestellten Entfernungsebene, der vom Betrachter noch als scharf wahr genommen wird. Es sind also nicht, wie irrtümlich häufig angenommen wird, das Sensorformat oder die Brennweite. Dazu ein Beispiel: Wird aus einer Weitwinkelaufnahme ein Bildausschnitt, der dem Bildwinkel eines 300 mm Teleobjektivs von gleichen Standpunkt entspricht, dann ist die Schärfeausdehnung in der Weitwinkelaufnahme identisch mit der in dem Foto mit dem Teleobjektiv. Vorausgesetzt beide verwenden die gleiche Blendenöffnung. Je kleiner die Blende gewählt wird und je geringer der Abbildungsmaßstab, umso größer wird die Ausdehnung des Schärferaumes vor und hinter der gewählten Schärfenebene und umgekehrt.

© Heiner Henninges, Sonnenblume, Bewegung, Flügelschlag
© Heiner Henninges, Sonnenblume, Bewegung, Flügelschlag

Teleobjektive wären theoretisch überflüssig, wenn die Auflösung für einen entsprechend hohen Vergrößerungsmaßstab ausreichen würde. Neben der korrekten Entfernungseinstellung sind auch das Auflösungsvermögen und die Kontrastleistung wichtige Parameter für den Schärfeeindruck. Als Auflösung wird allgemein die Fähigkeit eines optischen Systems bezeichnet, eine bestimmte Anzahl schwarzer und weißer Linien oder Punkte pro Millimeter zu unterscheiden. Doch ein ausreichendes Kriterium für scharfe Abbildungen ist das nicht. Denn um ein Bild als scharf wahrzunehmen, genügt nicht nur die Trennung von hellen und dunklen Strichen oder Punkten. Entscheidend ist, dass diese Elemente auch klar unterscheidbar als hell oder dunkel dargestellt werden, so dass sie der Betrachter mit dem Auge als klar getrennt wahrnehmen kann. Damit kommt der Kontrast ins Spiel: Für eine scharfe Aufnahme muss auch der Helligkeitsunterschied deutlich werden. Verkürzt ausgedrückt sind die optische Leistung des Objektivs im Zusammenspiel mit dem Auflösungsvermögen und der Empfindlichkeit des Sensors oder des Films ebenfalls wichtige Parameter für scharfe Bilder.

Grundvoraussetzung für die Erfassung fotografischer Bilder ist die Belichtung durch die Projektion des Bildes auf das lichtempfindliche Medium. Die Lichtmenge, die für ein optimales Bild bei einer gegebenen Sensorempfindlichkeit benötigt wird, steuert das Aufnahmesystem durch die Dauer der Verschlussöffnung und die Größe der Blendenöffnung im Objektiv. Eine zu weite Öffnung der Blende oder eine zu lange Belichtungszeit führen zu Überbelichtungen, sprich zu hellen Bildern. Zu kurze Belichtungen und zu kleine Blenden haben unterbelichtete, zu dunkle Fotos zur Folge. Für eine korrekte Belichtung muss – wie beim Füllen eines Topfes unter dem Wasserhahn – die Lichtmenge durch die Dauer der Lichteinwirkung und die Öffnung der Blende gesteuert werden. Theoretisch könnte der Fotograf für ein korrekt belichtetes, scharfes Bild beliebig an den Einstellungen drehen, so lange die Lichtmenge am Ende gleichbleibt. Bei schlechter Motivbeleuchtung macht er die Blende auf, erhöht die Sensorempfindlichkeit und verlängert die Belichtungszeit. Doch ganz so einfach geht es nicht, denn jeder dieser Faktoren hat auch einen Einfluss auf die Schärfe. So kann die Wahl eines zu hohen ISO-Wertes zu verrauschten Abbildungen führen. Eine zu große Blende kann eine zu geringe Schärfentiefe bewirken und bei zu langen Belichtungszeiten sind beim Fotografieren aus der Hand unscharfe Fotos durch Verwacklung wahrscheinlich. Auch würden zu schnell sich bewegende Objekte im Motiv nur verwischt wiedergegeben werden. Eine korrekte Belichtung reicht also längst nicht aus, um ein scharfes Bild zu erzeugen. Stattdessen wird der optimale Kompromiss zu ermitteln sein, der sicherstellt, dass Bewegungsunschärfe durch kurze Verschlusszeiten, Verwacklungen durch Bildstabilisation und kurze Belichtungszeiten vermieden werden, das Rauschen durch Rauschfilter unterdrückt oder durch die Wahl einer niedrigeren Empfindlichkeit vermieden werden und dass eine entsprechend kleine Blende angesteuert werden kann, bei der die Ausdehnung der Schärfe ausreicht, um alle bildwichtigen Details noch scharf abzubilden.

© Heiner Henninges, Schlosspark Nymphenburg in München, Hehe, Schärfentiefe, Rflexe
© Heiner Henninges, Schlosspark Nymphenburg in München, Hehe, Schärfentiefe, Rflexe

Unschärfe als Gestaltungsmittel zu platzieren ist heute vielfach kein Leichtes

Bewegungsunschärfe entsteht also durch die Bewegung des Objekts oder Motivs. Als Verwacklung bezeichnet man Unschärfe, die aufgrund von Kamerabewegungen während der Belichtung entsteht. Gegen beide Ursachen haben die Kamerabauer in der weit über 175jährigen Geschichte der Fotografie hocheffektive Mittel zu deren Vermeidung entwickelt. Sie haben kürzeste Belichtungszeiten durch elektronische Verschlüsse ermöglicht, die dadurch auch immer häufiger verwendet werden können, weil die Sensoren der Kameras immer lichtempfindlicher wurden. Gegen das Verwackeln haben sie hocheffektive Bildstabilisatoren in die Kameras und Objektive integriert. Moderne Kameras verfügen über Autofokussysteme die nicht nur blitzschnell die Schärfe auf jedes gewünschte Objekt legen, sondern wenn sich dieses bewegt auch mit der Schärfe verfolgen können. Scharfe, technisch perfekte Fotos aufzunehmen, dürfte damit heute keine Probleme mehr bereiten. Kein Wunder, dass sich die Kreativszene aktuell verstärkt der Unschärfe als Gestaltungsmittel widmet, die sich manchmal gar nicht so leicht exakt an der Stelle im Motiv platzieren lässt, wo man sie haben möchte.

Fotografieren in der Praxis 06 / 2017

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