Vier wichtige Fototechnik-Trends bei Smartphones und was sie wirklich bringen

Für die meisten Fotografen ist die gefühlte Rollenvorteilung klar: Die Kamera im Smartphone ist gut genug für Schnappschüsse und Social Media, für höhere Ansprüche und großformatige Bildausdrucke greift man zur hochwertigen Kompakt-, DSLR- oder kompakten Systemkamera. Tatsächlich bieten Smartphones immer mehr leistungsstarke Foto- und Videofunktionen. Aufnahmen im 4K-Standard und 360-Grad-Panoramen sind nur zwei Stichworte. In der Praxis stechen unter den vielen großen Entwicklungen folgende vier derzeit besonders hervor: Dual-Kameras, Zusatz-Module, DNG-RAW und manuelle Belichtungseinstellungen. Doch was bringen die Neuerungen wirklich?

Zwei Sensoren und Objektive - Huawei P9
Smartphone-Kameras mit zwei Sensoren und Objektiven liegen im Trend. Im Huawei P9 steckt Know-how von Leica.

Wir haben die wichtigsten Foto-Trends bei den Smartphones unter die Lupe genommen und mit dem Status Quo der Kameratechnik verglichen. Ergebnis: Smartphones können viel, sind aber längst nicht unter allen Einsatzbedingungen das optimale Kreativwerkzeug.

Dual-Kameras: Doppelt knipst besser – aber nicht immer

Immer wieder mal versuchen Hersteller, Digitalkameras mit zwei Objektiven auszustatten und ihnen dadurch mehr fotografischen Spielraum zu ermöglichen. Derzeit erwecken mehrere Smartphone-Hersteller die Idee zu neuem Leben. Sie packen einfach zwei Sensoren und zwei kompakte Objektive in das Gehäuse. Das Ziel variiert: Mal geht es um mehr Zoom, mal um mehr Schärfentiefe, mal um mehr Bildqualität.

Stichwort Zoom: Das LG G5, das iPhone 7 Plus und das Asus Zenfone 3 Zoom nutzen ihre Dual-Kameras zwar zum optischen Zoomen, allerdings ähneln die Systeme in der Benutzung eher dem Arbeiten mit zwei Festbrennweiten. Auf dem LG kann man per Knopfdruck zwischen einem Objektiv mit einer Kleinbildbrennweite von ungefähr 28 Millimeter und einem Superweitwinkel umschalten. Auf dem iPhone 7 Plus gibt es neben der 28er Brennweite auch ein 56-Millimeter-Normalobjektiv. Zwei Brennweiten sind besser als eine, insofern lässt sich gegen die Verdopplung der Möglichkeiten hier gar nichts einwenden.

Zwei Festbrennweiten - iPhone 7 Plus
Zwei statt einer Festbrennweite: Das iPhone 7 Plus kann von 28 Millimeter auf 56 Millimeter umschalten.

Doch Achtung: Richtig gut ist die Bildqualität nur, wenn auch tatsächlich mit genau einer dieser Festbrennweiten fotografiert wird. Wählt man einen Brennweitenwert dazwischen, kommt der Digitalzoom zum Einsatz – und der mindert die Bildqualität stark. Was also den Komfort des Zoomens angeht, haben Kompakt-, DSLR- und kompakte Systemkameras weiterhin die Nase ganz weit vorne. So flexible Möglichkeiten, den Bildausschnitt ohne Auflösungsverlust zu verkleinern oder zu vergrößern, bietet kein Smartphone.

Stichwort Schärfentiefe: Die Kombination von großem Bildsensor und lichtstarker Blende ermöglicht bei vielen Kameras das kreative Spiel mit der Schärfentiefe. Im Gegensatz dazu ist das mit den viel kleineren Bildsensoren in Smartphones so gut wie unmöglich. In einigen Smartphone-Modellen versuchen die Hersteller dies mittels Software zumindest zu simulieren. Die leicht versetzt angeordneten Objektive von Dual-Kameras können zwischen Vorder- und Hintergrund unterscheiden und lassen Letzteren mittels Unschärfemaskierung verschwimmen. Die Qualität der Ergebnisse variiert hierbei jedoch stark. Einige Smartphone-Kameras haben deutliche Schwierigkeiten, die Ebenen präzise zu trennen. Selbst bei hochwertigen Smartphone-Modellen kann der Schärfeverlauf oft etwas unnatürlich erscheinen.

Portrait-Look mit Hintergrundunschärfe - iPhone 7 Plus
Per Software-Filter kann das iPhone 7 Plus einen „Portrait-Look“ mit Hintergrundunschärfe simulieren.

