175 Jahre Fotografie: Studiofotografie Morgen - Heute - Gestern

Fotografieren bedeutet bekanntlich Schreiben mit Licht. Die kontrollierte Beherrschung genau dieses Themas ist seit 1839, also seit den Pioniertagen des Mediums, ein beherrschendes Thema professioneller Fotografen im Fotostudio.

Historisches Tageslichtatelier Kuper (Bildnachweis: LWL/HGB)
Historisches Tageslichtatelier Kuper (Bildnachweis: LWL/HGB)
Am Anfang der Fotografiegeschichte waren Fotostudios Räume mit sehr großen Fenstern zur Nutzung des Tageslichts. Damit wurden Fotografen unabhängig von Witterungseinflüssen und konnten geschützt vor Wind und Wetter arbeiten. Die in den Pioniertagen notwendigen Belichtungszeiten lagen jedoch bei etlichen Minuten. Um Porträts machen zu können, dienten bis Mitte des 19. Jahrhunderts Apparaturen mit Eisenkragen dazu, die Person vor der Kamera, während der Aufnahme zu fixieren, damit es nicht zu Bewegungsunschärfen kam. Diese Lösung war letztlich ebenso unbeliebt wie unbefriedigend, weil der Fotograf auf Tageslicht angewiesen war, um Aufnahmen im Studio fertigen zu können. Der Ausweg lag in künstlichen Lichtquellen. Da in den Anfangstagen der Fotografie jedoch noch keine elektrische Stromversorgung bestand, konnte auch noch kein künstliches Scheinwerferlicht erzeugt werden. Fotografen waren für die professionelle Arbeit bis in die Zeit um 1900 auf die Nutzung anderer Lichtquellen angewiesen. Eines der letzten heute noch erhaltenen historischen Tageslichtateliers ist übrigens im Freilichtmuseum Detmold zu besichtigen.

1861 kam erstmals Eduard Liesegang, einer der Gründer der Ed. Liesegang oHG auf die Idee, Magnesium zu entzünden, um es bei der Fotografie als Lichtquelle zu benutzen. Es entstand ein grelles Licht. Die Lichtmenge wurde durch die Dauer und Intensität eines Luftstromes beeinflusst und war schwer zu kontrollieren, was insbesondere bei der Porträtfotografie ein Problem darstellte.

Historisches Tageslichtatelier Kuper (Bildnachweis: LWL/HGB)
Historisches Tageslichtatelier Kuper (Bildnachweis: LWL/HGB)
1887 erfand Adolf Miethe gemeinsam mit Johannes Gaedicke das Blitzlichtpulver aus Magnesium, Kaliumchlorat und Schwefelantimon. Dieses Pulver brannte nur Sekundenbruchteile und ähnelte damit bereits dem heutigen Blitzlicht. Der Nachteil war seine hohe Instabilität, die manches Mal zu Unfällen führte. Abhilfe schaffte die Erfindung der Blitzlichtbirne durch den Physiker Johannes Ostermeier im Jahr 1928. Nachteilig war, dass einmal genutzte Blitzlichtbirnen nicht wiederverwendet werden konnten.

Harold E. Edgerton, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), entwickelte schließlich Ende der 1930-er Jahre das erste Elektronenblitzgerät, das mithilfe einer Blitzröhre einen kurzen, sehr hellen Lichtblitz erzeugte. Damit war es erstmals möglich, rasch aufeinanderfolgende Blitzaufnahmen zu erstellen.

Studioblitzanlagen sind bis heute die professionelle Variante zur gesteuerten Ausleuchtung von Objekten unter kontrollierten Bedingungen. Den ersten professionellen Blitzgenerator hat übrigens Kodak in den USA kommerziell angeboten. Von dort kommt auch der Hersteller, der bis heute am längsten (seit 1939) am Markt ist, die Firma Speedotron. In Europa gehörten Balcar, Broncolor und Multiblitz zu den ersten erfolgreichen Anbietern.

Elektronisches Blitzlicht im Studio hat sich aber erst Ende der 60-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wirklich durchgesetzt, davor dominierten Dauerlichtquellen wie Kohlebogenlampen und Osram Nitraphot. Erst durch das Aufkommen der Farbfotografie waren Dauerlichtquellen aufgrund ihrer niedrigen Farbtemperatur keine ideale Lösung mehr. Aktuell wird Dauerlicht aus Halogenbrennern, Hochfrequenzleuchtstofflampen respektive HMI-Licht wieder stärker eingesetzt, da die digitale Fotografie über den Weißabgleich an der Kamera diesen Nachteil von analogem Filmmaterial ausgleichen kann.

Siemens Fotostudios (Org-Foto: F. Böckler) aus dem Buch
Siemens Fotostudios (Org-Foto: F. Böckler) aus dem Buch “Linhof Praxis” von 1963
In der Studiofotografie ist jedoch in der absoluten Mehrzahl der Fälle eine Studioblitzanlage mit proportionalem Einstelllicht noch immer das Mittel der Wahl, um möglichst effizient Fotografien mit exakt kontrollierter Beleuchtung zu erstellen. Daran wird sich aufgrund weiterer Vorteile dieser Technologie auch in Zukunft wenig ändern. So ist unter anderem die extrem kurze Abbrennzeit elektronisch gesteuerter Blitze für professionelle Fotografen ebenso unverzichtbar wie deren konstante Farbtemperatur. Unterschiedlichste Lichtformer helfen, das Studioblitzlicht zu modellieren und so entscheidenden Einfluss auf die Lichtwirkung im Bild zu nehmen. Die kann in Zeiten digitaler Bildbearbeitung auch nachträglich noch beeinflusst werden. Dabei setzen viele Profis eigentlich für den Einsatz im Studio gedachte Blitzanlagen längst auch außerhalb des Studios – also on location – ein, um auch hier im Zusammenspiel mit dem vorhandenen Tageslicht besondere Stimmungen zu erzeugen.

Für viele Genres bleibt jedoch das Fotostudio der wichtigste Aufnahmeort. Längst nicht jeder Profifotograf nutzt dabei sein eigenes Studio: In den wichtigsten Städten der Welt gibt es zahlreiche Mietstudios, die flexibel genutzt werden können, wenn ein Auftrag dies erfordert – inklusive des passenden Licht-Equipments. Das Studio der Zukunft wird dabei zunehmend virtuell sein. Sogenanntes Computer Generated Imaging, kurz CGI, erschafft fotorealistische Darstellungen von Produkten auf Basis der Konstruktionsdaten. Was in der Automobilfotografie längst verbreitet ist, wird in Zukunft für immer mehr Produktgruppen relevant werden, die dann nicht mehr aufwändig im Studio in Szene gesetzt werden müssen. Avatare statt Fotomodelle aus Fleisch und Blut werden die professionelle Bildproduktion erobern und Fotografen zu Illustratoren machen, die, statt im Studio die Realität zu inszenieren, diese virtuell am Rechner entstehen lassen.

Geschichte der Fotografie 08 / 2014

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