175 Jahre Fotografie - Ein Medium im Wandel

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Die Fotografie ist ein Chamäleon. Ständig hat sie sich im Laufe ihrer 175-jährigen Existenz erneuert, verbessert und erweitert. Bilder gehören seit Anbeginn der Menschheit zum gesellschaftlichen Leben. Als Fotografien wurden sie zu wertvollen Mitteln der Kommunikation und immer wieder auch zum Wachstumstreiber unterschiedlichster Industrien. Es gibt kaum einen Lebensbereich, in dem Bilder keine Rolle spielen. Und ständig kommen neue Wege zur Aufnahme und Nutzung von Bildern hinzu.

Das gesamte Universum in nur einem Bild, das sich automatisch ständig aktualisiert und in das sich der Betrachter hineinzoomen kann bis zur kleinsten Stecknadel, die jemand im sprichwörtlichen Heuhaufen verloren hat: Utopisch? Keineswegs! Ansätze solcher Universalansichten finden schon heute ihre Realisierung in Anwendungen wie Google Earth oder Virtual Earth von Microsoft. Fotografien machen Dinge sichtbar, wo das bloße Auge versagt. Moderne Bildtechniken dienen der Qualitäts- und Fehlerprüfung. Ferngesteuerte Kameras liefern uns über viele Millionen Kilometer Bilder von fernen Planeten, beobachten unbemerkt den Wildwechsel an schwer zugänglichen Orten oder liefern die Basis zur Steuerung des Verkehrsflusses. Die Erfindung der Fotografie und die Freigabe der damit möglicherweise verbundenen Patente durch den französischen Staat machte dieses Verfahren zu einer der wichtigsten Erfindungen der Menschheit überhaupt.

Objektive – Die Augen der Kameras

Am Anfang war das Loch: In einer dunklen Kammer wurde dadurch auf der dem Loch gegenüberliegenden Wand ein auf dem Kopf stehendes seitenverkehrtes Bild der Außenwelt projiziert. Dieses Bild der „Camera Obscura“ (Dunkelkammer) wurde als Mal- und Zeichenhilfe verwendet, um mit Pinsel oder Stift Motive möglichst naturgetreu festzuhalten und kopieren zu können. Dieses Prinzip kannten die Menschen schon seit der Antike. Später wurde das System durch Verwendung einer Sammellinse statt eines Lochs optimiert. So eine Camera Obscura verwendete auch Nicéphore Niépce 1826, um das projizierte Bild mit einer lichtempfindlichen Schicht festzuhalten. Erste Versuche um 1816 startete er mit Bromsilberpapieren. Später nutze er Asphaltschichten. Die Belichtung der ältesten, noch erhaltenen Fotografie aus jener Zeit benötigte für die Belichtung etwa acht Stunden. Heute sind es wenige Millisekunden. Statt einer einzigen Sammellinse verwendeten Optiker später Linsenkombinationen, um die Qualität der Fotos zu optimieren und Abbildungsfehler zu vermeiden. Die Gesetzmäßigkeiten der zunächst durch Experimentieren mit unterschiedlichen Linsenstärken konstruierten Objektive haben Physiker schließlich genutzt, um durch Berechnungen Bildwirkungen und Abbildungsleistungen vorhersagen zu können. Abbildungsfehler wurden durch die Kombination speziell geformter Linsen korrigiert. Immer wieder wurden neue optische Gläser mit unterschiedlichen Brechungsindizes entwickelt und miteinander zur Steigerung der Abbildungsleistung und Fehlerkorrektur kombiniert.

Heute gibt es Hochleistungsobjektive für eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten mit unterschiedlichsten Brennweiten vom extremen Weitwinkel bis zum Supertele für Astronomen. Objektive unterstützen Autofahrer, sie helfen Ärzten bei der Diagnose, sie erfassen ferngesteuert Bilder von fernen Planeten oder sie schicken spannende Bilder aus Formel-1-Rennwagen, sie dokumentieren die Erlebnisse von Fallschirmspringern, Tauchern, Snowboardern oder Skifahrern. Ihre Konstruktionen werden immer komplexer, die Steuermöglichkeiten von Blendenöffnung und Entfernungseinstellung immer perfekter.

Vom einfachen Loch über die Sammellinse und den Linsenkombinationen unterschiedlichster Formen und Materialien wurden die Objektive immer leistungsstärker und als „Augen“ der Kameras ein wesentliches Qualitätskriterium für die Abbildungsgüte der Bilder. Immer wieder sprengten Wissenschaftler die für unüberwindbar gehaltenen Grenzen und fanden neue Formen, Materialien und Funktionsweisen, um das projizierte Bild zu optimieren. Sie entwickelten Objektive mit extremen Bildwinkeln, um aus nächster Nähe so viel wie möglich mit aufs Bild zu bekommen. Sie bauten Teleobjektive, mit denen sich weit entfernte Sterne abbilden lassen und spezielle Konstruktionen für die Erforschung des Makro- und Mikrokosmos. Sie entwickelten lichtstarke Objektive, die auch bei Dunkelheit noch eingesetzt werden können, und Brennweitenvarianten, die aus jedem Aufnahmeabstand einen optimalen Blick auf das Motiv erlauben. Ob lichtstarke Festbrennweiten oder kompakte Reisezooms mit riesigen Brennweitenbereichen, die Optikkonstrukteure können heute nahezu jeden Verbraucherwunsch erfüllen. Wo immer noch optisch-physikalische Grenzen den gewünschten Bildwinkel unmöglich erscheinen lassen, da helfen inzwischen digitale Bildtechniken weiter. Wenn eine Aufnahme nicht ausreicht, ein Motiv zu erfassen, dann werden eben mehrere mit einander durch entsprechende Bildverarbeitungsprogramme verknüpft.

Auch, wenn es um die Ausdehnung der Schärfentiefe geht, bietet die Optikindustrie mit Spezialobjektiven mittels Tilt&Shift-Funktionalität leistungsstarke Lösungen, die auch zur Perspektivenkorrektur genutzt werden können. Objektive, die den Facettenaugen von Insekten nachempfunden sind, erlauben den Rundumblick mit von vorn bis hinten gestochen scharfen Abbildungen, und wer sich nicht entscheiden kann, auf welches Motivdetail er die Schärfe seines Fotos legen möchte, dem stehen inzwischen Aufzeichnungsverfahren zur Verfügung, die es erlauben, die Schärfenebene erst bei der Wiedergabe seiner Fotos zu wählen.

Auch, wenn es noch immer keinesfalls sicher ist, welche Elemente und Technologien die Kameras der Zukunft als Auge zum Einfangen ihrer Bilder nutzen werden, kann doch mit Sicherheit gesagt werden, dass ihnen kaum etwas verborgen bleiben wird. Blitzschnell und automatisch stellen sie auf die wesentlichen Motivdetails scharf. Sie erfassen ihr Motiv selbst bei Dunkelheit und liefern kontrastreiche Bilder mit natürlich wirkenden Farben. Die Leistungsfähigkeit dieser optisch-mechanischen Wunderwerke liefert die Basis für das hohe Qualitätsniveau der modernen Fotografie.

Geschichte der Fotografie 02 / 2014

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