175 Jahre Fotografie - Der weltweite Siegeszug eines Aufnahmeformats: Von der Ur-Leica zum digitalen Vollformat

Digitale Spiegelreflex- und kompakte Systemkameras verwenden heute zunehmend Sensoren im Kleinbildformat, das einst bei seiner Einführung von den meisten Fotografen als zu klein für Abzüge in ausreichender Qualität gehalten wurde. Inzwischen gilt es als Garant für Fotos in höchster Qualität mit hoher Auflösung, exzellenten Farben und hervorragendem Signal-Rauschverhalten. Was damals von Skeptikern als zu klein angesehen wurde, empfinden immer mehr Fotografen heute für sich als zukunftsweisend.

Als Ernst Leitz II vor 90 Jahren seinem Management nach stundenlanger Diskussion um die Mittagszeit verkündigte „Hiermit entscheide ich, es wird riskiert“, konnten weder er noch einer der Gesprächsteilnehmer ahnen, dass seine Entscheidung, eine besonders kompakte Fotokamera für den 35 mm breiten, doppelseitig perforierten Kinofilm zu bauen, einmal als die Geburtsstunde des weltweit erfolgreichsten Aufnahmeformates in die Geschichte der Fotografie eingehen würde.

Oskar Barnack, Leica
Oskar Barnack, Leica
Die finanziellen Risiken, die der Unternehmer Ernst Leitz II in der Zeit kurz nach der Währungsreform einging, um die von seinen beiden Mitarbeiter Oskar Barnack (Kamera) und Max Berek (Objektiv) entwickelte Leitz Camera (Leica) zu fertigen, waren enorm hoch. Jedem in der Diskussionsrunde war klar, dass es mit dem Bau der Kamera nicht getan war. Voraussetzung für die Durchsetzung des neuen Kleinfilmformats war die Entwicklung eines ganzen Systems, das, neben Kamera und Objektiv, auch neue Projektoren und Vergrößerungsgeräte erforderte. Als Abmessungen für das Bildfeld der neuen Kamera hatte man das doppelte Kinobild, also 24 × 36 mm, gewählt, das durch die horizontale Ausrichtung der Filmführung möglich wurde. Das Kinobild, das mit vertikal ablaufendem Film erzeugt wurde, hatte das Format 18 × 24 cm. Bereits Ende der 1880-er Jahre gab es den flexiblen Rollfilm, der nach und nach die fotografischen Glasplatten ersetzte.

Steve Sasson
Steve Sasson
Im Labor des amerikanischen Erfinders Thomas Alva Edison in Menlo Park, New Jersey, experimentierte William L. Dickson, Sohn schottischer Eltern, bei der Entwicklung eines Kinematographen für die Aufnahme und Wiedergabe bewegter Bilder, mit den neuen, flexiblen Rollfilmmaterialien auf Zelluloidträgern, die er halbierte und für einen besseren Transport mit einer Perforation versah. Leitz baute schon damals Projektoren für den 35 mm breiten, beidseitig perforierten Kinofilm und Oskar Barnack experimentierte dort bereits 1913 mit einer von ihm entwickelten Kamera, der Ur-Leica, für 35 mm breite Filmstreifen – also vor über 100 Jahren. Als nach umfangreichen Tests mit einer Anzahl von Vorserienmodellen auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1925 die Leica als erste in Serie gefertigte Kamera, die den perforierten Kinofilm als Aufnahmematerial verwendete, gezeigt wurde, hielten sich Skepsis hinsichtlich der möglichen Bildqualität und Bewunderung über die mechanische Meisterleistung bei der Miniaturisierung die Waage.

Das grobe Korn des Kinofilms ließ als maximale Größe für Abzüge das Postkartenformat als möglich erscheinen. Auch die Befüllung der Kamera mit dem damals nur als Meterware erhältlichen Kinofilm wurde als höchst kompliziert betrachtet. Allerdings war dennoch einigen Berufs- und Amateurfotografen sofort klar, welche Vorzüge eine solche Kamera und das 24 × 36 mm große Aufnahmeformat für das Fotografieren mit sich brachte. Damalige Rollfilmkameras konnten mit einem Film 6, 9 oder 12 Aufnahmen ohne Wechsel machen. Mit der Leica waren es nun bis zu 36 Bilder zum deutlich geringeren Preis. Das Zählwerk ging sogar bis zu 40 Aufnahmen. Bei geschicktem Einlegen des 1,65 m langen Filmstreifens beziehungsweise später auch der mit 36 Aufnahmen konfektionierten Tageslichtpatrone, war diese Anzahl auch in der Praxis erreichbar.

