Kameraneuanschaffung - Warum eigentlich eine neue Kamera?

© Fotograf: Uwe Narwald, Fotofestival, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Uwe Narwald, Fotofestival, Blende-Fotowettbewerb
Nahezu jeder verfügt in Deutschland heute mit einer Digitalkamera über wenigstens ein Aufnahmegerät. Hinzu kommt noch das Smartphone als „Immer-dabei-Kamera“ und natürlich die analogen Kameras, die jedoch nur noch in den wenigsten Fällen eine intensive Nutzung erfahren. Im Laufe der Zeit steht man als Digitalkamerabesitzer vor der Frage einer Kameraneuanschaffung, erst recht dann, wenn das bisherige Modell schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Natürlich wird die Sinnhaftigkeit einer solchen Anschaffung hinterfragt, denn die vorhandene Digitalkamera macht ja tolle Bilder und eine Videofunktion hat sie möglicherweise auch schon. Bis vor wenigen Jahren leuchtete jedem gleich auf den ersten Blick ein, warum sich für ihn eine Kameraneuanschaffung in jedem Fall lohnt, denn da war die Auflösung das alles entscheidende Kaufargument. Auflösung ist damals wie heute nicht alles und nur ein Baustein von vielen. Die Kameraindustrie hat mit neuen Standardfeatures nachgelegt, die aus unserer Sicht in jedem Fall eine Kameraneuanschaffung mehr als rechtfertigen.

Außer Frage steht, dass die meisten älteren Digitalkameras in der Lage sind, technisch zufriedenstellende Fotos und Videos aufzunehmen. Kameras der jüngsten Generation können so viel mehr und damit in Situationen fotografieren und filmen, wenn andere ihre in die Jahre gekommenen Aufnahmegeräte längst einpacken, weil es beispielsweise zu unwirtlich oder zu dunkel ist. Viele neue Kameramodelle lassen sich über Smartphones oder Tablets fernbedienen und können damit ihre Aufnahmen auch sofort versenden. Sie merken sich, wo die Aufnahmen entstanden sind und welche Personen sie zeigen. Aber auch Handhabung und Design haben sich verändert. Für viele Verbraucher ist auch das – neben den vielen neuen technischen Features – ein Argument, über die Anschaffung einer neuen Kamera nachzudenken. Hier haben wir einige der wichtigsten Innovationen zusammengestellt, die dafür sprechen.

Geschwindigkeit

Nahezu alle Neuerungen der Kameratechnik haben das Ziel, die aufnahmerelevanten Prozesse zu beschleunigen und die Zeit abzukürzen, die der Fotograf benötigt, um seine Aufnahme zu machen, zu speichern, zu verarbeiten und zu teilen. Damit auch wirklich kein wichtiger Moment verloren geht, arbeiten die Ingenieure in Forschung und Entwicklung der Kamerahersteller an einem gemeinsamen Ziel: Echtzeit – sprich: die total verzögerungsfreie Aufnahme.

Messverfahren, Antriebe, Steuerungen, Sensoren, Ergonomie wurden kontinuierlich dahingehend optimiert, schneller, zuverlässiger und in einer höheren Qualität die wichtigsten Momente des Lebens festzuhalten und mit anderen teilen zu können. Sowohl die Mechanik wurde durch den Einsatz innovativer Materialien, wie beispielsweise bei den aus hochwertigen Kunststoffen oder Metallen gefertigten Blendenlamellen oder den extrem schnell reagierenden AF-, Verschluss- oder Blendensteuerung verbessert. Die Software für die Verarbeitung von Mess-, Steuer- und Bearbeitungsdaten und die dafür benötigten Sensoren und Prozessoren werden immer schneller. Gleichzeitig hat diese Beschleunigung viele gänzlich neue Funktionen ermöglicht, von denen in der Folge noch zu lesen sein wird.

