175 Jahre Fotografie - Wie die Farben ins Bild kamen

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In der 175-jährigen Geschichte der Fotografie spielte die Farbe schon früh eine Rolle. Zunächst wurden aber noch die 1839 eingeführten Daguerreotypien und andere schwarzweiße Bilder koloriert. Doch 1861 versetzte der schottische Physikprofessor James Clerk Maxwell seine Zuschauer in London in Erstaunen, als er mit drei Projektoren und roten, grünen und blauen Filtern die Aufnahme einer schottischen Ehrenschleife farbig auf der Leinwand erschienen ließ. Das war die Geburtstunde der Farbfotografie, wenngleich es sich nur um ein Experiment handelte, dem noch lange kein allgemein zugängliches Verfahren folgte. Doch suchte man in den Kulturländern bald schon nach der Fotografie „in natürlichen Farben“.

Pioniere in Frankreich

Experimente sogar mit farbigen Papierbildern unternahm dann der Franzose Louis Ducos du Hauron. 1868 reichte er die erste Patentschrift für die Farbfotografie ein und beschrieb darin praktisch alle später ausgeübten Verfahren. Kurios war, dass – unabhängig von ihm – sein Landsmann Charles Cros ebenfalls an Verfahren arbeitete. Aufgrund der noch fehlenden guten Nachrichtenverbindung erfuhren die beiden Erfinder erst später voneinander. Von du Hauron sind farbige Pigmentbilder überliefert. Doch gingen seine und Cros’ Ideen nicht gleich in die Fotopraxis ein.

Es waren wiederum zwei Franzosen, die Brüder Louis und Auguste Lumière, deren Vater den Kinofilm erfunden hatte, die 1907 mit ihrer Autochromeplatte das erste kommerziell erfolgreiche farbfotografische Material herausbrachten. Es war ein Glasdiapositiv, auf dem sich ein Farbraster aus mikroskopisch feinen orange, grün und violett eingefärbten Kartoffelstärkekörnern befand, welche bei der Aufnahme als winzige Filter dienten, um nur Lichtstrahlen gleicher Färbung auf die schwarzweiße Fotoschicht durch zu lassen. Für die Betrachtung erzeugten sie dann aus unzähligen Farbelementen bestehende Bilder, welche den pointillistischen Gemälden neoimpressionistischer Maler glichen. Die Autochromeplatten wurden bald in vielen Ländern benutzt und von bekannten Fotografen, wie dem Franzosen Jacques Henri Lartigue, dem Deutschen Heinrich Kühn und den Amerikanern Edward Steichen und Alfred Stieglitz. Ab 1912 gingen auch Fotografen des amerikanischen „National Geographic Magazine“, darunter der Stuttgarter Hans Hildenbrand, zu Autochrome über. Der Pariser Bankier Albert Kahn baute sogar mit den Platten der von ihm in viele Länder ausgesandten Fotografen ein völkerversöhnliches „Archiv des Planeten” auf.

Farbige Körner und Linien

Mitten im Ersten Weltkrieg, 1916, erhielt Autochrome Konkurrenz durch die Agfa Farbenplatte, deren Kornraster transparenter war und die in den 1920-er Jahren zweimal verbessert wurde. Sie wurde trotzdem weniger berühmt als Autochrome und ihre Diapositive oft damit verwechselt. Die zerbrechlichen Glasplatten waren unbequem, daher stellten Lumière und Agfa ab 1929/1932 auch entsprechende Filme her. Agfa zog die Kornrasterfilme allerdings nach dem Erscheinen der „modernen“ Agfacolor-Filme 1938 vom Markt zurück, während Lumière seine Farbfilme noch bis 1954 herstellte. Zeitlich wurden diese sogar von den erst 1958 aufgegebenen englischen Dufaycolor-Filmen überholt, die sich grundlegend von den französischen und deutschen Filmen unterschieden. Ihr aus roten, grünen und blauen Farbstofflinien bestehendes Raster war nämlich regelmäßig. Es konnte daher nicht wie bei dem unregelmäßigen Kornraster von Autochrome passieren, dass damit Porträtierte zum Beispiel wegen einer Ballung grüner Körnchen eine grüne Nase erhielten. Alle diese Farbrastermaterialien sorgten bereits für eine gewisse Verbreitung der Farbfotografie, auch, wenn sie lange belichtet werden mussten, da die Farbstoffelemente die Lichtempfindlichkeit drückten.

