Lost Places in Berlin: Zu den Spionen auf den Teufelsberg

Lost Places in Berlin: Zu den Spionen auf den Teufelsberg

So genannte „Lost Places“, also verlassene Gelände mit langsam verfallenden Gebäuden, sind bei experimentierfreudigen Fotografen beliebt. Berlin wartet gleich mit einer ganzen Reihe solcher spannenden Lost Places auf – allerdings werden es auch hier immer weniger. Beliebte Orte wie etwa der ehemalige Spreepark im Plänterwald oder die Heilstätten in Beelitz sind mittlerweile an die Stadt oder Investoren verkauft, so dass sie – wenn überhaupt – nur noch begrenzte Zeit in ihrem malerisch verfallenden Zustand fotografiert werden können. Also auf zu einem besonderen Leckerbissen für Lost Places-Fans: der ehemaligen „Field Station Berlin“ auf dem Teufelsberg.

Legale Tour schafft Sicherheit

Lost Places in Berlin: Zu den Spionen auf den Teufelsberg
Das Areal des früheren Horchpostens ist von einem Sicherheitsdienst bewacht und über spezielle Führungen täglich mehrfach zwischen 12 und 16 Uhr legal zugänglich. Dies hat den nützlichen Nebeneffekt, dass man nicht nur keine saftige Geldstrafe beim Fotografieren auf dem Gelände riskiert, sondern sich auch die Gefahren in Grenzen halten. Die sind bei Lost Places sonst nämlich groß und ein Grund, deutlich vor unerschlossenen Geländen zu warnen. Natürlich ist ein verfallendes Areal auch bei einer geführten Tour immer noch kein Kinderspielplatz, aber zumindest ist akute Einsturzgefahr geprüft beziehungsweise nicht gegeben und Guides weisen einen sicheren Weg. Dennoch nimmt man an einer Fototour auf eigene Gefahr teil und Kinder sind in der Regel ausgeschlossen.

Lost Places in Berlin: Zu den Spionen auf den Teufelsberg
Bei den Touren gibt es zwei Varianten: Eine „stille Führung“ ohne Zusatzinformationen für 7 Euro und eine Variante mit Zeitzeugen-Erläuterungen zur Geschichte dieses besonderen Ortes für 15 Euro. Zeitweise gab es auch eine spezielle Fotografen-Version mit mehr Zeit und Aufnahme-Anleitung, die jedoch zum Zeitpunkt unseres Besuches nicht angeboten wurde. Wir entscheiden uns für die historische Führung. Das ist eine gute Wahl, denn unser Guide hat früher selbst auf dem Berg gearbeitet und kennt die Anlage daher noch aus den Zeiten als sie noch in Betrieb war. Außerdem kann er spannend erzählen und wir werden daher nicht nur fotografisch viel mitnehmen. Eine vorherige Anmeldung über fuehrung@berliner-teufelsberg.com ist übrigens nicht zwingend erforderlich, aber sinnvoll, da man dann über eventuelle kurzfristige Absagen informiert wird und nicht vergebens anreist.

Flexibel gepackte Kameratasche

Da wir unsicher sind, was uns vor Ort erwartet, packen wir eine flexible Ausrüstung ein: Einer ist mit einer kompakten Systemkamera und zwei Zoomobjektiven mit einem Brennweitenbereich von 28-300 mm (umgerechnet auf Kleinbild) dabei, die andere mit einer Spiegelreflex und lichtstarken Festbrennweiten sowie einem Ultraweitwinkelzoom. Damit wir auch bei wenig Licht noch gute Aufnahmen machen können, packen wir außerdem ein Einbeinstativ („Monopod“) ein. Es ist deutlich flexibler und auch in engen Räumen leichter zu platzieren als ein Dreibein-Stativ. Zudem hat man bei solchen Führungen nur in den seltensten Fällen alle Zeit der Welt zum Fotografieren. Da muss es schnell gehen, um den gesehenen Augenblick zu konservieren. Dass für uns eine Ersatzspeicherkarte ebenso in die Fototasche gehört wie ein Ersatzakku versteht sich von selbst. Die Veranstalter raten außerdem zu einer Taschenlampe sowie warmer Kleidung auch im Sommer. Letztere wird sich später in der Tat bewähren, denn auf dem Berg und speziell den Abhörtürmen ist es sehr zugig.

