Kaufberatung Fotostativköpfe: Winkelakrobaten - Stativköpfe können mehr als nur still halten

Kaufberatung Fotostativköpfe
Der erste Blick gilt den Beinen. Sind sie zwei- oder dreiteilig? Aus Aluminium, Carbon oder gar Holz? Wegen solcher Fragen können Glaubenskriege ausbrechen. Dabei gibt es ein Bauteil an Fotostativen, das mindestens die gleiche Aufmerksamkeit verdient: der Stativkopf. Erst der richtige Kopf macht aus einem simplen Dreibein ein fotografisches Werkzeug. Er soll Schwerstarbeit leisten und dabei für Präzision sorgen. Das und die enorme Preisspanne macht die Auswahl nicht leicht. Die gute Nachricht: Der Markt bietet für jeden Anspruch die passende Lösung.

Leider gibt es auch eine schlechte Nachricht: Über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Stativköpfe wird ebenfalls herrlich diskutiert. Die beiden grundsätzlich andersartig aufgebauten Haupttypen sind der Kugelkopf und der Neiger. Erster hat eine Kugel als das Element, um das sich im eigentlichen Wortsinn alles dreht. Die Kamera lässt sich dabei in alle durch die Bauart möglichen Dimensionen des Raumes bewegen. Der zweite Konstruktionstyp setzt auf voneinander getrennte Achsen. Die Kamera kann geneigt und geschwenkt (2D-Neiger), aber auch zusätzlich vom Quer- ins Hochformat gekippt werden (3D-Neiger). Früher gab es gefühlt mehr Neiger auf dem Markt. Heute sind Kugelköpfe sehr präsent geworden. Beide Typen stehen aber gleichwertig nebeneinander. Beide haben Vor- und Nachteile und es ist wie so oft eine Frage des Einsatzzweckes und der persönlichen Vorlieben, die darüber entscheidet, welcher Stativkopf die bessere Wahl ist. Hinzu kommen einige weniger verbreitete Konstruktionsformen. Die wichtigsten Typen in der Übersicht:

Kugelkopf: Dieser Typ ist inzwischen auf dem Markt weit verbreitet und in allen Preisklassen erhältlich. Seine Beliebtheit rührt vom einfachen und schnellen Bedienen her. Die Funktionsweise erinnert an ein Gelenk des menschlichen Körpers: Eine Kugel ist beweglich gelagert und trägt über einen Gewindeteller oder eine Klemmvorrichtung die Kamera. Es gibt auch ein umgekehrtes Konstruktionsprinzip, bei dem eine Kugel fix moniert ist und ein Montierungsblock darauf gleitet. Schwenken, neigen, kippen – alles lässt sich bei Kugelköpfen gleichzeitig vollziehen. Auch die Arretierung, also das Festzurren der Kamera auf einer Position, erfolgt in einem Schritt für alle Bewegungsrichtungen. Das ist sehr vorteilhaft, wenn man schnell arbeiten will.

Es kann aber manche Fotografen irritieren, wenn die Kamera zu schwimmen anfängt, wie die Butter auf einer heißen Kartoffel, sobald die Feststellklemme gelöst wird. Viele Modelle besitzen deswegen eine so genannte Friktionseinstellung. Dabei lässt sich zum Beispiel über einen Drehknopf einstellen, wie leicht sich die Kamera bewegen lässt, wenn die Hauptklemme gelöst ist. Also, um im Bild zu bleiben, wie geschmeidig sich die Butter auf der Kartoffel bewegt. Im Wesentlichen hängt dieser gewünschte Effekt mit dem Gewicht der Kamera, mit der Hebelwirkung des angesetzten Objektives und der Aufgabenstellung zusammen. Bei einer leichten Ausrüstung mit kurzem Objektiv und schnellen Schwenks möchte man vielleicht, dass es flutscht – also geringeren Reibungswiderstand (“Friktion”) haben. Verwendet man eine schwere Kamera mit großem Objektiv und arbeitet stark geneigt an einer Makroaufnahme, dann ist es komfortabler, wenn die Ausrüstung nicht leicht durchrutscht, sondern sich etwas gebremst und damit feinfühliger verstellen lässt.

