Fototipps: Acht Tipps für bessere 360-Grad-Aufnahmen

Alexander Schütt © Alexander Schütt
Alexander Schütt © Alexander Schütt
Fotos und Videos mit Rundumblick aufzunehmen wird beliebter. Kein Wunder, gibt es doch immer mehr Kameramodelle, die ein Kugelpanorama auf Knopfdruck ermöglichen. Und soziale Netzwerke wie Facebook machen es zudem immer einfacher, Videos in 360-Grad-Perspektive hochzuladen. Die Kamerabedienung ist einfach. Doch wie gelingt eigentlich ein „gutes“ Kugelpanorama? Worauf sollten Fotografen und Videografen achten, wenn eben kein horizontal und vertikal begrenzter Bildrahmen den Blick lenkt? Wir haben darüber mit Alexander Schütt gesprochen. Er ist Spezialist für 360-Grad-Inhalte und Virtual Reality bei der Bewegtbild-Produktionsfirma TVN Group. Der Mitgründer der VR-Konferenz HANNOVR (nächstes Event: 28. Januar 2017) gibt Einsteigern acht inspirierende Tipps mit auf den Weg.

360-Grad-Aufnahme

Tipp 1: Kameras für 360-Grad-Aufnahmen müssen nicht teuer sein

Eine extra für dieses Genre konstruierte Kamera zu kaufen, ist empfehlenswert. Bereits für Preise zwischen 300 und 500 Euro werden leistungsfähige Kameramodelle zum Beispiel von Kodak, Nikon, Ricoh und Samsung angeboten. Diese an Konsumenten gerichteten Kameras bieten alles, was Interessierte benötigen. Sie verfügen über zwei Objektive, die aus zwei Fisheye-Ansichten ein Rundumbild kreieren. Die Bedienelemente sind sehr reduziert und bestehen oft aus nicht viel mehr als dem Auslöser und dem Umschalter zwischen Foto- und Video-Modus. „Selbst große Medienhäuser zeichnen mit solchen Konsumenten-Kameras zum Beispiel Reportagen aus Krisengebieten auf“, erklärt Video-Experte Alexander Schütt.

360-Grad-Panorama-Kamera © Berti Kolbow-Lehradt
360-Grad-Panorama-Kamera © Berti Kolbow-Lehradt

Tipp 2: Die Software aus dem Lieferumfang reicht völlig

Mit herkömmlicher Software lassen sich weder Fotos noch Videos in 360 Grad bearbeiten. Doch keine Sorge. Die Hersteller legen die intuitiv gehaltene Computer-Software in die Packung oder stellen sie als Smartphone-App via Gratis-Download zur Verfügung. „Was im Lieferumfang enthalten ist, ist absolut empfehlenswert für Enthusiasten, die sich erstmals mit dem Thema beschäftigen. Für einfache Schnittvorgänge und schnelles Sharing im Social Web reichen die Gratis-Lösungen völlig“, lautet die Erfahrung von Alexander Schütt. Profis hingegen greifen zum Beispiel zur Software Autopano von Kolor. Sie bietet mehr Möglichkeiten. Dafür schlägt sie mit € 700 zu Buche und erfordert eine gehörige Portion an Einarbeitung.

Tipp 3: Vorbereitung ist bei 360-Grad-Projekten besonders wichtig

Wichtiger Unterschied zu herkömmlichen Aufnahmen: Die Grenze zwischen den Akteuren und dem Geschehen hinter und vor der Kamera verwischt. „Bei einer planen Aufnahme kann ich vor mir die wunderschönste Szene aller Zeiten filmen, während hinter mir eine Müllkippe dampft. Bei 360-Grad-Bildern sieht man alles“, betont Alexander Schütt. Sofern es nicht nur um einen spontanen Schnappschuss geht, bei dem Details keine Rolle spielen, müssen Fotografen und Filmer die komplette Umgebung in die Bildkomposition integrieren. Will der Aufnehmende nicht selbst zu sehr in Erscheinung treten, muss er sich und sein Equipment außer Sichtweite platzieren und die Kamera per Smartphone-App fernsteuern. „Störende Objekte sollten am besten vor der Aufnahme entfernt werden. Sie hinterher weg zu retuschieren dürften die meisten Einsteiger als zu aufwendig empfinden“, empfiehlt der Video-Experte.