Start der Touren

Die Touren starten wahlweise am S-Bahnhof Grunewald oder direkt am Tor der Abhörstation. Da wir sowieso mit S-Bahn anreisen, gehen wir ab dort mit. Das stellt sich als gute Entscheidung heraus, denn die kurze Wanderung von etwa 30 Minuten bis zum Eingang des Geländes ist nett und ermöglicht, erste Informationen über die Geschichte des Ortes zu erfahren: Während des Kalten Krieges wurden hier von Amerikanern und Briten versucht, die Geheimnisse des Ostens auszuspähen. Durch die weit östliche Lage der geteilten Stadt waren Berlin und der Teufelsberg als seine höchste Erhebung dazu ein prädestinierter Standort.

Verfall vom Pförtnerhaus bis zur ehemaligen Musterwohnung

Lost Places in Berlin: Zu den Spionen auf den Teufelsberg
Oben angekommen werden wir vom Wachdienst begrüßt und die Eintrittsberechtigung geprüft. Auch muss man einen Haftungsausschluss unterschreiben. Wir passieren links die ehemalige Kantine, wo die ersten Fotomotive in Form umgekippter Stühle und Graffiti schon auf uns warten. Weiter geht es den Berg hinauf zur ehemaligen Pforte. Wo früher die Wache den Eintritt prüfte, sind jetzt die Fensterscheiben geborsten und fällt nur fahles Licht in den Raum. Gut, dass wir ein lichtstarkes Objektiv und ein Monopod mitgebracht haben – für den Aufbau eines Stativs wäre weder Platz noch Zeit und Blitzen würde die Atmosphäre deutlich stören. Nun bewähren sich auch unsere aktuellen Kameramodelle mit ihren hohen möglichen ISO-Werten. Auch ISO 3.200 und mehr können wir guten Gewissens noch einstellen.

Die Spinde, in die die Soldaten früher ihre Freizeitkleidung gehängt haben, stehen noch da und ein Graffiti präsentiert die „Last Watch“. Ob es wohl echt ist und wirklich von den letzten Diensthabenden hier hinterlassen wurde? Wir erfahren es nicht und hängen der Gruppe durch unser Fotografieren schon deutlich hinterher. Also den Monitor eingeklappt und zurück zu den anderen. Die sind mittlerweile schon beim ehemaligen Hauptgebäude angekommen.

Lost Places in Berlin: Zu den Spionen auf den Teufelsberg
Unten klapperten früher die Schreibmaschinen und klingelten die Telefone. Heute sieht man nichts mehr davon und braucht schon viel Phantasie, um sich den abgeschotteten regen Betrieb hier vorzustellen. Deutlicher sichtbar ist eine weitere Schicht der vielfältigen Geschichte des Gebäudes: Nach Abzug des Horchpostens war geplant worden, hier eine Wohnanlage einzurichten. Eine Musterwohnung kann in ihren Rudimenten noch besichtigt werden. Allerdings ist auch hier alles besenrein. Kein Einbauschrank und keine Fenster verraten mehr, wie es hier mal aussehen sollte. Dafür zieren zahllose Graffiti die leeren Wände. Könnten sie erzählen, was sie gesehen haben, wären wohl interessante Geschichten darunter, denn die Anlage war zeitweise nicht so gut abgesperrt wie heutzutage. Gar zwei Todesfälle hat es damals auf dem Berg gegeben – kein Wunder, denn auch heutzutage muss man aufpassen, dass man durch die großen Löcher im Boden nicht ein Stockwerk tiefer fällt. Also festes Schuhwerk anziehen.

