175 Jahre Fotografie - Plastische Fotos - Zur Geschichte der Stereofotografie

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© Bildarchiv Koshofer – Stereofotografie
Schon mit den ersten erfolgreichen Fotomaterialien, den vor 175 Jahren vorgestellten Daguerreotypien, wurden Stereoaufnahmen gemacht und in den 1840er Jahren oft koloriert.

Die menschlichen Augen sehen dreidimensional, indem das Gehirn das aus unterschiedlichen Winkeln betrachtete Objekt zu einem plastischen Bild mischt. Das wollte man technisch umsetzen und entwickelte im Laufe von 175 Jahren Fotografie verschiedene Verfahren der Stereofotografie. Sie war ein Medium zur Unterhaltung und Belehrung gewesen und lebt heute insbesondere in 3D-Filmen und für technisch-wissenschaftliche Anwendungen weiter. Für die meisten Fotoamateure war und ist die Stereofotografie aber zu kompliziert. Die zur zweiäugigen Betrachtung der Bilder notwendigen Hilfsmittel stören. Durch den hohen technischen Aufwand führt die Stereofotografie heute nur noch ein Nischendasein mit interessanter Geschichte.

In England erfunden

Stereoskope waren als Betrachtungsgeräte eine wichtige Voraussetzung zum plastischen Sehen von Fotos. Der Engländer Physiker Charles Wheatstone hatte schon 1838, im Jahr vor der öffentlichen Bekanntgabe der Erfindung der Fotografie, die Möglichkeit des räumlichen Sehens mit eigens dafür angefertigten Bildern in einem Stereoskop der Öffentlichkeit vorgestellt. Er hatte bereits 1833 ein Gerät konstruiert, das gewinkelte Spiegel benutzte, um stereoskopische Zeichnungen einfacher geometrischer Formen den Augen des Betrachters zuzuführen. Nach 1839 übertrug Wheatstone die Stereoskopie auf die gerade erfundene Fotografie und ließ sich von William H. Fox Talbot, dem englischen Erfinder der Kalotypie, schon 1841 Aufnahmen machen. Die von Talbot und anderen für Wheatstone auf Papier angefertigten Kalotypien sollen die ersten Stereofotografien gewesen sein. Sie wurden anfangs noch mit einer einzigen Kamera, die für die notwendigen zwei Aufnahmen seitlich verschoben werden musste, oder mit zwei nebeneinander auf Stativen montierten Kameras aufgenommen.

Der schottische Physiker Sir David Brewster konstruierte 1849 die erste echte Stereokamera mit zwei Objektiven und ein handliches Stereoskop, das zum frühen Erfolg der Stereofotografie beitrug. Er ließ es sich in Paris von dem Optiker Jules Dubosq anfertigen. Es wurde auf der Weltausstellung 1851 in London sogar von Königin Victoria bewundert.

Während die frühen Stereokameras noch ein Holzgehäuse besessen hatten, brachte Kodak 1896 die erste Stereokamera aus Metall auf den Markt, 1907 gefolgt von einer Rollfilmkamera. 1905 kam die Voigtländer Stereoscope heraus und dann die Heidoskop von Franke & Heidecke (später Rollei).

Erste Blüte im 19. Jahrhundert

Die weiteste Verbreitung erreichten Stereofotografien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Stereoskope dienten in vielen Haushalten begüterter Familien zur Unterhaltung – ähnlich den TV-Bildschirmen heute. Man kaufte Bilder oder nahm sie selbst auf. Die ersten deutschen Daguerreotypien, also die 1839 erfundenen Fotografien auf versilberten Kupferplatten, sollen 1841 von Ludwig Moser in Königsberg als Stereo-Bildpaare angefertigt worden sein. 1842 zeigte der Schweizer Kupferstecher Johann Baptist Isenring handkolorierte Daguerreotypen, die sehr beliebt wurden.

Die Stereofotografie erhielt Impulse durch die Einführung des nassen Kollodiumverfahrens. Ende der 1880-er Jahre kam mit den Trockenplatten ein zweiter Aufschwung. Sie lösten die umständlichen Nassplatten, die kurz vor der Aufnahme mit fotografischer Emulsion beschichtet werden mussten, ab. Dann flaute das Interesse ab und Fotoplatten, Filme und die Kinos versetzten die Stereofotografie zum Ende des 19. Jahrhunderts in einen Dornröschenschlaf. Sie lebte aber in den 1920-er und nochmals in den 1950-er Jahren als Liebhaberei von Amateuren vorübergehend wieder auf. 1928 wurde in Berlin sogar die noch existierende Deutsche Gesellschaft für Stereoskopie gegründet.

