Fototour Wien

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Heurigen
© Georg Schuh, Buschen

Vienna calling!

Georg Schuh zog es nach Wien – eine Stadt reich an Impressionen wo die Ersatzakkus ebenso nicht fehlen dürfen wie die Ersatzspeicherkarten. Mit dem Falco-Hit erreichte unser Scout Wien. Als Ausgangsquartier wurde der Vorort Mauer gewählt – der ist günstig, reich an Weinschenken, von denen man dann vom Heurigen beseelt zu Fuß ins Quartier zurückwanken konnte.

Wenn man Wien nicht nur fotografieren, sondern auch mit leichtem Gepäck erleben möchte, empfiehlt sich zumindest als Zweitkamera eine kompakte Systemkamera im mFT Format, da dann auch die Objektive nicht zu sehr auftragen. Für die Café- und Kneipentouren – und davon hat Wien ja reichlich zu bieten – ist ein lichtstarkes leichtes Weitwinkel zu empfehlen, denn blitzen, erst recht nicht indirektes, ist mit dem Wiener Charme inkompatibel. Ansonsten nach den persönlichen Vorlieben, wer seine noch nicht kennt, dem sei zu einem Weitwinkelzoom für Architekturaufnahmen zu raten.

Wien ist so vielgestaltig, wie seine Geschichte wechselhaft. Alles kann man nicht mitnehmen, deswegen ist Beschränkung auch bei der Wahl der Sehenswürdigkeiten angesagt. Nicht der schnelle Blick und die Standardansicht, sondern die ruhige, gelassene Suche nach ungewöhnlichen Perspektiven, charakteristischen Details und besonderen Lichtsituationen lässt einen Wien authentischer erleben und schafft individuellere Bilder. Nachstehend 10 Wiener Besonderheiten die sich in 4,5 Tagen ohne Hektik erkunden lassen.

1. Heurigen

Weinberge in einer Millionenstadt, was wäre Wien ohne die Gemütlichkeit der Wiener Heurigen. Die abendliche Suche im Stadtteil Mauer nach den grünen Zweigen, den „Buschenföhren“ ist nie vergebens gewesen. Diese zeigen an, dass es „Ausg’steckt“ ist, das heißt, die Schenke ist offen. Individuell sind nicht nur die Weine, sondern auch die Schilder an den Weinschenken. Tritt man in die Schenke ein, empfängt einen ein herzliches “Grüß Gott” und eine Weinkarte auf der neben dem Heurigen sich weitere Weine des jeweiligen Weingutes finden lassen und auch für den Hunger gibt es meist an einem Büffet örtliche Schmankerln. Mit einem lichtstarken Weitwinkel und vorzugsweise lautlosen elektronischen Verschluss lässt sich die Stimmung gut einfangen. In Österreich gibt es auch ein Recht am eigenen Bild, zwar nicht so streng wie in Deutschland, aber natürlich gebietet es die Höflichkeit zu fragen, ob die Person auch abgelichtet werden möchte. Heimwärts fällt es dann leichter, vom Wein beschwingt schwankend, schräge Perspektiven auszuprobieren und die blaue Stunde zu dokumentieren.

2. Wiener Kaffeehäuser

Nichts spiegelt das Wiener Leben so sehr wider wie die traditionellen Wiener Cafés. Fragt man die Wiener nach dem typischsten, so bekommt man viele genannt, nur nicht das Sacher. Wir haben vier ausprobiert, das Café Ritter, das Hawelka, das Café Sperl und das Café Westend. Jedes hat seinen Charme, seinen eigenen Stil, bisweilen fast schon etwas morbide. Manche, wie das Hawelka, sind innen dunkel bis düster, voll mit oft verblassten Bildern, Zeichnungen oder Skizzen von Wiener Künstlern, die ihr halbes Leben im Kaffeehaus verbrachten. Andere erstrahlen durch großflächige Fenster im lichten Jugendstil und Billiardtische, wie im Sperl, erinnern an die Zeit des Fin de siècle. Beim Westend lohnt sich auch ein fotografischer Blick aus dem Fenster zu dem futuristischen Bau des Westbahnhofs. Interessant auch wie viele unterschiedliche Kaffeetassen es doch gibt. Sie sind ein lohnenswertes Motiv für eine lichtstarke Festbrennweite mit schönem Bokeh. Allen Cafés gemeinsam sind die ausliegenden Tageszeitungen und die, auch jungen, Menschen, die dort, trotz Smartphones, bei einer Tasse Wiener Melange in aller Ruhe ihre Lektüre genießen.

