175 Jahre Fotografie - Der Film lebt weiter

Georg Eastmann und Kodak Kamera Bildgalerie betrachten

Georg Eastmann und Kodak Kamera

Wer kennt ihn nicht, den Film, den es seit über 130 Jahren gibt und der, trotz der Digitalisierung der Fotografie, nach wie vor eine Rolle spielt. Der Film erlebt aktuell sogar eine Renaissance, denn die Schwarzweißfotografie und auch das Heimlabor stoßen, besonders bei jungen Fotografen, wieder auf Interesse. Vertriebsunternehmen bieten vor allem, neben Farbfilmen für die kreative Bildgestaltung, viele Schwarzweißfilmtypen an. Dazu gehören auch Filme für wissenschaftliche und technische Zwecke. Farbfilme werden noch von Fujifilm und Kodak hergestellt; ein weiterer Hersteller plant, die Produktion wieder aufzunehmen.

So fing es an

Vor den Filmen waren die Anfang der 1880-er Jahre eingeführten Trockenplatten beliebt. Um 1890 gab es schon ein gutes Dutzend Hersteller in Deutschland. Es störte aber, dass ihre Träger aus zerbrechlichem Glas bestanden. Viele Fotografen und Hersteller suchten nach Ersatz für die Glasplatte. Voraussetzung war die Erfindung des Celluloid als biegsame und unzerbrechliche Unterlage um 1870. Der erste brauchbare Rollfilm war 1884 der „Stripping“-Film des Amerikaners George Eastman. Er erzeugte allerdings ein Papiernegativ, das noch mit Wachs transparent gemacht wurde und auf Glasplatte übertragen wurde. Für diesen Film brachte Eastman 1888 die „Kodak“-Box heraus. Der Film für 100 kreisrunde Aufnahmen musste in der Kamera an Kodak eingesandt werden, wo wieder ein neuer Film eingelegt wurde – getreu Eastmans Spruch „You press the button, we do the rest“. Das war der Beginn der Amateurfotografie.

1889 folgte von Kodak aus Rochester, N.Y., der erfolgreiche „American Film“, nun ein transparenter Film auf Celluloidbasis. Schon zwei Jahre vorher hatte der amerikanische Pfarrer Hannibal Goodwin einen solchen Film herausgebracht und zum zunächst unbeachteten Patent angemeldet. Das wusste Eastman nicht, was zu einem langen Rechtsstreit zwischen beiden führte. Goodwin erhielt erst 1898 sein Patent, zwei Jahre später fiel er aber einem Unfall zum Opfer. 1913 wurde gerichtlich festgestellt, dass das Goodwin-Patent durch Eastman verletzt worden sei und 1930 zahlte Eastman schließlich eine Entschädigung an die Nachfolger.

Samuel N. Turner, Boston, erfand 1895 den Rollfilm mit – wie heute noch – rückseitig angehängtem lichtdichten Papier, so dass er als „Tageslicht-Rollfilm“ nicht mehr unbedingt im Dunklen in die Kamera eingelegt werden musste. Eastman erwarb eine Lizenz zur Herstellung dieses Films, der am Ende des 20. Jahrhunderts sehr populär wurde. Dazu trug 1900 die von Kodak herausgebrachte, simple „Brownie“-Kamera bei. In Deutschland begann Agfa 1896 in Berlin mit der Fabrikation von Planfilmen, 1900 folgten Rollfilme in verschiedenen größeren Aufnahmeformaten. Die Filme mussten sich erst einmal gegen die großformatigen Plattenkameras mit ihren fotografisch besseren Bildern durchsetzen.

Hauptaufgabe für die fotochemische Forschung war es, die Rotblindheit und die leichte Entflammbarkeit der Filme zu beseitigen. Nachdem Hermann Wilhelm Vogel 1873 die Farbempfindlichkeit fotografischer Schichten von ursprünglich nur Blau auf Grün und Gelb erweitert hatte, gelang 1903 den Deutschen Adolf Miethe und Arthur Traube die Sensibilisierung für Orange. Die unterschiedliche Farbenempfindlichkeit von Filmen war eine wichtige Voraussetzung für die Farbfotografie. 1940 war der schwer brennbare „Sicherheitsfilm“ auf Triacetatunterlage in Deutschland produktionsreif, seine Einführung musste aber wegen des Krieges zurückgestellt werden. 1948 brachte Kodak als erster Hersteller Kinofilme heraus, in den 1950-er Jahren wurden allgemein auch fotografische Sicherheitsfilme eingeführt.