Stichwort Bildqualität: Größere Bildsensoren, wie sie in Kompakt-, DSLR- und kompakten Systemkameras verbaut werden, fangen mehr Licht ein als kleine. Deshalb bieten diese Aufnahmegeräte auch in punkto Aufnahmedetails, Bildrauschen und Bilddynamik gegenüber Smartphones merkbare Vorteile – vor allem bei wenig Licht. Durch immer leistungsfähigere Prozessoren in zahlreichen Smartphone-Modellen, die in Sekundenbruchteilen mehrere Bilder einer Szenerie festhalten und diese zu einer Aufnahme verschmelzen, kommt es zu einer Qualitätsannäherung.

Zwei Sensoren und Optiken - Honor 8 und Huawei Mate 9
Zwei Designs, ein Konzept: Zwei Sensoren und Optiken sollen in den Smartphones Honor 8 und Huawei Mate 9 für eine bessere Bildqualität sorgen.

In diesem Sinne arbeiten einige Smartphones mit Dual-Kamera wie das Huawei P9, Huawei Mate 9 oder Honor 8. Sie kombinieren anstatt mehrerer Aufnahmen aus der gleichen Kamera Bilder aus einem Farb- und einem Monochromsensor. Letzterer kann dank fehlendem Farbfilter mehr Licht aufnehmen als sein RGB-Pendant. Wenn die monochromen Bilddaten dann mit der Farbinformation eines RGB-Sensors kombiniert werden, kann gegenüber konventionellen Smartphone-Kameras eine bessere Bildqualität erzielt werden.

Die Kamera zum Aufstecken: Modulare Lösungen

Für viele Smartphone-Nutzer ist ein elegantes und vor allem dünnes Gehäuse ein wichtiges Kaufkriterium. Leider stehen diese Eigenschaften im direkten Gegensatz zur Kameraqualität. Größere Bildsensoren bieten besseres Rauschverhalten und Bilddynamik. Größere Objektive lassen mehr Licht zum Sensor oder bieten ein Zoom, und auch ein leistungsstarker Xenon-Blitz braucht Platz. Dieses Dilemma kann durch einen modularen Ansatz gelöst werden: Im Alltag trägt man das elegante und schlanke Smartphone in der Tasche. Sind bessere Bildqualität und Kamera-Features gefragt, kann ein externes Modul ans Telefon angeflanscht werden.

Objektiv mit 10-fach-Zoom und ein extra Auslöser - Hasselblad
Ein Objektiv mit 10-fach-Zoom und einen extra Auslöser. Das erhalten Fotografen, wenn sie ein Modul von Hasselblad an ein Lenovo-Smartphone montieren.

Die Idee von Aufsteckkameras ist nicht ganz neu, siehe etwa Sonys QX-Produkte. Lenovo und Hasselblad hauchen dem Thema „Kameramodul fürs Smartphone“ neues Leben ein. Das Hasselblad TrueZoom Kameramodul bietet einen 10-fach Zoom und Xenon-Blitz. Es wird magnetisch ans Smartphone montiert und verwandelt dieses im Handumdrehen, ohne Neustart, in eine smarte Reisekamera. Haptik und Ergonomie sind gut, die Lichtstärke mit F3.5-6.5 eher nicht. Der Hauptnachteil des TrueZoom ist, dass es momentan nur mit drei Lenovo-Modellen kompatibel ist, was einer weiten Verbreitung des Geräts nicht zuträglich sein dürfte. Trotzdem zeigt es, was momentan technisch machbar ist.

An die Breite und Qualität des Angebots an Wechselobjektiven und Zubehör für Kameras kommen Smartphones dennoch nicht heran. Die Modularisierung sowie die Ausweitung des Zubehörs um Aufsteckobjektive, Stative und Lichtlösungen sind jedoch Schritte hin zum Smartphone als Systemlösung.

In RAW liegt die Kraft

Wer sich möglichst viele Qualitätsreserven für die Bildnachbearbeitung bewahren möchte, speichert sein Foto in RAW ab. Bei vielen Kameras ist diese Möglichkeit bereits selbstverständlich – hingegen bei Smartphones lange Zeit eher die Ausnahme. Mit der Einführung von Apples mobilem Betriebssystem iOS 10 ermöglichen nach Android und Windows Mobile nun alle großen Mobilgeräteplattformen, Rohdaten im DNG-Format zu konservieren.

