Die passende Kompaktkamera für jeden Zweck

Schau mal an, was die alles kann

Die Kamerakategorie Kompaktkamera gilt bei flüchtiger Betrachtung durch die rückläufigen Absatzzahlen vielfach als Auslaufmodell. Das ist pure Fehleinschätzung einer überaus attraktiven Kamerakategorie, die sich nicht nur immens weiterentwickelt hat, sondern die mit Spezialisierungen heute zusätzliche Unterkategorien mit beispielsweise Outdoorkamera, Action-Cams, 360 Grad Kameras etc. aufweist. Bis auf den Fakt, dass alle Modelle über eine feste, nicht wechselbare Optik sowie physischen Bedienelementen verfügen, haben die Kameras die im Kamerasegment Kompaktkameras zusammengefasst sind, zum Teil nur noch wenig gemein. Damit einher geht, dass die herkömmliche Form des sehr kleinen Fotoapparats für die Jackentasche mit wenigen Kamerafeatures und lichtschwachem Zoomobjektiv zunehmend abgelöst wird von High-End-Kompaktkameras, Reisezoom- und Bridgekameras, Outdoorkameras, Action-Cams und 360-Grad-Kameras. Nachstehend ein Überblick über die wichtigsten Kategorien im Kamerasegment der Kompaktkameras und zu den jeweiligen Entwicklungen.

Die passende Kompaktkamera für jeden Zweck

Reisezoom-Kamera – Von nah bis fern alles im Bild

Die Reisezoom-Kamera erinnert auf den ersten Blick am ehesten an die „klassische Kompaktknipse“. Diese Kameras zeichnet vor allem der große Brennweitenbereich aus. Die Oberklasse verfügt derzeit über einen bis zu 30-fachen Zoomfaktor mit KB-äquivalenten Brennweiten von mehr als 700 Millimetern. Am kurzen Ende sind in der Regel Weitwinkelbrennweiten zwischen 24 und 28 Millimetern verfügbar. Ob Landschaftskulisse oder Detailaufnahme – viele gängigen Reisemotive sind mit diesen Kameras damit abgedeckt. Trotz der optischen Flexibilität sind die Gehäuse zahlreicher Reisezoom-Kameras so schlank und klein wie wir sie von herkömmlichen Kompaktkamera kennen.

Weil sich die Gesetze der Physik nicht überlisten lassen, müssen Nutzer von Reisezoom-Kameras meist einen Kompromiss bei der Sensorgröße akzeptieren. Damit sich das Objektiv bei Nichtgebrauch flach ins Gehäuse zurückfahren kann, kommt in der Regel ein relativ kleiner Sensor mit Größen um die 1/2,3 Zoll zum Einsatz. Diese sind bei schlechten Lichtbedingungen weniger resistent gegen Bildrauschen. Einige ausgewählte Modelle nutzen hingegen einen 1 Zoll großen Sensor, der so auch in manchen leistungsstarken Systemkameras mit Wechseloptik Verwendung findet. In dem Fall ist die Telebrennweite jedoch oft schon bei 250 Millimeter (KB-äquivalent) oder weniger zuende – was jedoch immer noch eine stattliche Näherung an ein Motiv aus der Distanz ermöglicht. Aus Platzgründen müssen Nutzer oft auch auf einen separaten Sucher verzichten und ihr Motiv über das rückwärtige Display anvisieren. Im Weitwinkelbereich sind viele Reisezoom-Kameras oft recht lichtstark und bringen Offenblenden von f/1.8 mit. Dadurch sind auch bei schwachem Umgebungslicht oftmals noch scharfe Fotos aus freier Hand drin. Ab mittleren Brennweiten und am langen Ende lassen die Objektive jedoch weniger Licht durch. Die Reisezoom-Kamera eignet sich daher am ehesten für Outdoor-Aktivitäten.

Bridgekameras mit Superzoom – Im kreativen Grenzbereich

In Bridgekameras setzt sich die Idee einer zoomstarken Kompaktkamera fort. Im Vergleich zu Reisezoom-Kameras decken sie jedoch einen noch größeren Brennweitenbereich ab. Bis zu 1.200 Millimeter (KB-äquivalent) am langen Ende erreichen manche Modelle. Mit einem derartigen Superzoom lassen sich auch sehr weit entfernte Motive formatfüllend abbilden. Bei Maßen und Gewicht erfordert dieser imposante Brennweitenbereich jedoch einen Kompromiss. Der Formaktor von Brigekameras ist nicht mehr ganz so kompakt wie der von Reisezoom-Kameras. Stattdessen erinnern sie äußerlich stärker an digitale Spiegelreflexkameramodelle (DSLR). Der Brückenschlag zwischen Spiegelreflex- und Kompaktkamera verleiht der Bridgekamera auch ihren Namen.