Immer wieder waren neue Kamerakonstruktionen verbunden mit dazu passenden Filmfabrikaten und auch umgekehrt: Der Kleinbildfilm, heute noch Weltstandard, war der Konstruktion der Leica-Kamera durch Oskar Barnack zu verdanken, die auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1925 vorgestellt wurde. Barnack benutzte den 35 mm breiten Kinofilm, wobei er das Aufnahmeformat auf 24 × 36 mm vergrößerte. Der erste Kleinbildfilm war ein von Perutz in München fabrizierter feinkörniger Film für Luftaufnahmen.

Die Voraussetzung für Schnappschüsse auch bei schlechten Lichtverhältnissen war eine hohe Filmempfindlichkeit. Dr. Robert Koslowsky gelang 1936 bei der Agfa der bis 1945 geheim gehaltene Goldeffekt. Er ermöglichte höhere Empfindlichkeiten mit feinerem Korn. Bis dahin galt: „Steigerung der Empfindlichkeit ist stets mit gröberer Körnigkeit verbunden.“ Weitere Fortschritte in der Feinkörnigkeit brachten flache, lichtempfindliche Silberkristalle, wie die 1982 von Kodak eingeführten tafelförmigen „T-Grains“ für eine effektivere Lichtausbeute. Sie kamen zuerst Farbfilmen zugute.

Siegeszug der Farbfilme

Farbfilme setzten sich ab 1979 endgültig durch, als der Anteil von Farbfotos sich weltweit auf mehr als 90 Prozent erhöhte. Der Fotobranche gelang es, die Fotoamateure zum Umstieg von Schwarzweiß auf Farbe zu bewegen, wozu auch Preissenkungen beitrugen. Bis dahin war es aber ein weiter Weg gewesen: Für farbige Diapositive auf Filmunterlage musste man um 1930 zunächst noch auf die alten Verfahren zurückgreifen, wie sie von der legendären Autochrome-Platte mit ihrem Farbraster stammten. Der erste Kleinbildfilm für Farbaufnahmen war Agfacolor von 1932, der aber noch nach dem komplizierten, nur für wenige Kameras, darunter Leica und Contax, geeigneten Linsenraster-Verfahren mit speziellen Farbstreifen-Filtern bei Aufnahme und Projektion arbeitete.

Die Erfindung des schließlich erfolgreichen Mehrschichtenfilms mit farbiger Entwicklung war deutschen und amerikanischen Erfindern zu verdanken: dem Chemiker Dr. Rudolf Fischer um 1912 für das zu seiner Zeit noch nicht realisierbare Grundprinzip, den Musikern und Fotoamateuren Leo Godowsky jr. und Leopold Mannes 1935 für den, wegen seiner hohen Schärfeleistung, legendären Kodachrome-Film als ersten seiner Art. Die Chemiker Dr. Gustav Wilmanns und Dr. Wilhelm Schneider von Agfa schufen um 1936 das universelle Agfacolor-Verfahren für Dias, Negative, Papierbilder und Kinofilme. Die auf diese ersten Filme für die beliebten Diaabende folgenden Negativfilme für farbige Papierbilder (1942 von Kodak, 1949 von Agfa) verhalfen der Farbfotografie für jedermann bald zum Durchbruch. Natürlich ist der Film nur ein Mittel für schöne Bilder, das Fotopapier spielt auch eine wichtige Rolle. Es wurde ebenfalls ständig weiterentwickelt.

Nach dem Krieg griffen weitere Hersteller in Europa, Japan und den USA nach vorangegangenen Versuchen erfolgreich die Rezepte von Agfa und Kodak für Farbfilme auf und brachten eigene Filme heraus. Es begann der Wettlauf der Filmhersteller durch Übernahme der Optimierungen und Innovationen der Konkurrenz. Auch, wenn einige Filme schon früher zur Entwicklung im Heimlabor geeignet waren, zogen die Amateure die Abgabe beim Fotohändler oder Einsendung zur Entwicklung vor. Dafür entstanden Großlabors, die so genannten Fotofinishing-Betriebe, die sich heute auf die Herstellung von Papierbildern, Fotobüchern und sogenannten Fotomehrwertprodukten spezialisiert haben.

Das Filmmaterial wurde immer professioneller – mit sehr hoher Farbbrillanz, für Porträts, Aufnahmen bei verschiedenen Lichtarten, mit wärmeren und kühleren Farben und für die höhere Empfindlichkeitsausnutzung durch die so genannte Push-Entwicklung – Filme für jeden Bedarf und jeden Geschmack! Sie wurden auch erheblich in ihrer Schärfe und Feinkörnigkeit verbessert. Farbfilme erreichten im Lauf der Zeit die angestrebte hohe Empfindlichkeit von Schwarzweißfilmen. Schließlich konnte auch die Bild- und Farbstabilität erhöht werden und die Scanbarkeit – als wichtiger Schritt hin zur Digitaltechnik – optimiert werden.