Autofokus

Längst können alle Kameras automatisch mehr oder weniger akkurat und mehr oder weniger schnell scharfstellen. Aufnahmegeräte der jüngsten Generation erledigen diese Aufgabe leise, blitzschnell und äußerst präzise. Sie finden punktgenau die Schärfe und folgen einmal erfassten Personen oder Objekten, sobald diese ihre Position verändern.

Bisher verwendeten Kameras zur automatischen Ermittlung der korrekten Entfernungseinstellung entweder das Phasendetektionsverfahren für eine schnelle Entfernungseinstellung oder den Kontrastautofokus für die automatische Scharfstellung bei wenig Licht. Kameras jüngeren Datums bieten die Verknüpfung beider Systeme und schalten je nach Aufnahmesituation automatisch auf das am besten geeignete System um. Dabei nutzen die leistungsstarken Phasen-AF-Systeme zur Schärfenmessung heute einige Pixel des Bildsensors. Das macht ein eigenes Sensorsystem für die Entfernungsmessung überflüssig.

Zudem lässt sich mit den heutigen Kameras nicht nur sehr genau die Lage der Messpunkte im Bild wählen, sondern für die Erfassung feinster Details oder grober Strukturen ihre Größe den Erfordernissen entsprechend anpassen. Gut ausgestattete Kameras bieten sogar neben der Personen- und Gesichtserkennung die automatische Scharfstellung auf die Pupillen, wobei Anwender wählen können, ob auf das rechte oder linke Auge scharfgestellt werden soll.

Bildstabilisation

Ähnliches wie für den Autofokus gilt auch für die Bildstabilisation. Auch hier wetteiferten bisher zwei Verfahren miteinander, mit denen Unschärfe durch Verwacklung beim Fotografieren aus der Hand vermieden werden soll: Der im Objektiv verbaute optische Bildstabilisator, bei dem der Ausgleich der Verwacklung durch die Gegenbewegung eines Linsensystems im Objektiv erfolgt und die durch Sensor-Shift erreichte Kompensation der Kamerabewegung. Jetzt gibt es Kameras, die beide Verfahren miteinander verknüpfen und dadurch besonders effektiv arbeiten. Hinzu kommt die Erweiterung der Bewegungsrichtungen der Kamera, die ausgeglichen werden können. Der aktuelle Stand ist die Korrektur von fünf Bewegungsrichtungen der Kamera.

Auflösung

Ein wesentliches Kriterium der technischen Qualität digitaler Aufnahmen ist die Auflösung. Sie wird durch die Zahl der Pixel des Bildsensors definiert. Doch seit die Bildsensoren beweglich verbaut werden können und ihre Lage durch den Kameraprozessor hochpräzise gesteuert werden kann, haben die Kamera-Konstrukteure diese Eigenschaft für vielfältige Funktionen genutzt: zunächst zum Abschütteln von Staubpartikeln mittels Vibration, dann zur Kompensation von Verwacklungsunschärfe und nun auch zur Steigerung der Auflösung. Um beispielsweise mit einem 16-Megapixelsensor eine Auflösung von 40 Megapixeln zu erlangen, werden mehrere Aufnahmen mit jeweils leicht versetztem Sensor gemacht, die dann zu einem neuen Bild mit einer entsprechend höheren Auflösung zusammengesetzt werden. Das ist natürlich nur bei statischen Motiven möglich, wo sich während der Dauer aller Einzelaufnahmen nichts im Motiv ändert.

High ISO

Aufnahmen mit wenig Licht verursachten bei älteren Kameras unschöne, als Rauschen bezeichnete Effekte im Bild. Vieles wurde hier auch bereits durch innovative Verfahren zur Rauschunterdrückung und -reduzierung erreicht. Neuere Bildsensoren sind jedoch von Haus aus sehr viel lichtempfindlicher als ihre Vorgängermodelle. So sind heute akzeptable Bildergebnisse auch bei ISO-Werten von 12.800 und sehr viel höher möglich. Nächtliche Städtebilder oder Innenaufnahmen bei Kerzenlicht ohne zusätzliches Blitzlicht sind dadurch problemlos in satten Farben und akzeptablem Rauschen realisierbar. Selbst kleinere Bildsensoren liefern durch modernere Pixelstrukturen und verbesserte Eigenschaften oder durch zusätzliche Mikrolinsen über den lichtempfindlichen Elementen eine deutlich höhere Lichtausbeute. Das hat nicht nur Vorteile beim Fotografieren mit wenig Licht, sondern ermöglicht auch kürzere Verschlusszeiten zum Einfrieren von bewegten Objekten oder kleinere Blenden für Aufnahmen mit größerer Schärfentiefe.