3. Wiener Märkte

Die Wiener Märkte spiegelten schon immer die Vielfalt der Völker und Kulturen wider, die früher unter dem Dach der Donaumonarchie lebten. Der bunteste und vielfältigste ist der Naschmarkt. Das Gedränge um die Stände in denen es fast alles gibt, was auf dieser Welt zu bekommen ist, ist zu jeder Tageszeit groß. Ein Fotorucksack ist daher nicht zu empfehlen. Ein lichtstarkes Normalzoom an einer kompakten Kamera ist die ideale Wahl, da es in den engen und überdachten Gängen schon recht dunkel werden kann. Die bunte Vielfalt der oft exotischen Speisen und Getränke und die geschäftigen Verkäufer bieten ein Potpourri an Motiven. Da findet jeder sein Motiv. Close ups von den Auslagen oder Verkäufer bei der Arbeit bieten sich als Motiv besonders an. Auf keinen Fall sollte man vor lauter Fotografieren vergessen auch die angebotenen Speisen und Getränke zu probieren, die es an vielen Ständen gibt. Also nicht nur mit leerer Speicherkarte, sondern auch mit leerem Magen auf den Naschmarkt gehen! Ein Besuch am Samstag lohnt sich doppelt, denn da schließt sich am südlichen Ende des Naschmarkts ganzjährig der Flohmarkt an.

4. Das Museumsquartier

Eines der größten Kunstareale der Welt ist ein Mix aus barocker und moderner Architektur, aufgelockert mit Kneipen, Straßenkunst sowie Cafés und bevölkert von Menschen aus aller Welt. Angeregt von den Ausstellungen und Galerien macht es richtig Spaß selbst mit der Kamera kreative Ideen umzusetzen. Georg Schuh hat es hier besonders die Architektur des mumoks (Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien) angetan. Dabei können dann auch die Art-Filter, die inzwischen bei fast jeder Kamera vorhanden sind, zum Einsatz kommen. Sinnvoll ist es immer parallel dazu auch das RAW abzuspeichern, so dass man zuhause die Möglichkeit hat, falls einen der Effekt doch zu stark war, diesen durch Überlagerung mit dem RAW abzuschwächen. In vielen Museen ist das Fotografieren erlaubt, das Ablichten von Kunstwerken ist oft aber problematisch, da hier das Urheberrecht des Künstlers tangiert wird. Es empfiehlt sich, vor allem wenn man die Bilder im Internet veröffentlichen will, das vorher genau abzuklären. Stativ und Blitz sind in den meisten Museen allerdings verboten und auch größere Taschen, Rucksäcke sowieso, müssen in den Schließfächern bleiben. Möchte man nicht ständig zum Schließfach rennen, um Objektive zu wechseln, empfiehlt sich ein kurzbrennweitiges Zoom für die meisten Motive. Kompakte Systemkameras mit kleinem Sensor sind hier natürlich von Vorteil, weil hier die lichtstarken Festbrennweiten in die Jacken- oder Handtasche passen. Wer so wie Georg Schuh auch der Toilettenfotografie frönt, findet in modernen Museen oft besonders originell designte Variationen des stillen Örtchens.

5. Die Schlösser und Parks aus der Zeit als Österreich eine Weltmacht war

Mit Protz und Prunk haben sie nicht gespart, die Fürsten und Kaiser der Donaumonarchie. Das Belvedere, am Rand der Altstadt gelegen, bietet vom Oberen Belvedere aus einen imposanten Blick über den Park bis zur Altstadt mit dem sie überragenden Turm des Stephansdoms. Der Park selbst bietet eine Vielzahl von außergewöhnlichen Skulpturen und Ansichten, die es lohnt festzuhalten. Den Kontrast zwischen dem hellen Laub und dem Himmel erreichte Georg Schuh durch den Einsatz eines IR Filters. Mit einem IR Filter der ab 720nm das sichtbare Licht abschneidet hat man noch einen Rest von Rot mit im Bild. Da alle Sensoren grundsätzlich IR empfindlich sind, genügt so ein Filter zum Hineinschnuppern in die Infrarotfotografie. Möchte man ausschließlich im Infraroten fotografieren muss die Kamera umgebaut werden. Die entstehen Bilder sind dann allerdings monochrom.

