Fototechnik: Die neue Welt der Objektive mit Charakter

Meyer Görlitz Trioplan 50
Meyer Görlitz Trioplan 50
Ein immer wieder formulierter Anspruch an die kreative Fotografie ist der nach einer eigenen Bildsprache. Sehr häufig wird diese durch den Einsatz spezieller Wechselobjektive erreicht. Diese dienen in erster Linie dazu, aus gleichem Abstand einen kleineren oder größeren Bildwinkel möglichst in bester Qualität zu erfassen. Ebenso lässt sich durch Änderung der Brennweite der gleiche Bildausschnitt aus unterschiedlichen Entfernungen mit veränderter Perspektive darstellen. Die meisten Wechselobjektive eines Kamerasystems sind dahingehend optimiert, dass sie höchste Schärfe und hohe Lichtstärke bei konsistenter Farbgebung über den gesamten Einstellbereich bieten. Die hohe Abbildungsleistung steht daher als vorrangiges Ziel im Vordergrund.

Meyer Görlitz Trioplan 50 © Guido Karp for GKP LA
Meyer Görlitz Trioplan 50
© Guido Karp for GKP LA
Seit jedoch die meisten Objektivhersteller einen bemerkenswert hohen Qualitätsstandard erreicht haben, werden in der kreativen Fotografie zunehmend auch andere Ansprüche an die Eigenschaften eines Objektivs relevant. Auf diese kreativen Ansprüche haben sich einige Objektivmanufakturen nun erfolgreich spezialisiert. Sie entwickeln gezielt Objektive, deren Ergebnisse eher durch ihren individuellen Charme als durch ihre perfekte Abbildungsleistung bezaubern. Die meisten von ihnen setzen dafür die ins Auge springende Trennung von Schärfezonen und einer sanft verlaufenden Hintergrundunschärfe als charakteristisches Gestaltungsmittel ein. Das Bokeh, wie der Unschärfeverlauf im Hintergrund auch genannt wird, ist ein weit verbreitetes Mittel, um das Hauptmotiv vom Hintergrund zu trennen und ihm eine besonders plastische Wirkung zu verleihen. Die Unschärfe dient dabei als neutraler Hintergrund, der möglichst alle nicht zur Bildaussage beitragenden Elemente in eine diffuse Fläche verwandelt. Dem Charakter und Verlauf dieser für die Bildgestaltung so enorm wichtigen Unschärfe widmen einige Objektivhersteller ihre ganz besondere Aufmerksamkeit. Allgemein wird ein sanft verlaufendes Bokeh durch eine hohe Blendenöffnung, einen großen Abbildungsmaßstab sowie durch eine möglichst kreisrunde Blendenform erzielt.

Lomography Daguerreotype Achromat 2.9/64 Art
Lomography Daguerreotype Achromat 2.9/64 Art
Ganz anders gestaltet sich dagegen der Unschärfebereich bei den sogenannten Spiegelobjektiven, die als Folge ihrer speziellen Konstruktion Reflexe im Unschärfebereich als Lichtkreis abbilden. Kreise oder ballonförmige Gebilde liefern die Trioplan Objektive von Optik Meyer Görlitz im Unschärfebereich, die modernisierte Nachbauten einer in der frühen Analogfotografie beliebten Objektivreihe sind. Dem Wunsch nach einer nostalgischen Bildanmutung entsprechen auch andere Nachbauten historischer Objektive, auf die sich beispielsweise die Lomographische Gesellschaft spezialisiert hat. Sie hatte erfolgreich das nach seinem Entwickler benannte Petzval Objektiv zu neuem Leben in der modernen Fotografie erweckt. Das klassische Porträtobjektiv besitzt einen Einschub für unterschiedlich gestaltete Blenden, die wiederum vielfältige Verläufe der Unschärfe im Hintergrund bewirken. Auch das Daguerreotype Achromat 2.9/64 Art, das Lomography gerade versucht über Kickstarter zu finanzieren, wird solche Einschubblenden für die kreative Beeinflussung des Unschärfeverlaufs verwenden.