In der Horizontalen lassen sich die meisten Kugelköpfe übrigens unkritisch bewegen: beispielsweise die als Panorama-Funktion genannte Verstellmöglichkeit lässt den Kugelkopf einfach arretiert und bewegt ihn mitsamt der Ausrüstung über eine separate Achse. Mit der Klemmschraube für diese Achse, der Friktionseinstellung und der Hauptklemmschraube für die Kugel haben Kugelköpfe klassischerweise drei Bedienelemente.

Kugelkopf mit Griff: Eine Variante des Kugelkopfs verfügt über ein Griffstück mit Arretierfunktion. Dieser Griff kann vertikal eingesetzt, horizontal angesetzt oder in Form eines Pistolengriffs ausgeführt sein. Diese Bauweise verfolgt vor allem zwei Ziele: Das Bewegen der Kamera wird zum einen sicherer und bequemer. Zum anderen kann eine Hand sowohl das Bewegen als auch das Lösen und Arretieren des Kugelkopfes übernehmen. Dadurch wird die zweite Hand frei, um zum Beispiel um das Objektiv zu verstellen, externes Zubehör – etwa einen Reflektor – zu halten oder ganz einfach schussbereit am Auslöser zu sein.

3D-Neiger: Dieser Stativkopf, der auch 3-Wege-Neiger genannt wird, verteilt die Verstellmöglichkeiten auf die drei Raumachsen. Dazu sind in den Kopf entsprechend drei Achsen eingebaut: eine für den Schwenk in der Horizontalen, eine für vertikales Neigen und eine für das Drehen der Kamera um die optische Achse. Letzteres dient ganz praktisch auch dem Kippen vom Quer- ins Hochformat. Konstruktionsbedingt wird jede Achse einzeln verstellt. Das bedeutet bei einer Verstellung in drei Raumdimensionen dreifaches Lösen der Achsklemmen und drei Mal wieder ein Arretieren. Je nach Sichtweise kann man das als Nachteil auslegen, weil umständlich, oder aber als Vorteil. Denn schließlich kann man sich auf jeweils eine Verstellrichtung konzentrieren, während die anderen beiden Achsen festgezurrt bleiben und sich nicht unabsichtlich verstellen. Freunde der 3D-Neiger schätzen das recht exakte Arbeiten, das dadurch möglich wird. Die meisten Neiger verfügen über einen Griff, der gleichzeitig die Klemmfunktion für eine der Achsen übernimmt. Mit diesem Griff lässt sich die Kamera bequem bewegen, ohne dass die zweite Hand diese stützen muss.

2D-Neiger: Die abgespeckte Version des 3D-Neigers. Bei ihm fehlt die Möglichkeit, die Ausrüstung um die optische Achse zu drehen. Ein Kippen von Quer- ins Hochformat fällt damit aus, was den Einsatzbereich in der Fotografie stark einschränkt. Für Filmaufnahmen sind die beiden verbleibenden Achsen allerdings ausreichend, weswegen die auch als “Kino-Neiger” bekannten 2D-Köpfe die Wahl für Videofilmer sind. Für butterweiche Schwenks sorgen – soweit vorhanden – ein so genannter Fluid-Gelenkkopf, der ruckelfreies Bewegen ermöglicht, sowie ein ausreichend langer Griff, der ein entsprechend großes Hebelmoment erzeugt.

Getriebeneiger: Die Lösung für Perfektionisten, die bei der Arbeit keine Eile haben dürfen. Bei diesem Konstruktionsprinzip werden die Achsen nicht für das Verstellen der Kamera gelöst und wieder arretiert. Vielmehr sind alle Achsen immer gegen ungewollte Bewegungen gesichert und werden über Drehknöpfe verstellt. Das ist hochpräzise, aber eben auch zeitaufwändig.

Kardankopf: Das genaue Gegenteil des langsamen Präzisions-Neigers. Der Kardankopf, der auch unter der englischen Bezeichnung Gimbal bekannt geworden ist, soll schnelles Schwenken und Neigen insbesondere mit schwerer Ausrüstung ermöglichen. Dazu wird die Kamera-Objektivkombination an ihrem Schwerpunkt auf einer Art drehbarer Schaukel befestigt. Der Schwerpunkt liegt bei Verwendung massiver Objektiven weit vor dem Kameragehäuse. Schwere langbrennweitige Objektive werden dazu mit Stativschellen am Stativkopf befestigt. In dieser Schaukel hat der Fotograf mit seinem Equipment maximale Bewegungsfreiheit. Vor allem Sport- und Tieraufnahmen mit langen Brennweiten sind die Haupteinsatzgebiete für die schnellen Gimbal-Köpfe.

