Fotopraxistipp: Umsetzen einer Bildidee am Beispiel ‚Kraftakt‘

Bernd Mayer brennt für die Fotografie und auch für „Blende“, der Fotowettbewerb für Fotobegeisterte jeden Alters. Der Kontakt zu unseren „Blende“-Teilnehmern ist intensiv und öffnet uns in Gesprächen immer wieder die Augen, mit wie viel Leidenschaft Fotografen ihrer Passion nachgehen. Aufnahmen wie „Kraftakt“ von Bernd Mayer sind keine Selbstläufer und erfordern eine sorgfältige Planung und Umsetzung, sollen sie zu so einem Eyecatcher werden. Bernd Mayer ist unserem Wunsch nachgekommen detailliert auszuführen was alles notwendig war, bis seine Aufnahme „Kraftakt“ so im Kasten war.

Um überhaupt planen zu können, benötigt man zu allererst eine Fotoidee. Als Quellen hierfür nutzt man das Internet, Fotozeitschriften und Fotobücher, bzw. Bildbände und last but not least das eigene Auge. Je länger man sich mit der Fotografie beschäftigt, desto mehr wird dieses geschult und entdeckt Motive sowie Bildideen, die einem ohne das Interesse an dieser gar nicht aufgefallen wären. Sobald man auf eine tolle Bildidee stößt, speichert man sich diese ab (Text oder Bild) und kann bei Bedarf darauf zurückgreifen.

Hat man dann eine interessante Idee gefunden, so lohnt es sich, diese zu verfeinern oder zu erweitern. Sowohl motivtechnisch, als auch fotografisch kann man seiner eigenen Kreativität freien Lauf lassen.

Die Bildidee zu ‘Kraftakt’ kam durch eine online gestellte Aufnahme im Internet, bei der eine Ameise in ähnlicher Position zwischen zwei Mooshügeln hing. „Dies wollte ich ein wenig spektakulärer mit Felsen haben und farblich, sowie lichttechnisch sollte es ebenfalls interessanter gestaltet sein. Um zeitlich ungebunden agieren und auch mal ‘schnell’ fotografieren zu können, baute ich meine Location auf dem Balkon zusammen“.

Ein erster Versuchsaufbau ergab folgendes Test Foto:

© Bernd Mayer
F5,6 ; 1/8s ; ISO100

Die Praxis zeigte, dass man bei einer Belichtungszeit von 1/200s (normale Blitzsynchronzeit) und einer möglichst kleinen Blende (um eine möglichst große Schärfentiefe mit einem Makroobjektiv zu erhalten) sehr schnell im High-ISO Bereich ist.

Um bei rund 2.000 ISO möglichst rauscharme Fotos zu produzieren, wurde zu einem Kameragehäuse mit weniger Megapixeln, aber lichtempfindlicherem Sensor gewechselt. Anschließend wurden die „Models“ im Wald akquiriert :-)

Hier der Erstversuch mit Ameisen:

© Bernd Mayer
F5,6 ; 1/160s ; ISO1600

Das ist nun ganz nett anzuschauen, aber noch lange nicht spektakulär! Die Felsen mussten weiter aus dem Wasser, damit die Ameise nicht einfach baden geht, sondern beim Übergang regelrecht zwischen den Felswänden hängt. Außerdem war der monotone Hintergrund ungeeignet, da dieser langweilig und absolut unnatürlich wirkt.

Zur Verbesserung wurde eine Schilfwand gebaut und hinzugefügt. Das grüne Schilf mit seinen Gelbtönen passt farblich sehr gut zur Location und den Ameisen und bringt trotz des weichen Objektiv-Bokehs eine Struktur mit in den Hintergrund.

© Bernd Mayer
F20 ; 1/125s ; ISO5000

Der Aufbau passt nun sehr gut, hier ein paar Handy Bilder von der endgültigen Location:

© Bernd Mayer

Wie man hier gut erkennt, ist neben der eigentlichen Location noch ein weiteres ‚Becken‘ mit Wasser, ein Glas mit Waldboden und den Ameisen. Vom Glasrand aus, geht ein Steg zu den Felsen. Durch Wegziehen konnte mit diesem Aufbau gesteuert werden, dass sich nicht alle Ameisen zeitgleich an den Steinen befanden!

© Bernd Mayer

© Bernd Mayer

„Danach wagte ich mich an die Spiegelung und das Licht im Allgemeinen. Hier hilft einfach nur testen und je häufiger man das schon tat, die jeweilige Erfahrung. Ich machte einige Bilder mit unterschiedlichen Blitzvariationen. Da mich das Ergebnis nicht zufrieden stellte, arbeitete ich zusätzlich noch mit unterschiedlichen Reflektoren. Auch die Tageszeit war trotz der Fotografie im Schatten noch maßgeblich an der Lichtstimmung beteiligt. Nach und nach kam ich meiner Vorstellung immer näher und konnte alsbald nach neuen „Models“ Ausschau halten.“

Bei den nachfolgenden Aufnahmen musste viel Geduld aufgebracht werden, um den entscheidenden Moment nicht zu verpassen. So vergingen noch 3-4 Anläufe mit ein paar hundert Bildern, ehe der finale Schuss im Kasten war.

Aber wie so oft entschädigt das Ergebnis für alle die Mühen:

© Bernd Mayer, Kraftakt
F16; 1/200s ; ISO2000

Das Foto wurde mit Lightroom als RAW-Converter entwickelt und in Photoshop fertig bearbeitet. Hier wurden neben den gängigen Tonwert- und Farbanpassungen noch Lichtreflektionen entfernt und den Hintergrund weichgezeichnet.

Respekt © Bernd Mayer
„Zu allerletzt möchte ich alle Interessenten bitten, im Falle einer ähnlichen Fotosession die fleißigen Tiere nach getaner Arbeit wieder ihrer natürlichen Umgebung zu übergeben. Dies ist sicherlich das Wenigste, was wir ihnen schuldig sind!“ schließt Bernd Mayer seinen Praxistipp.

Eingesetztes Equipment:
Nikon D4
AF-S VR Micro-Nikkor 105 mm 1:2,8G IF-ED
Fernauslöser
Stativ Manfrotto 055XPROB mit 808RC4 Drei-Wege-Kopf
2x Yongnuo YN-560 Mark II
2x Reflektor

Fotograf:
Bernd Mayer
berndinho artefotografia
internet: http://berndinho.de

Fotografieren in der Praxis 06 / 2017

2 Kommentare

Toll, dass ein Fotograf ausführlich die einzelnen Schritte und Ideen zur Entstehung eines wirklich schönen Fotos weitergibt. Da kann man viel zu möglichen Vorgehensweisen für eigene Fotos lernen.

Steffen Wihofszki

von Steffen Wihofszki
15. Juni 2017, 11:22:55 Uhr

Ich frage mich oft, wie ein Foto wohl entstanden sein mochte, umso mehr freue ich mich jedesmal darüber, wenn sich der Fotograf die Mühe macht und die Entstehung so ausführlich darstellt. Großartiges Bild - aller Mühe wert. LG Achim

Achim Kaurschill

von Achim Kaurschill
14. Juni 2017, 17:51:14 Uhr

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