Erfolgreiche Stereokameras

Neben dem Heidoskop von Franke & Heidecke zählte die Stereoflektoskop von Voigtländer zu den Spitzenkameras nach dem Ersten Weltkrieg. Im Jahr 1927 bot auch Zeiss Ikon 20 verschiedene Stereokamera-Modelle an. Für den Rollfilm brachten Franke & Heidecke Anfang der 1930-er Jahre die Rolleidoskop heraus. Sie wurde noch bis 1940 hergestellt.

Die Stereo Realist aus den USA, eingeführt 1947, gab als neue Kleinbildstereokamera von hoher Qualität der Stereofotografie großen Auftrieb. Für Kleinbildfilme im Bildformat 23 × 24 mm gab es auch einige gute deutsche Kameras: Edixa Stereo von Wirgin, Wiesbaden, Iloca von Wilhelm Witt, Hamburg, sowie die Belplasca (24 × 30 mm) aus Dresden, die 1954 herauskam. 1956 folgte der Projektor Belplascus V. Es wurden bis 1963 über 5.000 Kameras hergestellt und noch heute ist die Belplasca eine gesuchte Kamera.

Der erste Stereovorsatz für einäugige Kameras war schon 1855 von dem Franzosen Barnard erfunden worden. 1930 kam ein Stereovorsatz zur Leica heraus, gefolgt 1941 von einem für die Contax. Mit den Prismenvorsätzen wurden innerhalb des Kleinbildformats 24 × 36 mm zwei hochformatige Bilder 16 × 21 mm aufgenommen. Doppelobjektive für Leica und Contax ermöglichten Aufnahmen 18 × 24 mm. Zeiss Ikon nahm 1951 die Fertigung von Stereo-Doppelobjektiven und -vorsätzen für die Contax, die Contaflex und weitere Kameras wieder auf. Dazu gehörten auch ein Projektor und Betrachter. Für die stereoskopische Kleinbildprojektion gab es Geräte mit Strahlenteiler-Vorsätzen oder Doppelobjektiven. Die Dias mussten in dafür bestimmten Rahmen exakt justiert werden, um dann auf speziellen Silberleinwänden mit Polarisationsbrillen betrachtet zu werden. Das ist heute noch so.

Mit Rot/Grün- und Polarisationsbrillen

Für schwarzweiße Abbildungen ist immer noch das schon 1853 von Wilhelm Rollmann entwickelte Anaglyphen-Verfahren beliebt. Zwei Teilbilder müssen seitlich verschoben übereinander in Rot und Grün gedruckt oder projiziert werden. Die Betrachtung erfolgt mit einer entsprechenden Rot-Grün-Brille. Inzwischen ist das Verfahren auf die Wahrnehmung von Farbaufnahmen erweitert worden. Dazu wurden Blau-Gelb- und Rot-Cyan-Brillen herausgebracht.

Angenehmer ist die Betrachtung mit farblosen Polarisationsfilter-Brillen, welche nur Lichtstrahlen in einer Schwingungsebene durchlassen und die anderen verschlucken. Sie machten eine einwandfreie Projektion von Farbdias möglich. Die Brillen konnten ab 1936 von Carl Zeiss und Käsemann sowie später auch von Polaroid preiswert industriell hergestellt werden und beflügelten die Stereoprojektion.

Ohne Betrachter und Brille zu sehen

Schon 1896 erfand A. Berthier das Verfahren mit Stereoteilbildern in Streifenform hinter einer linsenförmig geprägten Schicht. Ein Raster aus schmalen Streifen für das linke und das rechte Bild wird vor das Stereobild gesetzt. Dadurch kann es mit beiden Augen ohne Hilfsmittel direkt plastisch betrachtet werden, weil je nach Betrachtungswinkel nur die Streifen, aus denen sich das linke oder rechte Halbbild zusammensetzt, gesehen werden. Heute werden Linsenrasterbilder in hoher Auflage als Postkarten und Werbedisplays hergestellt. Mit wenig Erfolg gab es dafür in den 1980-er Jahren auch Kameras mit vier (Nimslo) oder drei Objektiven (ImageTech 3D und 3D MAGIC) zur Aufnahme der Bilder auf Farbnegativfilm und Kopie auf Linsenraster-kaschiertem Colorpapier. Das nur von wenigen Labors ausgeübte Verfahren konnte sich auch wegen der Bildkosten nicht durchsetzen und blieb ein Flop.