Sony Mavica 1981 mvc
Sony Mavica 1981 mvc
Durch das Metallgehäuse bestand bei der Leica im Vergleich zu den meisten mit Balgen ausgestatteten Rollfilmkameras auch keine Gefahr, dass Lichteinfall durch Löcher im Balgen, wie ihn damals die meisten Rollfilmkameras verwendeten, den Film verdarb. Vor allem aber war es die unauffällige, dynamische Fotografie, wie sie mit einer so kompakten Kamera erst möglich wurde, die dem Format zunächst vor allem im Amateurfotomarkt trotz des relativ hohen Preises für die Kameras so viele Anhänger brachte.

Hürden, die das zunächst als Kleinfilmformat bezeichnete 35 mm Kleinbild zu nehmen hatte, waren ein für großformatige Vergrößerungen zu grobes Korn, die für Aufnahmen aus der Hand zu geringe Lichtempfindlichkeit und das Fehlen einfacher Systeme für die Entwicklung der Filme, zur Herstellung der Abzüge und für die Projektion der Bilder.

Kodak CCD Sensoren mit 1.4.4 MCCD Sensoren PIX Preis 7000 USD 1991
Kodak CCD Sensoren mit 1.4.4 MCCD Sensoren PIX Preis 7000 USD 1991
Die Film- und Kameraindustrie sah in der schnellen Akzeptanz des Kleinbildformats bei den Amateuren eine willkommene Erweiterung ihrer Märkte und brachte in den 1930-er Jahren ständig neue Aufnahme- und Verarbeitungsgeräte sowie Filmmaterialien auf den Markt. Der neue Stil der Fotografie mit der Kamera vor dem Auge statt vor dem Bauch, die Flexibilität und Dynamik der Aufnahmetechnik sprach trotz der nur mäßigen Qualität von großformatigen Abzügen dennoch auch immer mehr Berufsfotografen an. Vor allem der Bildjournalismus begeisterte sich für die unauffällige Dokumentation des „entscheidenden Augenblicks“. Einmal ganz davon abgesehen, welchen Mehraufwand das Mitschleppen professioneller Rollfilmkameras bedeutete.

Ende der 1920-er bis zur Mitte 1930-er Jahre boten immer mehr Kamerahersteller auch Kleinbildmodelle an. Die Filme wurden feinkörniger und die Empfindlichkeiten stiegen sukzessive auf etwa 17 DIN, das entspricht einer ISO-Empfindlichkeit von ISO 40. Den entscheidenden Durchbruch schaffte das Kleinbildformat 1936 durch die Einführung der ersten Farbdiafilme für den 35-mm-Film. Fast gleichzeitig brachten Eastman Kodak den erfolgreichsten Film seiner Geschichte, den Kodachrome, und Agfa den Agfacolor für Farbdiapositve auf den Markt. Die neue Konfektionierung in den bis heute üblichen, einfach zu handhabenden Kleinbildpatronen und die Möglichkeit farbiger Bilder gaben der gesamten Amateurfotografie einen gewaltigen Schub. Das Farbdia mit seiner hohen Leuchtkraft und Schärfe eröffnete nicht nur völlig neue Bilderwelten, sondern eroberte als Präsentationsform für das Teilen von Bildern mit der Familie Freunden und Bekannten die Vortragssäle der Kulturinstitutionen ebenso wie die privaten Wohnzimmer. Der Diavortrag wurde zur Attraktion professioneller Bildpräsentationen und zum Schreckgespenst mancher privaten Vorstellungen in gähnender Langeweile. Multivisionsshows mit Ton und der Diaprojektion auf mehrere Bildfelder kombiniert mit Überblendtechnik wurden zu Publikumsmagneten, die ihre Zuschauer mit atemberaubenden Bildern auf der Großleinwand in ihren Bann zogen. In den Frühzeiten des Kleinbilds waren es vor allem die eindrucksvollen Reportagen von Fotografen wie Erich Salomon, Henri Cartier-Bresson, Alfred Eisenstaedt, Andreas Feininger oder auch Robert Capa in den großen illustrierten Magazinen, wie Life aber auch die Berliner Illustrierte, die den neuen Stil der Kleinbildfotografie eindrucksvoll für sich nutzten und Millionen Leser damit fesselten. Unsterblich wurde der Kodachrome Kleinbildfilm schließlich durch den gleichnamigen Song, den Paul Simon 1973 herausbrachte: Im Text heißt es „They give us those nice bright colours. They give us the greens of summers. Makes you think all the world’s a sunny day.”

