Fototour Tschernobyl

© Georg Schuh, Spielzeug Bildgalerie betrachten © Georg Schuh, Spielzeug

Tschernobyl ist keine alltägliche Fototour – immer mehr Menschen zieht es in die Region, in der vor 30 Jahren ein Kernreaktorunfall die Welt in Schrecken versetzte. Unser Autor Georg Schuh bereiste die Region. Er hatte zum Atomkraftwerk in Tschernobyl schon immer eine besondere Beziehung, da er in der Woche vor dem Unglück in seinem Kurs die Problematik dieses speziellen, im Westen nicht gebauten Reaktortyps erklärte und genau erläuterte, welche katastrophalen Folgen ein Totalausfall der Kühlung haben könnte. Unser Autor ist nicht nur Fotograf aus Leidenschaft, sondern hat auch Biologie studiert. Ihn interessierte insbesondere, wie Organismen mit der Strahlung zurechtkommen und wie sich die Lebewesen durch die Mechanismen der Evolution an diese Bedingungen anpassen. In Fachzeitschriften wurde schon seit etlichen Jahren über diese überraschend schnelle und gute Anpassung der Lebewesen berichtet. Und wer heute Tschernobyl besucht, findet keine atomar verstrahlte Wüste vor mit ein paar vereinzelt dahin vegetierenden Mutanten, sondern ein grünes, scheinbar intaktes Naturparadies, das die Hinterlassenschaft der Menschen in Besitz nimmt.

Die Angst vor dem Unbekannten ist festverwurzelt im Erbgut mancher Menschen, ebenso wie die Neugierde als Triebkraft der Weiterentwicklung und neugierig war Georg Schuh schon immer, weswegen er auch kein mulmiges Gefühl hatte, als der Kleinbus mit weiteren 13 Touristen und einem ukrainischen Führer auf den Kontrollposten vor der 30 km-Zone zufuhr. Drei Tage inklusive Übernachtungen in einem kleinen Hotel direkt in Tschernobyl hielt er sich in dem oft als Todeszone bezeichneten Gebiet auf. Als Tourist darf man sich nur in Begleitung eines lokalen Führers bewegen und um 22 Uhr ist für alle Sperrstunde. „Schade“, so Georg Schuh, „denn es war gerade Vollmond, der sich gut über dem Reaktor gemacht hätte.“

Die Verhaltensregeln, die man in der Zone akzeptieren muss, sind sehr streng und restriktiv, zumindest auf dem Papier. Nach der Ausweiskontrolle hob sich der Schlagbaum und ein Blick auf das Dosimeter zeigte auch nach dem Schlagbaum unverändert niedrige Werte, wie sie ungefähr auch in Berlin gemessen werden. In seiner bayrischen Heimat, so Schuh, sei er da wesentlich höherer Strahlung ausgesetzt. Da sich die Natur innerhalb der Zone seit 30 Jahren, ohne durch den Menschen beeinflusst, entwickeln durfte, kam er sich eher wie auf einer Exkursion in einem Nationalpark vor. Beim ersten Besichtigungspunkt wies der Führer auch gleich auf einen Seeadler hin, der über den grünen Wäldern seine Kreise zog. Ausgestiegen aus dem Bus wurde ein ganzer Schwarm bunter Schmetterlinge aufgescheucht, als man sich auf den Weg zu einem vom Wald fast verdeckten Gebäude machte. Da entdeckte Georg Schuh zwischen dem Laub am Boden etwas: „… und plötzlich waren sie da, die Bilder von Kindern mit ängstlichen, fragenden Blicken, aufgeregten Betreuern, die in aller Eile den Kindergarten evakuierten und die aufgeschreckten Kinder im Garten ihr Spielzeug zurücklassen mussten. Nackte Puppen, die Kleidung schon längst vermodert, und anderes Spielzeug liegen bei der Flucht zurückgelassen verstreut in der Gegend, als stumme Zeugen der Katastrophe.“

Direkt um den Reaktor gibt es eine 10km Zone mit erneuter Personenkontrolle und beim Verlassen mit Kontaminationskontrollen des Fahrzeuges und Ganzkörperscan. In dem Gebiet ist besondere Vorsicht geboten, da hier im Boden größere radioaktive Partikel durch die damalige Explosion verteilt sind. Den Führern sind diese Stellen mit hoher Belastung (sog. hot spots) bekannt. Diese sollten entsprechend gemieden werden, aber auf jeden Fall ist immer darauf zu achten, dass möglichst keine Partikel an der Kamera, dem Rucksack usw. haften bleiben. Denn diese Gegenstände möchte man ja, im Gegensatz zu der Oberbekleidung und den Schuhen, nicht in der Zone zurücklassen. Für den Aufenthalt in dem Gebiet sollte man alte Sachen verwenden, die man dort dann entsorgen kann.