Panorama-Kopf: Diese Bauform soll das Erstellen von Panorama-Bildern erleichtern, bzw. macht professionelle Panorama-Fotografie erst möglich. Der Panorama-Kopf ermöglicht zweierlei: zunächst das planbare, exakte und reproduzierbare Schwenken der Kamera in der Horizontalen. Und weiter das Schwenken um die für saubere Panoramen richtige Drehachse. Es ist nämlich nicht egal, wie man eine Objektiv-Kamera-Kombination dreht. Sollen mehrere Aufnahmen aneinandergefügt werden, ist es wichtig, den exakten Aufnahmestandort zwischen zwei Aufnahmen nicht zu verändern. Insbesondere bei nahen Motiven, also etwa in Innenräumen, führt ein unsauberer Schwenk zu einer Parallaxenverschiebung: zwei Bilder werden unter verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen, weswegen sich Vor- und Hintergründe gegeneinander verschieben. Die Objektiv-Kamera-Kombination muss um die so genannte Eintrittspupille gedreht werden. Diese liegt in der Regel innerhalb der Linsengruppen des Objektivs, also weit vor dem Stativgewinde des Kameragehäuses. Panoramaköpfe erlauben es, Kamera und Objektiv so auszurichten, dass die Drehachse eines Schwenks genau durch die Eintrittspupille des optischen Systems führt.

Die harten Faktoren sind bei der Suche nach dem Stativkopf das Eine. Die weichen Faktoren das Andere. Kugelköpfe und Neiger fühlen sich im Einsatz völlig anders an. Das kann auch heißen: Nicht jeder kommt mit jedem der Systeme gleich gut zurecht. Vor allem Umsteiger können sich am Anfang schwer tun. Wer viele Jahre einen 3D-Neiger gewohnt war, wird mit einem Kugelkopf vielleicht das Gefühl bekommen, dass die Kamera ihm in alle Richtungen entgleitet. Und umgekehrt wäre es keinem Kugelkopf-erfahrenen Fotografen zu verdenken, wenn er sich bei einem Neiger erst einmal eingeengt fühlt. Am besten probiert man beide Systeme und jeweils verschiedene Vertreter ausgiebig aus. Und zwar mit der eigenen Kamera. Im stationären Fachhandel oder auf einer Fotomesse kann man seine Ausrüstung auf Stative packen und herausfinden, welche Bauart einem eher liegt. Zudem darf man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Kugelköpfe und 3D-Neiger gibt es zu Preisen von einigen Dutzend bis zu mehreren Hundert Euro. Einen High-End-Neiger darf man nicht mit einem Einstiegs-Kugelkopf vergleichen und auch nicht umgekehrt.

Gütekriterien, die sich im Ladengeschäft oder auf der Messe überprüfen lassen, sind neben der maximalen Zuladung auch die exakte Arretierung und die Stabilität. Man sollte seine Ausrüstung auf den Stativkopf schnallen, deutlich verkippen und beobachten, wie sich der Kopf nach dem Arretieren verhält. Er sollte sofort nach dem Festzurren möglichst wenig nachgeben und zudem über einen längeren Zeitraum kein schleichendes Durchrutschen der Ausrüstung erlauben. Das würde Langzeitaufnahmen ruinieren. Ein komfortables Ausstattungsdetail bei allen Stativköpfen ist die Möglichkeit, Kameras schnell zu befestigen. Dazu gibt es anstelle der fixer Stativschrauben Schnellkupplungssysteme. Viele Hersteller bieten diese nach dem so genannten Arca-Swiss-Standard an. Damit sind Wechselplatten und Klemmvorrichtungen untereinander kompatibel.

Wer sich absolut nicht für eine Bauart entscheiden kann oder in allen fotografischen Fällen perfekt ausgestattet sein möchte, sollte erwägen, sowohl einen Kugelkopf als auch einen 3D-Neiger anzuschaffen. Beide lassen sich bei Bedarf an einem Stativ austauschen, wenn die Aufnahmeverschraubung identisch ist.

Faszination Fototechnik 11 / 2015

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