unterschiedlich gestaltete Blenden
unterschiedlich gestaltete Blenden
Ein Mittel, um einerseits eine möglichst geringe Schärfentiefe zu erzielen aber auch um bei sehr wenig Licht noch ohne Blitz fotografieren zu können, sind ultra-lichtstarke Objektive mit Öffnungen von f/0,95 oder f/1.0 wie sie beispielsweise Voigtländer mit der Nocton Objektivreihe für das Micro Four Thirds Format anbietet. Solche manuell scharfzustellenden Objektive werden besonders gern auch von Filmern verwendet, die für ihre Aufnahmen in der Regel auf die Automatikeinstellungen für Schärfe und Belichtung verzichten. Den aktuellen Weltrekord als lichtstärkstes Objektiv nimmt das von der Walser GmbH vertriebene HandeVision Ibelux 40/0,85 für Sony E, Fuji X, Canon EOS M und Micro 4/3 ein. Das in Deutschland entwickelte Objektiv für Systemkameras besitzt eine speziell entwickelte Blende aus zehn Lamellen, deren Form speziell für ein besonders angenehmes Bokeh berechnet wurde.

Zu den Spezialobjektiven für Schärfemanipulationen zählen auch die bereits in der analogen Fotografie gern verwendeten Tilt & Shift Optiken. Diese ermöglichen die präzise Bestimmung der Schärfenausdehnung, die durch Schwenken des Linsensystems nach Scheimpflug erreicht wird. Eine Besonderheit in diesem Bereich sind die Lensbaby Systeme, die durch ein ganzes Sortiment miteinander kombinierbarer Optikmodule eine schier unendliche Vielzahl an Möglichkeiten der Schärfenmanipulation erschließen.

Mit zunehmender Popularität der Videofunktionen in den Spiegelreflex- und den kompakten Systemkameras werden auch Objektive, deren Eigenschaften auf die Anforderungen beim Filmen ausgerichtet sind, stärker nachgefragt. Manche hochlichtstarken Objektive wie die der Zeiss Milvus, Loxia und Otis Reihen lassen sich auch durch Zubehör in echte Cine-Objektive umwandeln, so dass sie sich auch mit den in der Filmproduktion gern eingesetzten Follow-Focus Einrichtungen verwenden lassen.

Andere Hersteller bieten Spezialobjektive für das Filmen mit DSLR bzw. mit kompakten Systemkameras an. Dazu gehört zum Beispiel die in Taiwan ansässige Objektivschmiede Samyang, die sich inzwischen bei den Filmern auch mit ihren lichtstarken Cine-Objektiven für Fotokameras mit Vollformatsensoren einen Namen gemacht hat.

Irix Focus-Lock
Irix Focus-Lock
Immer neue Ideen erweitern nicht nur die kreativen Möglichkeiten der Objektive oder passen sie den neuen Anforderungen für ein komfortables Filmen an, sondern sie vereinfachen auch die Handhabung beim Fotografieren. So bietet beispielsweise das von einem Schweizer Start-up angebotene und in Südkorea gefertigte Irix 15mm/f/2,4 Ultra-Weitwinkelobjektiv ein völlig neues, praxisgerechtes Bedienkonzept. Die durchdachte Konstruktion bietet Fotografen die Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Gehäusen aber gleicher optischer Konstruktion: einem robusten, aus Aluminium gefertigten und einem preiswerteren, leichteren, das aus hochwertigem Kunststoff hergestellt wird. Weitere Besonderheiten des Newcomers in der Objektivszene sind eine Focus-Lock Vorrichtung sowie eine Klick-Rastung für die Unendlich-Einstellung.

Vor allem die neuen kompakten Systemkameras haben durch ihr kürzeres Auflagemaß die Möglichkeit geschaffen, über Adapter Objektive von einer Vielzahl von Herstellern zu verwenden. Gerade mit den von nur wenigen Anbietern erhältlichen Spezialobjektiven ergibt sich durch ihre systemübergreifenden Einsatzmöglichkeiten eine Vielzahl erweiterter Bildeffekte, die Fotografen zu einem individuellen, unverwechselbaren Stil verhelfen können.

Auf der vom 20. bis 25. September 2016 in Köln stattfindenden photokina werden die Besucher die grenzenlose Welt des Imaging, darunter auch alle Neuentwicklungen der Objektivtechnik, hautnah erleben können.

Faszination Fototechnik 05 / 2016

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