Auf der Habenseite verfügen viele Bridekameras über manuelle Bedienoptionen wie Wahlräder oder einen Einstellring am Objektiv. Auch ein Blitzschuh ist häufig mit an Bord und ermöglicht den Einsatz von hochwertigem Zubehör. Um die Kamera trotz des teilweise üppigen Objektivtubus noch relativ handlich zu gestalten, ist der verbaute Sensor bei vielen Modellen meist nicht ganz so groß wie der einer DSLR. Jedoch gibt es auch besonders hochwertige Modelle zu Preisen ab € 700,—, die mit einem relativ großen Sensor von bis zu 1 Zoll Diagonale Maßstäbe in der Bildqualität setzen, die vor einigen Jahren in dieser Kamerakategorie noch nicht möglich war.

High-End-Kompaktkameras – Die kleine Edle für „Connaisseure“

Für Fotografen mit hohen Ansprüchen an Material- und optischer Qualität empfiehlt sich die Unterkategorie der sogenannten Edelkompakten (auch High-End-Kompakte genannt). Die Kaufnachfrage ist ansteigend. Der Name ist Programm. Zum Beispiel punktet diese Kamerakategorie mit tendenziell größeren und damit leistungsstarken Sensoren von 1 Zoll Diagonale aufwärts. In manchen Modellen finden sogar APS-C-Sensoren und seltener gar „Vollformat“-Bildwandler Platz, die sonst nur in Spiegelreflex- und Systemkameras zu finden sind. Dennoch bleiben viele Gehäuse der High-End-Kompaktkameras so handlich wie eine Reisezoom-Kamera.

Das Kameragehäuse ist bevorzugt aus robustem Aluminium und oftmals mit edlem Leder bezogen. Das Design der Kameras variiert vom minimalistischen Metallkörper bis hin zum aktuellen Retrotrend, der die Kamera im Gewand einer Analogen aus den 60er Jahren daherkommen lässt. Ästheten dürfte der Trend freuen. Ferner können Fotografen die Belichtung über physische Einstellräder, frei belegbare Tasten und Wippen steuern. Neben der manuellen Bedienung gehört auch die Abspeicherung von Dateien im detailreicheren RAW-Format zum Standard.

Alle diese Extras schlagen sich natürlich auch im Preis nieder. Die Edelversionen mit den anspruchsvolleren Objektiven sind meist etwas größer und passen somit nicht mehr in jede Jackentasche. Dafür erhalten Fotografen außerordentlich leistungsstarke Kreativ-Werkzeuge, die sich zum Beispiel in der Streetfotografie unauffällig als Reportagekameras einsetzen lassen.

Outdoor-Kamera – Jedem Wetter gewachsen

Outdoor-Kameras kann Wasser und Staub so schnell nichts anhaben ist das Kameragehäuse besonders sorgfältig dagegen abgedichtet, sodass die Kamera auch Fotos unter widrigen Bedingungen zu Lande und gar Unterwasser aufnimmt. Aus diesem Grund kann jedoch das meist weitwinklige Objektiv nicht ausgefahren werden. Ein Zoomobjektiv wäre ein direktes Einfallstor für Staub, Sand und Feuchtigkeit. Stattdessen wird innerhalb des Gehäuses mit speziellen Linsen-Baugruppen gezoomt. Die optische Qualität reicht dabei prinzipbedingt nicht an die hochwertigsten Aufnahmesysteme heran. Aus Platzgründen entscheiden sich die Konstrukteure zudem meist für vergleichsweise kleine Sensoren und nicht sehr lichtstarke Objektive.

Das Gehäuse-Design ist meist schlicht und beschränkt sich auf ein Mindestmaß an Bedienelementen. Schließlich sollen Outdoor-Kameras auch von steifgefrorenen Fingern oder einhändig gesteuert werden können. Manche Modelle ergänzen das Bedienkonzept um clevere Features wie das Öffnen von Menüs durch Schüttel-Gesten. Für Außeneinsätze in unwegsamem Terrain sind auch ein integrierter Kompass und eine GPS-Funktion praktisch. So lassen sich Bilder – und im Notfall auch der Fotograf selbst – besser verorten. Auch wegen dieser Spezialfunktionen sollte hier ein leistungsstarker Akku eine besondere Priorität genießen.

Action-Cams – Für die Adrenalinjäger unter den Foto- und Videofans

Eng verwandt mit den Outdoor-Kameras sind die Action-Cams. Sie sind ebenfalls hart im Nehmen und widerstehen Staub, Feuchtigkeit und Stößen. Ein kleines aber feines Unterscheidungsmerkmal ist, dass sie in erster Linie nicht für Aufnahmen aus freier Hand konzipiert sind und daher auch nicht über die klassische rechteckige Form oder Griffmulden verfügen. Stattdessen werden die minimalistischen Geräte mit passendem Zubehör am Körper, Helm, Lenker oder anderem Equipment befestigt.