Die Vorteile sind dieselben wie bei Kompakt-, DSLR- und kompakten Systemkameras. Anstatt die Bildverarbeitung dem Kameraprozessor zu überlassen, kann der Fotograf beim Konvertieren der Bilder viele Parameter auch noch nach der Aufnahme ohne Qualitätsverlust korrigieren. Das geht mit Desktop-Programmen wie Camera RAW und Capture One genauso gut wie mit Snapseed und Photo Mate auf Mobilgeräten.

RAW-Format DNG
Unterstützen Smartphones das RAW-Format DNG, können Fotografen später am Rechner die Belichtung sehr umfassend korrigieren.

So können RAW-Daten vor allem in schwierigen Lichtsituationen ein Lebensretter sein oder dabei helfen, Bilddateien für verschiedene Nutzungszwecke zu generieren. Parameter wie Rauschunterdrückung, Weißabgleich, Schärfe oder Kontrast lassen sich mit RAW-Dateien aus dem Smartphone mehr oder weniger genauso modifizieren wie mit einer Kamera. Es ist erstaunlich, wie viel Bildqualität sich inzwischen aus DNG-Dateien von Smartphones herausholen lässt.

Damit werden Kompakt-, DSLR- und kompakte Systemkameras aber nicht entbehrlich. Bei Fotoprojekten, wo die bestmögliche Bildqualität der absolute Maßstab ist, sind sie rein technisch weiterhin überlegen. Dank der besseren Bilddynamik der größeren Sensoren bieten sie immer noch sehr viel mehr Flexibilität, wenn es darum geht, die Belichtung anzupassen, Spitzlichter zu reduzieren oder Tiefen aufzuhellen.

Belichten wie die Profis? Vorteile und Grenzen der manuellen Steuerung

Immer mehr Kameras von hochwertigen Smartphones verfügen über einen Betriebsmodus, der sich „Pro“ oder ähnlich nennt. Letztlich bedeutet das nichts anderes, als dass Fotografen die Smartphone-Kamera genauso wie ihre Kompakt-, DSLR- und kompakte Systemkamera manuell kontrollieren können. Neben der Belichtungskorrektur bieten viele Geräte die Möglichkeit, Verschlusszeit und ISO-Wert manuell einzustellen.

Pro-Modus
Der „Pro“-Modus auf Smartphones bietet nicht die gleichen manuellen Möglichkeiten wie eine herkömmliche Kamera.

Was in der Theorie nach viel mehr kreativem Spielraum klingt, stößt in der Praxis allerdings mitunter schnell an Grenzen. Im Gegensatz zu Kompakt-, DSLR- und kompakten Systemkameras haben Smartphone-Kameras eine feste Blende. Die Schärfentiefe kann also auch im manuellen Kameramodus mit diesem Parameter nicht variiert werden. Außerdem ist die längste Belichtungszeit oft auf eine Sekunde limitiert. „Echte“ Langzeitbelichtungen sind damit nicht möglich.

Die Bedienungsergonomie ist ein weiterer limitierender Faktor. Während sich bei Kameras mit Hilfe physischer Kontrollrädchen oder -tasten Belichtungsparameter schnell, und ohne das Auge vom Sucher zu nehmen, ändern lassen, muss man bei Smartphones mit virtuellen Bedienungselementen auf dem Touchscreen vorlieb nehmen. Die sehen zwar oft schön aus, sind aber meist umständlicher zu bedienen und weniger reaktionsschnell als ihre Gegenstücke zum Anfassen.

Fazit

In den letzten Jahren ist die Innovation im Bereich der Smartphone-Kameras deutlich schneller vorangeschritten als bei Kompakt-, DSLR- und kompakten Systemkameras. Trotzdem sind letztere für viele Einsatzzwecke immer noch die deutlich bessere Wahl. Vor allem wenn manuelle Eingriffe in die Belichtung gefragt sind, sich schnell bewegende Motive abgebildet werden sollen, die Lichtverhältnisse schlecht sind oder lange Brennweiten gefragt sind, sind sie die zu bevorzugenden Aufnahmegeräte. In manchen Situationen können Smartphones aber durchaus das bessere Aufnahmewerkzeug sein. Durch die weiten Brennweiten sind sie bei guten Lichtverhältnissen beliebt in der Landschaftsfotografie und ihre kompakten Ausmaße bieten Vorteile für „Street Photographers“.

