175 Jahre Fotografie: Bilder veränderten unsere Sehgewohnheiten

© Fotograf: Paula Rink, 1912, Photoglobus Bildgalerie betrachten © Fotograf: Paula Rink, 1912, Photoglobus

Millionen Menschen lächeln täglich in die Kamera oder das Smartphone. Bilderflut statt Bildermangel! Doch so inflationär wie Bilder auf Social-Media-Portalen gepostet werden, so rar und damit wiederum wertvoll sind heute Bilder, die man auch ohne Display vorzeigen und noch anfassen kann. Dass das Display unseren Alltag erobert hat, ist noch keine 15 Jahre her. Eines ist bereits schon jetzt erkennbar: Die digitale Fotografie hat unsere Sehgewohnheiten verändert.

Adelige, Kaufleute oder Kirchenmann, wer im 17. Jahrhundert etwas galt, ließ sich malen. Das Porträt war auch ein Beweis für die Macht. Bilder von Bürgern oder gar Bauern gab es kaum. Als vor 175 Jahren Louis Daguerre das fotografische Verfahren vorstellte, fürchteten die Maler, ihre Aufträge an die Fotografen zu verlieren. In der Tat lebte das sich wenige Jahre später ausbreitende Handwerk des fotografischen Künstlers auch von Porträts. Einer, der das 1839 vorgestellte fotografische Verfahren für sich zur Einnahmequelle nutzte, war Nadar. Der umtriebige Pariser Künstler, machte auch die ersten Luftbildaufnahmen. 1863 fuhr er mit einem riesigen Luftschiff von Paris bis Hannover, in dessen Nähe das ungewöhnliche Gefährt abstürzte und Nadar und seine Frau schwerletzt in Hannover ins Krankhaus eingeliefert werden mussten. Nadars Bildschätze werden heute in der französischen Nationalbibliothek aufbewahrt.

Was haben diese Ereignisse mit unseren Sehgewohnheiten zu tun? Vor allem ermöglicht es das Medium Fotografie bis heute, – wesentlich preiswerter als die Malerei – naturgetreue Bilder herzustellen. Dass auch Amateure fotografieren können, erkannte bereits 1888 George Eastman. Der Firmengründer von Kodak erfand den Spruch „You press the button – we do the Rest“ und stellte mit seiner Serviceleistung die Weichen für das Entstehen der Amateurfotografie und dem Wachsen eines Weltkonzerns. Dazu konstruierte er eine Kamera, die man samt Film kaufte, den Film belichtete und komplett wieder an die Firma zurück sandte. Dort wurde der Film entwickelt, Prints hergestellt und ausgestattet mit einem neuen Film samt Prints und Negativen wieder an Käufer zurückgesandt. Eastmans Strategie war es, dem Amateur die Fotografie nahe zu bringen. Umfangreiche Anzeigenkampagnen machen sein Konzept mit dem Slogan „… we do the Rest“ weltbekannt. Die Bilder allerdings waren damals noch immer ausschließlich schwarzweiß. Erst in den 1930-er Jahren gab es vereinzelt erste Farbfotos. Zigtausend Menschen erlernten den Handwerksberuf des Fotografen, Millionen von Amateuren allerdings begeisterten sich für den Umgang mit der Kamera. Von der Wiege bis zur Bahre wurde des Menschen Leben mit Bildern von Einschulung, kirchlichen Festen, Militärzeit, Hochzeiten und Jubiläen von professionellen Fotografen dokumentiert. Dass sich heute noch immer Menschen beim Anblick einer auf sie gerichteten Kamera in Position bringen, ist eine Prägung dieser Zeit der offiziellen Fotografie.

Wenn wir heute Fotos von der Speicherkarte auf den Computer laden, genießen wir eine Bildqualität, die noch vor 25 Jahren für den Laien unvorstellbar war. Die kamerainterne Bildverarbeitung führt dazu, dass wir in der Farbwiedergabe, der Sättigung und in der Scharfzeichnung optimierte Bilder erhalten. Verglichen mit analog entstandenen Aufnahmen der 1980-er Jahre sind unsere Bilder heute von geradezu beängstigender Perfektion. Das sieht man auch den Bildern in den Wohnungen an: Verschwunden sind die meist schon verblichenen 9×13 Bildchen, die an der Pinnwand oder am Kühlschrank von sonnigen Tagen künden. Stattdessen haben Bilder hinter Acrylglas oder auf Leinwand und hochwertig gerahmte Fine-Art-Prints die Dielen und Wohnräume erobert. Wer etwas auf sich hält, druckt selbst oder lässt drucken, um mit den Bildern an der Wand seine wunderbaren Urlaube, seine Familie und auch sein fotografisches Können zu dokumentieren.

Geschichte der Fotografie 03 / 2014

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