WiFi

Im Zeichen sozialer Plattformen und Netzwerke wird das Teilen persönlicher Fotografien immer beliebter. Ohne Fotos wären Facebook, Instagram, Pinterest und Co. kaum vorstellbar. Doch nicht jedem genügen hier schnelle Selfies mit der Smartphone-Kamera, um Freunde und Bekannte zu begeistern. Da hilft eine moderne Kamera mit Wi-Fi-Funktion weiter. Mit ihr lässt sich schnell und einfach eine Verbindung zum Smartphone herstellen. Meist lassen sich damit aber nicht nur Fotos kabellos von einem Gerät zum anderen übertragen, sondern es ist auch möglich, WiFi-fähige Kameras mit dem Smartphone fernzusteuern und auszulösen. Auch die Synchronisation der Kamerabilder mit den GPS-Daten von Mobiltelefonen ist möglich, um so die Koordinaten des Aufnahmestandorts in der Bilddatei zu speichern.

4K-Video

Schon seit einiger Zeit bieten die meisten Fotokameras auch Videofunktionen. HD und Full-HD gelten längst als Standard für die Laufbildqualität. Inzwischen sind sogar Videoaufnahmen mit professioneller 4K-Qualität keine Seltenheit mehr. Diese hochwertigen Videofilme zeichnen sich nicht nur durch eine vergleichsweise hohe Bildqualität, beeindruckende Schärfe und außergewöhnliche Farbwiedergabe aus, sie liefern auch ein sehr viel flexibler zu nutzendes Basismaterial, um eine unruhig wirkende Kameraführung in der Nachbearbeitung auszugleichen oder auch um nachträglich per Software einen engeren Bildausschnitt zu wählen. Die schnelleren Prozessoren dieser Kameras ermöglichen höhere Frame Rates, also mehr Bilder pro Sekunde, für flimmerfreie Aufzeichnungen selbst von rasanten Actionszenen. Diese schnellen Bildfolgen von 30 Bildern pro Sekunde mit acht und mehr Megapixeln Auflösung nutzt auch die Fotofunktion der Kameras für Bildserien, die garantiert immer den entscheidenden Moment einer Situation beinhalten. Nicht nur Sport-, Action- und Tierfotografen haben diese superschnellen Bildfolgen für sich entdeckt, auch in der professionellen Mode- und Peoplefotografie werden 4K-Einzelbilder immer beliebter, wenn es darum geht, den perfekten Augenblick sicher zu erwischen.

Die Kamerahersteller entdecken immer neue Möglichkeiten zur Nutzung hochauflösender Videofunktionen für die Fotografie. Eine der jüngeren Anwendungen ist die nachträgliche Wahl der perfekten Schärfenebene. So werden beispielsweise für die 4K-Fokus-Funktion in schneller Folge Bilder mit unterschiedlichen Schärfeebenen aufgezeichnet, aus denen später das optimale Bild herausgesucht werden kann.