Weiter Ausblick von den Türmen für Schwindelfreie

Lost Places in Berlin: Zu den Spionen auf den Teufelsberg
Vorbei an den gähnend leeren Aufzugschächten geht es dann auf die Türme. Die geheimnisumwitterten Ausgucke waren mit Plane bedeckt, damit keiner sehen konnte, welche technischen Abhörgerätschaften hier im Betrieb waren. Heutzutage sind alle Lauschanlagen abgebaut und die zerschlissene Plane knattert malerisch im Wind. Die Türme bieten einen traumhaften Panoramaausblick auf Berlin und wir sind froh, dass wir auch ein Teleobjektiv mitgenommen haben. Schwindelfrei sollte man allerdings sein und so kehrt eine aus unserer Gruppe schon nach dem ersten Stockwerk wieder nach unten um.

Lost Places in Berlin: Zu den Spionen auf den Teufelsberg
Doch auch dort bieten sich genügend Motive. Wir können uns am Ende der etwa zweistündigen Tour jedenfalls kaum losreißen und überlegen, ob wir demnächst noch mal wieder kommen. Anschließend unternehmen wir noch einen Spaziergang auf dem Teufelsberg rund um die Anlage. Da dort häufig Segelflieger unterwegs sind, finden wir noch weitere reizvolle Motive und sind froh, dass wir noch eine Ersatz-Speicherkarte mitgenommen haben, die wir nun füllen können. Auch bekommen wir zum Schluss noch einen Gegenlichtschuss mit der Silhouette der Anlage.

Lost Places in Berlin: Zu den Spionen auf den Teufelsberg
Das Spionieren bei den Spionen wirkt jedenfalls noch lange nach. Zuhause lassen wir der Kreativität bei der Bildbearbeitung mit Schwarzweiß-Umwandlung und Alterungseffekten freien Lauf. Das alles macht so viel Spaß und ist mit den Hintergrundinformationen der Zeitgeschichte so eindrucksvoll, dass wir uns entschließen, ein Fotobuch mit den Aufnahmen zu erstellen, das den Freundes- und Bekanntenkreis staunen lässt.

WEITERE INFOS

http://berliner-teufelsberg.com – Sonder- und Gruppenführungen sind ab 300 Euro (bis 20 Personen) möglich.

ALTERNATIVEN zu unserer vorgestellten Fototour

„Lost Places“ gibt es in Berlin in großer Zahl. Allerdings sind die allermeisten nicht legal zugänglich und wir warnen vor dem unbefugten Zutritt nachdrücklich. Auch, wenn viele andere sich dort tummeln, bedeutet das nicht, dass ein Ort sicher betreten werden kann. Praktischerweise gab und gibt es in und um Berlin einige legal zugängliche Orte. Am prominentesten sind die Gebäude des ehemaligen Flughafens in Tempelhof. Sie können in regelmäßigen Führungen besichtigt werden (Termine über http://www.thf-berlin.de/flughafengebaeude/gebaeudefuehrungen/). Allerdings hat die Zahl der weiteren legal zugänglichen Lost Places in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Das Areal des ehemaligen Spreeparks etwa ist mittlerweile von der Stadt Berlin zurückgekauft worden und war daher zum Zeitpunkt dieses Beitrags nicht mehr zugänglich. Ebenfalls im Umbruch befinden sich die beliebten ehemaligen Lungenheilstätten in Beelitz im Berliner Umland. Dort wird vorsichtig saniert. Allerdings ist das Areal noch über spezielle Fototouren der Agentur Go2Know zugänglich. Der Anbieter ist übrigens spezialisiert auf Lost Places-Fotografen und bietet auch Touren zu weiteren Gebäuden – vornehmlich im Umland von Berlin – an.

Aktuelle Anmerkung: Seit unserer Tour sind einige Gebäude zusätzlich gesichert worden und nicht mehr zugänglich, so auch das beschriebene ehemalige Wärterhaus am Eingang. Ein weiteres Beispiel dafür, dass das, was man heute fotografiert hat, schon morgen ein Zeitdokument sein kann.

Fototour 07 / 2015

1 Kommentare

War auch schon da und es ist echt lohnenswert. Schade, dass ich hier kein Bild von meiner Tour hochladen kann.

Markus

von Markus
15. Juli 2015, 17:22:07 Uhr

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