Kodak DCS 100 1991
Kodak DCS 100 1991
Seine Blütezeit erlebt der Kleinbildfilm sowohl in privaten als auch in beruflichen Anwendungen ab Mitte bis gegen Ende der 20. Jahrhunderts. Die in den 1960-er Jahren immer beliebter werdenden Spiegelreflexkameras, die hinzukommenden Kompaktkameras sowie der Reiseboom, der seit den späten Nachkriegsjahren einsetzte und bis heute eine wesentliche Basis und ein wichtiger Motor für die private und professionelle Fotografie ist, verhalfen dem Kleinbildfilm und dem damit verbundenen Dienstleistungsmarkt zu immer neuen Umsatzrekorden.

Besaßen die ersten Kleibildnegativfilme von Agfa und Kodak Empfindlichkeiten von ISO 2,5 beziehungsweise ISO 10, stieg die Standardempfindlichkeit für Kleinbilddiafilme in den 1950-er Jahren auf ISO 25 bis ISO 50. Die Standardempfindlichkeit für Schwarzweißfilme lag im Bereich von ISO 40. Sie stieg in den 1960-er Jahren auf ISO 400. Erst Ende der 1970-er Jahre wurden Farbnegativ- und Farbdiafilme mit ISO 400 populär. ISO 200 Farbnegativfilme wurden zum Standard. Ende der 1980-er Jahre brachte Fujifilm den Velvia 50 Diafilm heraus, der wegen seiner hohen Schärfe und den brillanten Farben schnell zum Lieblingsfilm der Naturfotografen wurde. Bald gab es auch eine höher empfindliche Emulsion mit ISO 100. 1982 führte Kodak die T-Grain Emulsionstechnologie ein, die durch die Verwendung spezieller, tafelförmiger Silberhalogenidkristalle die Empfindlichkeit auf ISO 1.000 steigerte. Wegen des großen Belichtungsspielraums der T-Kristall Emulsionen, offerierte Kodak 1988 den T-MAX SW-Film P3200, der sich wie ISO 3.200 belichten ließ. Gegen Ende der 1980-er Jahre brachte auch Agfa Diafilme mit der hohen Empfindlichkeit von ISO 1.000 auf den Markt, und 1993 stellte Fujifilm den Fujicolor Farbnegativfilm mit ISO 800 vor. Neben der ständig verbesserten Auflösung und dem zunehmend feineren Korn, wurde auch das Handling der Kleinbildfilme immer komfortabler. Seit 1983 tragen 35mm-Filmpatronen den DX-Code, der es Kameras ermöglicht, automatisch die Empfindlichkeit des eingelegten Films zu lesen und in das System zur Belichtungsteuerung zu übernehmen. Auch das Angebot an Spezialfilmen für besondere Aufgaben – wie beispielsweise Luftbildfilme, Infrarot-Filme, Sofortbilddiafilmen, Kunstlicht-, Dokumenten- und Halbtonfilmen für Kleinbildkameras – trug dazu bei, dieses Aufnahmeformat bis zum beginnenden Siegeszug der digitalen Aufnahmetechnik zum beliebtesten aller Zeiten zu machen.

Casio QV 10 1995
Casio QV 10 1995
Die ständige Optimierung der Filmmaterialien, aber auch die gestalterischen Möglichkeiten mit Schärfe und Unschärfe beim Einsatz hochlichtstarker Objektive, die Möglichkeiten einer dynamischen Fotografie haben das Kleinbildformat in der Fotografie mit Film zum weltweit beliebtesten Aufnahmeformat werden lassen. In den Anfängen der digitalen Fotografie wurde es zunehmend durch die ständig steigende Qualität kleinerer, preiswerter Sensoren in seiner Markbedeutung zurückgedrängt. Aktuell scheint es jedoch auch in diesem Bereich erneut an Beliebtheit aufzuholen. Unter der Bezeichnung Vollformat sehen viele anspruchsvolle Digitalfotografen Kleinbildsensoren als ein optimales Aufnahmeformat. Dafür sprechen die Möglichkeit bei gleicher Auflösung größere Pixel zu verwenden, die höhere Lichtempfindlichkeiten bei einem besseren Rauschverhalten versprechen. Auch die kreativen Möglichkeiten bei der Bildgestaltung mit selektiver Schärfe beim Einsatz hochlichtstarker Objektive sind deutlich höher als bei kleineren Sensorgrößen. Der einzige Wermutstropfen, der einem erneuten Durchbruch des Kleinbildformats in der digitalen Wiedergeburt entgegensteht, ist seine Größe. Im Gegensatz zu den Zeiten seiner Einführung in den Markt mit der Vorstellung der Leica 1925, wird das damals als zu klein für eine hohe Bildqualität empfundene Filmformat heute als zu groß empfunden, um kompakte Kameras, die den Fotografen nicht „über Gebühr“ belasten, zu bauen. Vielleicht erlangt es ja über die kompakten Systemkameras erneut einen Platz an der Spitze.

Quelle: Photoindustrie-Verband

Geschichte der Fotografie 02 / 2014

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