Im Gegensatz zu den Outdoor-Kameras sind Action-Cams vornehmlich für Video-Aufnahmen optimiert. Einmal ausgelöst, nehmen sie die sportlichen Erlebnisse von Adrenalinjägern kontinuierlich in Bild und Ton auf. Je nach Modell halten sie die Abenteuer in hohen Auflösungen bis hin zum 4K-Standard fest. Ein integrierter Bildstabilisator kann für ruhige Bilder sorgen, ist aber noch nicht immer selbstverständlich. Natürlich können Action-Cams auch einzelne Fotos festhalten, das ist aber nicht ihr primärer Zweck. Deswegen verschwendet kein Sucher unnötig Platz und das Display ist oft gerade einmal so groß, dass es zum Prüfen der Aufnahmeparameter genügt.

Die Vielfalt an Anbietern und Modellen ist inzwischen groß. Der Lieferumfang bietet alles für die ersten Gehversuche. Mehr Spaß und flexiblere Einsätze ermöglicht eine wachsende Auswahl an Spezialzubehör, das von Befestigungen und Mikrofonen bis hin zu Drohnen für Action-Aufnahmen aus der Luft reicht.

360-Grad-Kameras – Alles in Blick

Wie lebendig die Entwicklung im Kompaktkamerasegment ist, demonstriert neben den Action-Cams auch der rasante Aufstieg der 360-Grad-Kameras. Die mal feuerzeuggroßen, mal würfelförmigen und mal übergroßen Golfbällen ähnelnden Kameras sind für einen bestimmten Einsatzzweck optimiert: Das Erstellen von Kugelpanorama-Aufnahmen. Statt ein zweidimensionales Bild im rechteckigen Format aufzunehmen, halten sie das komplette Geschehen um den Aufnahmestandort herum fest. Anschließend können sich Betrachter am Smartphone- oder Computer-Display mit Finger- oder Mausgesten im Bild bewegen. Wer stattdessen eine Virtual-Reality-Brille aufsetzt und sich mit Kopfbewegen durchs Bild navigiert, erfährt ein besonders eindrückliches Mittendrin-Gefühl.

Die 360-Grad-Kameras sind eigenständige Aufnahmegeräte. Sie verfügen in der Regel vorne und hinten über zwei Fisheye-Objektive, die jeweils ein Foto oder Video aufnehmen. Weil sie aber über keinen Sucher und kein farbiges Display verfügen, ist für die Bildkontrolle ein Smartphone erforderlich. Auf dem Mobiltelefon findet auch ein wichtiger Bearbeitungsschritt statt. Dort fügt eine Stitching-Software die beiden Ultraweitwinkel-Bilder zu einer Vollsphärenaufnahme zusammen. Der kombinierte Einsatz von 360-Grad-Kamera und Smartphone ist insofern ein gutes Beispiel dafür, wie sich digitale Fotografie bzw. Videografie und smarten Technologien ergänzen.

Das wachsende Angebot an 360-Grad-Kameras unterscheidet sich bei den Videoauflösungen, in der Bildqualität, den Sensoren und beispielsweise der Wetterfestigkeit. Einige Modelle ermöglichen eine Liveübertragung der Videoaufnahmen – eine entsprechende Internetverbindung vorausgesetzt.

Vielfalt an Kompaktkameras erlaubt noch mehr kreative Möglichkeiten

Fotografen, die heutzutage eine Kompaktkamera verschmähen, weil sie sie mit den Modellen früherer Tage assoziieren, verschenken unnötig kreatives Potenzial. Das Kamerasegment der Kompaktkameras mit seinen Unterkategorien ist für den Nutzer überaus attraktiv, kann er sich Motivwelten damit erschließen, die früher nur mit sehr viel Aufwand oder gar nicht zu realisieren waren.

Der Ausdifferenzierung von Kategorien im Segment der Kompaktkameras steht in einigen Fällen eine Annäherung gegengenüber, die die Grenzen verschwimmen lässt. Beispielsweise sind die Übergänge zwischen Reisezoom-, Bridge- und High-End-Kompakten fließend. Zudem sind auch Kameras mit Wechseloptik teilweise inzwischen so klein und leicht, dass sie von Kompaktkameras mit fest eingebauten Objektiven kaum zu unterscheiden sind. Nicht umsonst spricht man bei spiegellosen Systemkameras auch von „kompakten Systemkameras“ (Hier mehr über den Unterschied zur DSLR). In diesem Zusammenhang wird deutlich, wie unscharf der Begriff der „Kompaktkamera“ mittlerweile geworden ist, denn viele Systeme und Herangehensweisen müssen sich diesen Begriff teilen.

Faszination Fototechnik 08 / 2017

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