Ein Muss ist Schloss und Park Schönbrunn. In der riesigen Anlage verlieren sich die Menschenmassen. Grandiose Ausblicke von der Gloriette herab auf das Schloss wechseln ab mit Skulpturen und in den weitläufigen Gartenanlagen versteckten Bauwerken und Brunnen. Da lohnt es sich, das volle Fotoequipment mitzuschleppen. Bei blauen Himmel und weißen Wolken empfiehlt sich zur Kontrast- und Farbenverstärkung ein Polfilter.

6. Der Zentralfriedhof

Es lebe der Zentralfriedhof, sang schon Wolfgang Ambros, und zwischen allen Toten lebt es dort wirklich in Hülle und Fülle. Vögel zwitschern, alte, knorrige Bäume säumen die fast endlos erscheinenden Alleen, die sich im Zentrum des Friedhofs an der größten Jugendstilkirche der Welt treffen. An Objektiven muss hier alles mit, was die Ausrüstung hergibt, vom Fischauge für die Architekturaufnahmen bis hin zum Supertele, um die reiche Fauna auf den Sensor zu bannen. Auch der IR-Filter findet hier Einsatzmöglichkeiten. Im über 2,5 qkm großen Areal des Friedhofs lassen sich seltene Vögel und, wenn man Geduld mitbringt, sogar ein Rudel Rehe beobachten, das vor allem im Areal des alten jüdischen Friedhofs die Ruhe geniest.

Daneben lohnt es sich, die Vielgestaltigkeit der Grabsteine zu entdecken. Vom modernen Grab Falcos, hier bieten sich wieder die Art Filter zum Experimentieren an, über die vom Efeu überwucherten, alten Grabsteine und Gruften bis hin zu Plastikmonumenten in grellem Rosa, spiegelt sich auf dem Wiener Friedhof das Völker- und Kulturengemisch der Donaumonarchie wider. Und erweckte in Georg Schuh den Wunsch, dass nicht nur im Tode sie so friedlich nebeneinander liegen mögen. Die Wiener sind tolerant, und so nahm auch niemand Anstoß daran, dass Georg Schuh zwischen den Gräbern an einem seiner Fotoprojekte „Ein rosa Koffer unterwegs“ weiterarbeitete. Die kilometerlangen Wege des Friedhofs zu durchstreifen macht hungrig und müde. Das gegenüber von Tor 1 gelegene Concordia Schlößchen ist nicht nur wegen seiner leckeren Schnitzel eine empfehlenswerte Anlaufstelle. Im Inneren scheint die Zeit der Donaumonarchie eingefroren zu sein, dazu fällt wunderbares diffuses Licht durch eine gläserne Dachkuppel und Seitenlicht durch die Fenster, das sich förmlich für romantisch verträumte Porträts aufdrängt.

7. Müllverbrennungsanlage

Friedensreich Hundertwasser ist wohl den meisten Wientouristen ein Begriff. Nicht so bekannt ist, dass er die Fassade der Müllverbrennungsanlage Spittelau gestaltet hat, die dadurch eher an eine Kulisse aus einem Science-Fiction Film erinnert, als an ein Kraftwerk. Besonders empfehlenswert ist der Besuch gegen Abend, da die leuchtenden Farben und die goldenen Kugeln im Licht der tiefstehenden Sonne besonders gut zur Geltung kommen. Durch Einbeziehung von den langen Schatten in die Bildgestaltung lassen sich spannende Ansichten eines nicht alltäglichen Bauwerks erzeugen. Weitwinkel ist dabei Pflicht. Aufgrund der starken Kontraste, vor allem das Gold ist oft überstrahlt, sind Belichtungsreihen empfehlenswert oder bei eingebauter HDR Funktion kann diese benutzt werden.