Fotografieren erleichtert

Ein weiterer Belichtungsspielraum, vor allem wichtig bei Negativfilmen, und die hohe Feinkörnigkeit sind dem 1963 begonnenen mehrschichtigen Aufbau der Filme zu verdanken. Niedriger empfindliche Schichten sind dabei mit höher empfindlichen verbunden. Solche komplizierten Filmstrukturen, zu denen noch Filter-, Kontroll-, Schutz- und Trennschichten hinzukamen, erfordern äußerst präzise Begusstechnologien für die Filme. Zusätze, wie die von Kodak 1972 eingeführten so genannten DIR-Kuppler, erzeugen besondere Effekte zugunsten von Schärfe und Feinkörnigkeit. Die durch den Belichtungsspielraum erreichte Verhinderung fehlerhafter Belichtung, früher ein echtes Problem für die Farbfotografie, war auch die Voraussetzung für die simplen Einwegkameras (Single Use) mit bereits eingelegtem Film. Belichtungsmesser wurden überflüssig, zumal die Belichtung bei modernen Kameras automatisch gesteuert wird.

Systeme für ein vereinfachtes Filmeinlegen, wie die Agfa Karat-Patrone (1937), das Kodak Instamatic-System (1963) und den Kodak Pocket Film (1972), verhalfen der Fotografie zum weiteren Durchbruch. Ihre kleineren Bildformate erforderten neue, feinkörnigere Filme, deren Verbesserungen dann auch durch ihre Übernahme die herkömmlichen Filme optimierten. Den Entwicklungsanstalten und auch den Heimlaboren kam die sich ab den frühen 1970-er Jahren durchsetzende kompatible Verarbeitung mit den international vorherrschenden Kodak-Prozessen zugute. Auch weitere Hersteller neben Kodak konnten nun ihre Filme weltweit leichter verkaufen.

Aber es gab auch Irrwege, wie das Disc-System mit runden Filmscheiben (1982) und das, 1996 in Anbetracht der populär werdenden Digitalfotografie zu spät eingeführte Advanced Photo System (APS) mit magnetischer Datenaufzeichnung. Die nur 10 × 8 mm messenden Disc-Negative waren grobkörnig, bescherten aber der Kleinbild- und Rollfilm-Fotografie die neue Standardempfindlichkeitsklasse ISO 200/24°. Sie reihte sich in das seit 1976 bestehende Sortiment von Filmen mit ISO 100/21° und hochempfindlichen mit ISO 400/27° ein, die jeder Farbfilmhersteller anbot.

Eine besondere Rolle spielen noch immer die Sofortbildfilme. Ihr Pionier war der Amerikaner Dr. Edwin Land gewesen. 1948 kamen sie von Lands Firma Polaroid für schwarzweiße Aufnahmen und 1963 für Farbbilder heraus, zunächst hergestellt von Kodak. Kodak stellte vorübergehend auch eigene Sofortbildfilme her, unterlag aber einer Patentklage von Polaroid. Von Fuji werden sie weitergeführt und von der neuen Firma Impossible Project mutig für Polaroid-Kameras neu herausgebracht.

Es lebe der Film

Auch, wenn mit dem Aufkommen der digitalen Fotografie vielfach die Ansicht herrschte, dass dies der Untergang des Films sei, so hat sich dieses Szenario nicht eingestellt. Der Filmabsatz ist zwar mit der Digitalisierung stark zurückgegangen – dies lässt jedoch nicht den Schluss zu, dass es Filme irgendwann nicht mehr geben wird. Aktuell erlebt der Film, wie eingangs schon erwähnt, eine Renaissance. Der weiterlebende Film erfreut Fotografen, die es lieben, Negative und Dias in den Händen zu halten, auf dem Leuchttisch zu betrachten oder zu projizieren. Trotz der inzwischen erreichten hohen Auflösung der Digitalfotos sind Mittel- und Großformate der Filme weiterhin erwünscht. Sie haben als bewährtes Medium weiterhin eine Zukunft und unterliegen nicht technologischen Wandlungen in ihrer visuellen Aufrufbarkeit.

Geschichte der Fotografie 04 / 2014

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3 Kommentare

... schön dieser informative Abreiss über die Weiterentwicklung des Films, denn ein heut 20 Jähriger hatte wahrscheinlich noch nie mit diesem Medium zu tun.

von Rainer Wunderlich
28. Oktober 2015, 16:36:46 Uhr

Ein sehr schöner Abriß der Geschichte der Filmbasierten Fotografie und ein umfassender Überblick. Klasse!

von Tebartz van Ariel
20. April 2014, 07:27:42 Uhr

Ein wirklich interessanter kurzer Streifzug durch die Geschichte des fotografischen Aufnahmematerials - vor allem die beigefügten Fotos sind sehr informativ. Vielen Dank dafür.

von Georg Bast
16. April 2014, 12:54:12 Uhr

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