Der Reaktor wirkt in seinem Stahlbetonsakrophag fast harmlos. Umso beeindruckender ist der daneben stehende, fast fertige, über 110 m hohe Edelstahldom der metallisch in der Sonne glänzt. Das größte bewegliche Gebäude der Welt, Kostenpunkt über 2 Milliarden. Fertig gestellt wird er dann als dichtes Schutzschild über den havarierten Reaktor geschoben. Fast etwas skurril sind die sich im Kühlwasserteich des Reaktors tummelnden riesigen Welse, die – sobald jemand auf die Brücke tritt – konditioniert herangeschwommen kommen, weil sie regelmäßig von jedem Führer gefüttert werden. Direkt am Reaktor sind Selfies angesagt mit einem Denkmal im Vordergrund, oder während gerade die Arbeiter das Gelände verlassen, weil sie Schichtwechsel haben. Die Strahlenbelastung am Reaktor ist auch erstaunlich niedrig, was für das Containment spricht, denn gebändigt unter dem Mantel aus Blei und Beton lauert noch eine Menge Unheil wie in der Büchse der Pandora.

Die Sperrzone umfasst insgesamt 2.600 Quadratkilometer. Das entspricht ungefähr der Fläche des Saarlandes. In drei Tagen kann man deswegen nur einen Bruchteil davon erkunden. Natürlich werden einem durch den Führer die spektakulärsten Orte gezeigt. Aber im Nachhinein sind es bei Georg Schuh nicht die verlassenen Hochhäuser, Kraftwerke und zerfallenden Fabriken, sondern oft die kleinen Dinge in ihrem Umfeld, wie Bilder, Alltagsgegenstände, Arbeitsgeräte, die emotional tiefer wirkten, und die jetzt beim Betrachten stärkere Assoziationen und Gefühle hervorrufen.

Das Kraftwerk

Neben den Unglücksreaktoren hat Georg Schuh am meisten der noch nicht fertig gestellte Kühlturm auf dem Kraftwerksgelände beeindruckt. Um die Größe des Bauwerkes auch nur annähernd zu erfassen, empfiehlt sich ein starkes Weitwinkel und sogar ein Fischauge. Generell empfehlenswert sind staubdichte Gehäuse und Objektive. Und vor allem ein Rucksack mit staubdichten Reisverschlüssen und einer glatten schmutzabweisenden Oberfläche. Denn das Problem ist nicht die radioaktive Strahlung von außen, die gefährliche alpha-Strahlung geht nicht einmal durch die Kleidung oder die Haut. Gefährlich ist die Aufnahme von radioaktiven Partikeln in den Körper. Deshalb immer wieder das Aufnahmeequipment reinigen, am besten verwendet man Linsenpapier, das man vor Ort entsorgen kann.

Die Schulen und Kindergärten von Prypjat

Die Stadt Prypjat, erst 1970 gebaut, war hauptsächlich der Wohnort für die Angestellten in den Kraftwerken und wurde komplett evakuiert. In den letzten dreißig Jahren ist der Wald bis an die Häuser herangerückt und nur noch die Hochhäuser überragen die Wipfel. Deswegen ist ein Stativ sehr sinnvoll, um in den relativ dunklen Räumen nicht die ISOS hochdrehen zu müssen. Allerdings ist dabei zu beachten, dass eigentlich nichts auf den Boden abgestellt werden darf. Georg Schuh behalf wieder mit Linsenpapier, das er unter den Stativfüßen platzierte. Ebenso ist eine Stirnlampe empfehlenswert. Einmal kann man damit Lichtspots setzten, zum anderen ist es in manchen Fluren und Gängen schon sehr dunkel, so dass man ohne Licht durchgebrochene Decken oder herabhängende Deckenteile nicht gleich erkennt.

Will man Stativ und Blitz vermeiden ist ein sehr lichtstarkes Objektiv ein absolutes Muss. Für die spannenden Details bevorzugte Georg Schuh das Normalobjektiv mit Lichtstärke 1,4. Um die Innenräume in der Gesamtheit zu erfassen ist ein Weitwinkelzoom die ideale Ergänzung dazu.

Die Schulen und Kindergärten sind hastig evakuiert worden und vieles musste zurückgelassen werden. Spielgeräte, Hefte, Bücher und andere Unterrichtsmaterialien sind noch in den Räumen verteilt, regen die Phantasie der Betrachter, sind wichtige Zeitzeugnisse und erzählen in Bildern festgehalten Geschichten, die unter die Haut gehen.

Neben den Schlafräumen mit den Metallskeletten der Gitterbetten, auf denen neben den fast schon vollständig vermoderten Bezügen die Plastikpuppen dem Zerfall sich widersetzen, bieten vor allem die Fachräume eine Vielzahl von Motiven und einen Einblick, mit welcher Intensität in der UdSSR damals naturwissenschaftlicher, aber auch musischer Unterricht stattfand.