Integrierte Objektiv-Fehlerkorrektur

Jedes Objektiv repräsentiert einen Kompromiss zwischen optimaler Bildqualität, Lichtstärke, Farbneutralität, hochwertiger Verarbeitung, Größe, Gewicht und Preis. Fehlerkorrekturen erfordern äußerst aufwändige Konstruktionen aus optischen Spezialgläsern mit speziellen Eigenschaften und Linsen mit diffizil herzustellenden Oberflächen. Hinzu kommen komplexe Mehrschichtenvergütungen und präzise Steuermechanismen. Immer mehr moderne Kameras sind in der Lage, verbliebene Abbildungsfehler, auf deren konstruktive Vermeidung wegen eines als zu hoch betrachteten Aufwands verzichtet wurde, durch eine kamerainterne Software zu korrigieren. Derartige Korrekturen gibt es beispielsweise bei Randabschattungen oder Verzeichnungen und Verzerrungen, wie sie vor allem bei Objektiven mit extremen Bildwinkeln auftreten können.

Integrierte Bildbearbeitung

Die meisten D-SLR (Spiegelreflexkameras) und DSLM (Systemkameras ohne Spiegel) können ihre Fotos als JPEG und/RAW-Dateien speichern. Um sie weiter zu bearbeiten, beispielsweise Farbkorrekturen vorzunehmen oder Bildausschnitte zu erstellen und nachträgliche bestimmte Filter und Effekte anzuwenden, müssen sie auf einen PC übertragen und dort mit speziellen Bildbearbeitungsprogrammen weiter verarbeitet werden. Einige Kameras der jüngeren Generation bieten bereits in ihren Wiedergabemenüs die Möglichkeit, RAW-Dateien zu entwickeln, JPEGs zu optimieren oder nachträglich digitale Effektfilter anzuwenden. Die RAW-Datenentwicklung in der Kamera ist vor allem deshalb eine hilfreiche Sache, weil viele Standardprogramme immer einige Zeit benötigen, bis sie die entsprechenden Plug-ins für die RAW-Datenentwicklung der aktuellsten Kameramodelle anbieten können.

Wetterfest

Mit der wachsenden Zahl an Action Cams, ist auch der Wunsch der Verbraucher gestiegen, ihre hochwertigen professionellen Kameras bei Wind und Wetter einsetzen zu können. Vor allem in der Natur-, Sport- und Dokumentarfotografie wünschen sich Fotobegeisterte wetterfestes Equipment, das sie auch schon einmal im Regen stehen lassen können. Nahezu alle professionellen Kameras jüngeren Datums sind inzwischen spritzwassergeschützt und wetterfest. Das erlaubt Fotos und Filme in Situationen, wo die meisten älteren Modelle ihren Dienst versagen würden.

EVF-Sucher/Monitor

Die Qualität optischer Sucher galt als eines der wichtigsten Qualitätskriterien für die Ergonomie traditioneller Spiegelreflexkameras. Auch das ist Vergangenheit! Heute gelten die LiveView-Funktion über den Kameramonitor oder der elektronische Sucher für viele als unverzichtbar. Das gilt vor allem immer dann, wenn diese über eine hohe Auflösung, eine ausreichend schnelle Bildwiederholrate verfügen sowie das Motiv so hell und kontrastreich anzeigen, dass eine zuverlässige Beurteilung des Bildausschnitts auch bei hellem Umgebungslicht möglich ist. Der wichtigste Vorteil der elektronischen Bildvorschau aber ist, dass Anwender das Ergebnis ihrer Aufnahme bereits vor der Auslösung auf dem Bildschirm sehen und die Einstellungen solange variieren können, bis sie ganz ihrem Gestaltungswunsch entsprechen.

Es gibt viele technische Argumente für den Kauf einer neuen Kamera. Aber manchmal genügt ja auch schon der Wunsch, eine Kamera zu besitzen, die durch den Nimbus der Marke oder auch ihr spezielles Design Ausdruck von individueller Lebensart ist und einen persönlichen Stil signalisiert, für den ihr Besitzer oder ihre Besitzerin stehen.

Faszination Fototechnik 08 / 2015

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1 Kommentare

Habe mir vor vier Wochen eine neue Kamera gegönnt und kann nur sagen, es war die richtige Entscheidung mit den Verbesserungen. Schärfe, Geschwindigkeit sind einfach klasse und es liegen Welten zu meiner Alten.

von Timo
29. August 2015, 11:16:29 Uhr

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