Ein Beispiel für ein gelungenes 360-Grad-Video ist dieser Clip über die Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr bei YouTube. Er wurde professionell produziert.

Tipp 4: Die erweiterten Storytelling-Möglichkeiten ausschöpfen

Dass Kugelpanoramen mehr Blickfeld bieten, ermöglicht Geschichtenerzählern sich auszutoben. „Einen Haupthandlungsstrang durch mehrere Nebenhandlungen zu bereichern, gibt dem Zuschauer mehr zu entdecken und macht die Aufnahme viel spannender“, erklärt Alexander Schütt. Bei Fotos bietet es sich an, abseits der Blickrichtung noch weitere interessante Objekte zu platzieren. Bei Videos können Panorama-Regisseure zum Beispiel einen Akteur durchs Bild laufen lassen, der den Blick des Zuschauers auf die Nebenhandlung lenkt.

Tipp 5: Bewegung ist spannend, zu viel davon sorgt für Übelkeit

Zu häufige Schwenks und erzwungene Wechsel der Blickrichtung in zu schneller Folge sollten Video-Regisseure vermeiden. Vor allem dann, wenn der 360-Grad-Film im Display einer Virtual-Reality-Brille betrachtet wird. Eine zu dynamische Kameraführung kann bei Zuschauern die sogenannte Simulator-Krankheit auslösen. Sie ist auch unter dem englischen Begriff „Motion Sickness“ bekannt. Sie kann abhängig von der Konstitution des Betrachters entstehen, wenn die Augen etwas Anderes sehen, als das Gleichgewichtsorgan wahrnimmt.

Tipp 6: Klassische Gestaltungsregeln helfen auch bei 360-Grad-Aufnahmen als Orientierung

Wer etwa die „Drittelregel“ beachtet, nach der ein Bild aus Vordergrund, Mittelteil und Hintergrund bestehen sollte, wertet auch ein Kugelpanorama auf, so Alexander Schütt: „Die Weisheit ’Vordergrund macht Bild gesund’ gilt auch bei diesem Genre“. Häufig seien Einsteiger so von der neuartigen Perspektive begeistert, dass sie sich auf den Ausblick am Horizont konzentrieren. Die Nahdistanz wird dann mitunter vernachlässigt. Durch die oft weitwinklige Brennweite wirkt eine eintönige Fläche dann noch trostloser. Wie löst man das? Zum Beispiel eine Aufnahme vom malerischen Traumstrand wird viel interessanter, wenn etwa ein knallbunter Wasserball die Sandfläche direkt vor dem Standpunkt der Kamera garniert.

Tipp 7: Extreme Lichtsituationen vermeiden

Ausgefressene Lichter oder abgesoffene Schatten stören bei einer 360-Grad-Aufnahme genauso sehr wie auch sonst in Fotografien und Videos. „Ist ein Objektiv auf einen besonders hellen Bereich und das andere Objektiv auf einen besonders dunklen Bereich gerichtet, können beim automatischen Zusammenfügen auffällige Übergangsfehler entstehen“, so Alexander Schütt. Nutzer können diesen Effekt mindern, wenn sie die Position der 360-Grad-Kamera entsprechend verändern. Die interne Bildverarbeitung kommt je nach Kamera mal besser, mal schlechter mit sehr großen Helligkeitsunterschieden klar. Mit Hilfe von Profi-Software können Nutzer extreme Helligkeitsunterschiede im Filmmaterial mit Objektivprofilen nachträglich wirkungsvoll korrigieren. Natürlicher, dies gibt der Fachmann zu bedenken, wirkt das Ergebnis jedoch, wenn eine extreme Belichtung von vornherein vermieden wird.

Tipp 8: Vom Schwarmwissen der Community profitieren

Einsteiger sollten sich nicht von der Herausforderung abgeschreckt fühlen. „Das Thema 360-Grad-Aufnahmen ist für alle neu. Es verändert sich ja alles so schnell, dass noch keiner die Experimentalphase verlassen hat“, so Alexander Schütt. Für den leichteren Einstieg in dieses faszinierende Genre empfiehlt Schütt, sich an die noch kleine, aber schnelle wachsende Internetgemeinschaft zu wenden. So entwickle sich die öffentliche Facebook-Gruppe 360° VR Video Professionals zu einem beliebten Treffpunkt im Web. „Man hilft sich gern. Wir wollen ja alle noch was lernen.“

Fotografieren in der Praxis 01 / 2017

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