Ohne spezielle Betrachter arbeitet auch die Holographie. Sie war 1948 von dem Ungarn Dennis Gabor als physikalisches Abbildungsverfahren erfunden worden. Nach Erfindung des Laserstrahls 1960 durch den Amerikaner Theodore H. Maiman hat sich die Holographie schnell weiterentwickelt. Das Bild, kopiert auf eine spezielle Fotoplatte, entsteht erst, wenn diese mit dem Laserstrahl beleuchtet wird. Inzwischen reichen auch Halogen- und sogar Tageslicht zur Betrachtung aus. Schon 1965 gelangen die ersten farbigen Hologramme. Bei einem Multiplexhologramm werden mit einer High-Speed-Kamera Aufnahmen von sich schnell bewegenden Objekten gemacht. Die Einzelbilder werden streifenförmig nahe bei einander auf einer Fotoplatte abgebildet und zeigen bei Betrachtung des Hologramms aus verschiedenen Positionen ein sich bewegendes Motiv, zum Beispiel eines Kopfes.

Rotunde und runde Scheiben

In manchen Museen ist noch eine hölzerne Rotunde von über 3 m Durchmesser ausgestellt, vor der 25 Personen auf Hockern Platz nehmen können, um durch Okulare von Malern kolorierte alte Stereo-Glasdias zu bewundern. 50 Motive werden vor den Betrachtern durch Weiterdrehen gewechselt. Es handelt sich um das von August Fuhrmann erfundene „Kaiser-Panorama“, das erstmals 1880 in Breslau und Frankfurt (Main) eingerichtet worden war. Bis 1909 hatte Fuhrmann schon 100.000 Leihbilder mit acht eigenen Fotografen für 250 Filialen in vielen großen Städten machen lassen. Das „Kaiser-Panorama“ hatte seine erfolgreichste Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und wurde vom Kino verdrängt.

Das handliche View-Master-System mit runden Bildscheiben war von dem nach Amerika emigrierten Deutschen Wilhelm Gruber erfunden worden. Es kam 1938 in den USA bei Sawyer’s auf den Markt und trug zum 3D-Boom in den 1950-er Jahren bei. Sieben Bildpaare mit Motiven aus aller Welt, zumeist auf Kodachrome-Film, sind auf Rundscheiben mit 10 cm Durchmesser in einem Betrachter zu sehen.

Bildkarten, Alben und Zeitschriften

Von Verlagen wurden schon früh Stereobilder käuflich angeboten. In England wurde 1854 zu Herstellung und Vertrieb von Stereokarten die London Stereoscopic Company gegründet, die während der Weltausstellung 1862 über 300.000 Bilder verkauft haben soll. Zur gleichen Zeit wurden in den USA rund vier Millionen Motive verkauft, in Europa etwa zwei Millionen.

Der 1911 in Stuttgart als „Farbenphotographische Gesellschaft“ gegründete Verlag für so genannte Chromoplast-Bilder brachte eine bunt gemischte Serie von Landschaften, Orten, Pflanzen und Genrebildern heraus. Es handelte sich um farbig gedruckte Stereoaufnahmen von Autochrome-Farbfotoplatten. Schon 1932 wurden die nicht projizierbaren Chromoplast-Bilder unverkäuflich.

Der 1935 in Dießen (Ammersee) gegründete Raumbild-Verlag Otto Schönstein verlegte Buchalben mit eingelegten schwarzweißen Stereobildern auf Papier und die Zeitschrift „Das Raumbild“. Er war mit dem Dritten Reich verknüpft und besaß auch über 4.600 Stereofotos der Propagandakompanien. Nach dem Krieg brachte Schönstein weitere Raumbild-Bände heraus, darunter von den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki.

Stereo heute

Es wird keine analoge Stereokamera mehr gefertigt, daher muss man auf Flohmärkten und Fotobörsen nach gebrauchten Apparaten suchen oder zwei Kameras mit Halteschiene koppeln. Die 1991 in Stuttgart gegründete Firma RBT montiert zwei Kameras, zum Beispiel Nikon Coolpix, fest zusammen. Das 2008 eingeführte Fuji Real 3D-System besteht aus Kamera, Bilderrahmen und Printservice für Linsenrasterbilder zum brillenlosen Betrachten. Die Kamera besitzt zwei Objektive und zwei CCD-Sensoren. Panasonic brachte das Lumix G 3D-Objektiv für digitale Stereoaufnahmen heraus. Die alte Anaglyphen-Technik lebt weiter in Zeitungen und Büchern.

Geschichte der Fotografie 07 / 2014

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