Faszination Fototechnik 02 / 2017

5 Kommentare

Es werden viele interessante Themen angeschnitten. Das Interessanteste dabei ist aber der Mensch hinter der Kamera. Wie hat sich sein fotografisches Leben verändert? Für was und wen fotografiert er denn überhaupt? Für den Goldrahmen, gleich neben dem röhrenden Hirsch (Verzeihung für Besitzer dieses klassischen und starken Motivs ;-) - oder für das Posting in den Sozialen Medien, die einem schnelle Anerkennung über Clicks und Likes bescheren? Es ist wie mit der Musik - man kann auch zu technisch unperfekten Audiowidergaben wunderbar tanzen, aber auch meditativ den Vierteltönen eines Klaviers im Konzetsaal genußvoll lauschen. Und dann gibt es noch die Motivation seine Bilder kreativ und künstlerisch zu bearbeiten. So ging es mir vor drei Jahren, als ich meine Seite www.iPadografie.com ins Leben rief. Man arbeitet hier intuitiv mit den Fingerkuppen in anwendungsfreundlichen Apps direkt auf dem Gerät, statt umständlich, und dem Büroalltag ähnelnd, mit PC-Bildbearbeitungsprogrammen sich über seine visuelle Ernte her zu machen. Wer mehr wissen will zu diesem Thema schaut in die nächste c´t Digitale Fotografie. Da schreibe ich mehr zu diesem Thema. Christian

Christian Frank

von Christian Frank
09. Februar 2017, 16:36:45 Uhr

Hallo Detlev und Co., ich finde, beides hat seine Daseinsberechtigung und ich bin gerne gegenüber neuen Techniken aufgeschlossen. So werden jetzt selbst Copter für die Unterwasserfotografie angeboten. Das gefällt mir ebenfalls sehr gut. Smartphone liegt zwar nicht so gut in der Hand wie SLR, verleitet aber leicht zu ganz anderen Blickwinkeln und Aufnahmen und ist immer dabei. Qualität ist Einstellungssache und es kommt nicht immer auf sie, sondern auf das einmalige Foto, die Sichtweise, das Ergebnis, das einen umhaut - an. Wünsche euch noch einen schönen Tag, allzeit Gut Licht!

Eberhard

von Eberhard
08. Februar 2017, 16:26:29 Uhr

Hallo Detlev, muss das Kameragehäuse nicht der Funktionalität folgen? Es gibt genug stylische Produkte die toll aussehen und in der Nutzung nicht zu gebrauchen sind. Man sagt den den Kameraherstellern wie du immer nach, nur auf Technik zu setzen. Die Smartphonehersteller tun doch nichts anderes. Das ist doch in allen technischen Bereichen der Fall. Und ich muss dir sagen, dass ich auf die technischen Innovationen der letzten zwei Jahren nicht mehr verzichten möchte. Diese fördern für mich den Spaß an der Fotografie und so langsam freunde ich mich sogar mit Video an.

Wolfgang

von Wolfgang
08. Februar 2017, 09:57:07 Uhr

Es geht hier doch nicht um die nicht endende Diskussion was das bessere Aufnahmegerät ist. Dies ist ja bekanntlich das was man dabei hat. Anliegen ist, so habe ich den Artikel gelesen, aufzuzeigen was es in Punkto Fotofunktion neues gibt. Immer wieder ist doch zu lesen, dass die Smartphones in Punkto Bildqualität die Kameras überholen. Ist doch auch ein Verkaufsargument. Ich sehe das übrigens nicht so. Ich fotografiere sowohl mit dem Smartphone als auch mit der Kamera. Mir macht es allerdings mehr Spaß mit der Kamera zu fotografieren. Das fängt schon damit an, dass eine Kamera richtig gut in der Hand liegt und das Smartphone nicht. Siggi

Siggi

von Siggi
08. Februar 2017, 09:44:05 Uhr

"Trotzdem sind letztere für viele Einsatzzwecke immer noch die deutlich bessere Wahl."schreibt der Autor. Den Satz könnte man auch für das iPhone benutzen. "Trotzdem ist das iPhone in Sachen Bequemlichkeit und "Überall-dabei-Fotografie" die bessere Wahl. Was die meisten Autoren vergessen, die Jugendlichen wollen eben nicht die "angestaubte, klassische Fotografie mit den ewig gleichen Motiven" sondern hat andere fotografische Richtungen entdeckt. Selbst ältere Fotografen wie ich, haben zwischenzeitlich das iPhone für andere Stilrichtungen entdeckt. Und was ebenso wichtig ist - ich habe wieder Spaß an der Fotografie, nachdem ich 50 Jahre mit SLR-Kameras fotografiert habe. Dort sollte sich mal etwas anderes tun, als immer nur auf digitale Technik zu setzen, in Kameragehäusen, die meist aussehen wie früher.

Detlev Motz

von Detlev Motz
08. Februar 2017, 09:34:13 Uhr

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