Das Krankenhaus von Prypjat

Nach der Katastrophe war das Krankenhaus notgedrungen noch einige Zeit in Betrieb – es wirkt aufgeräumter, da ein geordneter Auszug stattfand. Interessante Motive finden sich vor allem in den Behandlungsräumen. Es lohnt sich durch den engen Ausstieg bis auf das Dach zu steigen. Der Blick über die Dächer der verlassenen Stadt bis zum Reaktor ist beeindruckend. Da könnte Endzeitstimmung aufkommen, wenn nicht über dem frischen Grün und unter dem blauen Himmel die Vögel vorbeizögen.

Das Zentrum von Prypjat

Wenn man auf dem zentralen Platz steht kann man seine Größe und die Breite der auf ihn zuführenden Lenin-Allee nur noch erahnen. Fast überall versperren Bäume die Sicht, die zwischen den geborstenen Betonplatten hervordrängen. Und der Asphalt ist längst mit einer Humusdecke bedeckt aus der die Blumen allerorts sprießen. Es lohnt sich in dem Hotel am Platz bis ins oberste Stockwerk hinaufzusteigen. Durch die leeren Fensterhöhlen bietet sich ein Ausblick wie in einem Science-Fiktion Film nach dem Ende der Menschheit. Menschenleer ist der Platz, überall brechen Pflanzen durch den Beton, umschlingt Efeu Säulen sowie Masten und in fast surrendem Gelb leuchten die Gondeln eines Riesenrads, über dem alles überwucherndem Grün.

An Objektiven ist hier alles zu gebrauchen, vom Fischauge für das Riesenrad bis hin zum starken Tele, um die kreisenden Seeadler über den Dächern auf den Sensor zu bannen. Selbst das Makro lohnt sich mitzunehmen. Überall blüht es und unzählige Schmetterlinge, Bienen und Hummeln laben sich an dem Nektar der Blüten und warten nur auf den Fotografen. Am liebsten würde man sich ins Gras legen, würden da nicht die bröckelnden Häuserfassaden einen daran erinnern, welche Gefahren sich im Boden noch befinden könnten.

Die Duga Radarstation – ein Relikt des kalten Krieges

Dieses monströse Bauwerk, ein 1.000 m langes und 150 m hohes Stahlgerippe, diente dazu amerikanische Atomraketen bereits beim Start in Nordamerika zu erfassen und so auf einen von den Sowjets befürchteten Erstschlag der USA noch rechtzeitig antworten zu können. Zu dem Komplex gehört noch eine ehemals geheime Stadt für das Bedienpersonal mit Schulen, Kino und Sportanlagen. Beim Reaktorunglück wurde auch sie stark kontaminiert und musste vollständig evakuiert werden.

Diese gigantische Antennenanlage kann über senkrecht verlaufende Stahlleitern, ähnlich den alten Feuerleitern, erklommen werden. Allerdings mit einem Rucksack auf dem Rücken wird es da zu eng. Von Vorteil ist eine Systemkamera mit kleinem Sensor und entsprechend kompakten Objektiven. Mit einem Ultraweitwinkel in der Hosentasche und dem Standardzoom kletterte Georg Schuh die angerosteten Sprossen im festen Griff über die leicht schwankenden Leitern nach oben. Ein unvergessliches Erlebnis. Er kam sich vor wie ein Protagonist in einem James Bond Film. Außer einer Kamera ist eine gewisse Kondition nötig und auf eines sollte man verzichten: Höhenangst!

Kurz bevor Georg Schuh mit seiner Gruppe die Sperrzone nach drei Tagen verließ, hatten sie noch ein Erlebnis der besonderen Art, das auch für ihren Führer das erste Mal war. Eine ganze Herde von den schon einmal fast ausgestorbenen Przewalski Wildpferden erschien mit etlichen Fohlen in der Nähe der Straße. Glücklich wer ein starkes Tele dabei hatte. Georg Schuh: „Mir schien fast als wollten sie uns sagen, kommt hier nur als Gäste. Geht wieder, für die Natur und diesen Planeten ist der Mensch die größte Gefahr, an Radioaktivität können wir uns anpassen, an den Menschen nicht!“

Fototour 08 / 2016

2 Kommentare

Ja, in der Tat sehr eindringlich!

Möbi

von Möbi
21. Oktober 2016, 21:21:16 Uhr

Sehr eindringlicher und anschaulicher Bericht. Tröstlich zu erfahren, dass die Natur sich nicht so einfach unterkriegen lässt. Dazu die Motiv und Fototechnik Tips - danke.

Jutta Punken

von Jutta Punken
01. September 2016, 13:42:57 Uhr

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