8. Der Prater – der ewige Rummel

Das Riesenrad und andere spektakuläre Fahrgeschäfte, das sind Motive wie sie auch auf anderen Rummelplätzen der Welt zu finden sind. Der große Vorteil des Praters, zumindest bei den zweimal, bei den er von Georg Schuh besucht wurde: Die Anzahl der Besucher war überschaubar und es ist in aller Ruhe möglich, sich auch mit Stativ den günstigsten Standort zu suchen.

9. Die Plätze

Jede Stadt hat ihre Plätze, Wien hat aber besonders beindruckende und außergewöhnliche. Ein Spaziergang mit vielen Motiven und Ansichten ist der Weg vom Belvedere zum Stephansdom. Zwei imposante Plätze liegen auf dem Weg. Schon bald nach dem Ausgang vom Unteren Belvedere grüßt von hohem Sockel ein Rotarmist. Es ist das Denkmal zu Ehren der Soldaten der Sowjetarmee, die für die Befreiung Österreichs vom Faschismus gefallen sind. Das Russendenkmal, wie es die Wiener nennen, ist bevölkert von jungen Menschen und Familien, die es sich auf den Stufen der Kolonaden oder lässig an die Säulen gelehnt im Schatten der Mittagssonne gut gehen lassen. Den früheren Stalinplatz, jetzt Schwarzenbergplatz, ziert auch noch der imposante Hochstrahlbrunnen, der seinen Namen nicht zu Unrecht trägt. Schon bei leichtem Wind wird ein Nebel feiner Wassertröpfchen von den hohen Fontänen über den Patz getragen. Daher ständig die Frontlinse kontrollieren, sonst ärgert man sich zuhause über die Beugungsringe auf den Bildern verursacht durch die Wassertröpfchen auf der Linse oder dem Filter.

Nicht weit davon liegt der Karlsplatz. Dominiert wird er von der Karlskirche, die sich in dem großen Bassin spiegelt. Durch die eigenartigen Türme erweckt sie in Georg Schuh Assoziationen mit dem Tadsch Mahal. Die vielen Menschen, die hier die Atmosphäre genießen, verlieren sich auf dem großzügigen Gelände. Auf dem weiteren Weg zum Stephansdom ändert sich das schlagartig mit dem Eintritt in die Altstadt. Im Strom der Touristen und Einheimischen wird man förmlich zum Stephansdom getragen. Der Stephansplatz davor ist voll mit Fiakern und Menschen. Auf der Suche nach einem günstigen Standort um den Dom irgendwie festzuhalten, entdeckte Georg Schuh eine Spiegelung des Doms in einer Fassade, nur etwas flau, das Licht fehlte. Dank der sehr nützlichen App TPE (The Photographer’s Ephemeris) die für jeden Ort der Welt den Sonnenwinkel berechnet, konnte er den optimalen Zeitpunkt ermitteln. Es blieb noch genügend Zeit für einen Kaffeehausbummel, denn erst am späten Nachmittag erstrahlt der Dom in der Spiegelung in vollem Glanz. Vorausgesetzt die Sonne scheint!

10. In den Straßen

Überall auf der Welt findet sich das aktuell typische einer Stadt nicht nur in den Prunkbauten vergangener Epochen oder auf den großen Plätzen, sondern auch und gerade in den Seitenstraßen. Wien ist da nicht anders. Graffitis, Schaufenster und Zweckbauten sind auch reizvolle Motive, erfordern allerdings oft etwas mehr überlegte Komposition beim Bildaufbau oder manchmal ist auch eine kleine Inszenierung notwendig. Das Graffiti und auch das bunte Ohr findet man in der Argentinierstraße.

Georg Schuhs Rat zum Schluss: Wien ist ein Ort zum Fotografieren, ohne Zweifel. Aber machen sie nicht den Fehler von einer Location zur anderen zu hetzen. Wien ist auch eine Stadt der Kunst und der Gemütlichkeit. Genießen sie die Kunst in den Museen, das beflügelt die Phantasie und lassen sie sich Zeit für die Kaffeehäuser und die Atmosphäre in den Parks und Plätzen aufzunehmen und das Gesehene zu verarbeiten. Sie machen dann vielleicht weniger Bilder, aber dafür Bilder, die ihre Handschrift tragen.

Der Verfasser des Reiseberichts ist auch Mitautor des Reiseführers Fotoscout Nürnberg und Franken aus dem dpunkt Verlag.

Fototour 05 / 2016

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