Profis nutzten spezielle Farbkameras

Während die Farbrasterplatten und -filme den Vorteil hatten, dass alle Farben des Motivs auf einem einzigen Fotomaterial aufgenommen wurden, zogen es professionelle Farbfotografen aus Qualitätsgründen vor, mit drei Platten oder Filmen zu arbeiten, die zwar schwarzweiß waren, aber durch rote, grüne und blaue Filter belichtet jeweils die Motivanteile dieser drei Grundfarben festhielten. Für ihre Belichtung waren jedoch spezielle Kameras erforderlich. Schon seit 1895 wurden verschiedene Modelle konstruiert. Die bekanntesten in Deutschland waren die Kameras der Berliner Dr. Adolf Miethe und Wilhelm Bermpohl, die sich wiederum grundlegend unterschieden. Miethe benutzte für seine Aufnahmen aus Oberägypten, Spitzbergen und für seine Stollwerck-Schokoladenbilder aus „Deutschlands Gauen“ eine sogenannte Wechselschlittenkamera. Sie verwendete eine längliche Fotoplatte, die pneumatisch senkrecht bewegt wurde, um auf ihr zeitlich hintereinander die drei nötigen Einzelaufnahmen zu machen. Die drei Bilder zeigten, durch entsprechende Farbfilter deckungsgleich übereinander projiziert, auf der Leinwand ein „naturfarbiges“ Bild.

Bermpohl und andere vermieden den Fehler der Wechselschlittenkameras, sich bewegende Objekte mit farbigen Rändern abzubilden, durch die gleichzeitige Belichtung der drei Platten oder Filme. Ihr Konstruktionsmerkmal war ein hinter dem Kameraobjektiv befindliches Glasprisma oder Spiegelsystem, dass als sogenannter Strahlenteiler, Lichtanteile auf die drei halbkreisförmig angeordneten Aufnahmematerialien lenkte. Vor ihnen befanden sich die drei notwendigen Farbfilter. Der Hochschulprofessor Miethe hatte seine Kamera schon 1902 – mit Unterstützung durch den Kameratischler Bermpohl – eingeführt, während Bermpohl selbst seine „Naturfarbenkamera“ erst 1929 herausbrachte. Sie soll bis 1938 ausschließlich für amerikanische Profifotografen exportiert worden sein. Eine weitere deutsche „Strahlenteiler-Kamera“ wurde von Bermpohls Schwiegersohn Emil Reckmeier konstruiert und um 1933 benutzt. Im Unterschied zum Edelholzgehäuse der „Bermpohl“ besaß die „Reckmeier“ ein Metallgehäuse. Das galt auch für die „Jos-Pe“ von 1924 der gleichnamigen Hamburger Firma, die ihre Bezeichnung von den Vornamen ihres Finanziers Josef-Peter Welker ableitete. Alle diese historischen Kamera findet man noch in Fotomuseen. Ähnliche Kameras wurden in den USA sogar noch bis Ende der 1940-er Jahre benutzt, dann aber durch großformatige Kodachome und Ektachrome Blattfilme abgelöst.

„Drei-Farben-Fotografie“ auf Papier

Natürlich begnügte man sich nicht mit Diapositiven, die mit den Farbrasterplatten wegen der sich in den Projektoren entwickelnden schädlichen Hitze nicht empfehlenswert waren und bei den Aufnahmen mit Spezialkameras auch spezielle Projektoren erforderten, sondern wünschte sich farbige Aufsichtsbilder. Ein Vorbild waren dafür die alten Pigmentdrucke von Ducos du Hauron, bei denen drei Folien mit den Bildanteilen in Gelb, Purpur und Blaugrün sorgfältig übereinander montiert waren. Sie arbeiteten also mit der subtraktiven Farbmischung von drei Körperfarben, während die Farbrasterplatten und Diapositive der Spezialkameras auf der additiven Licht-Farbmischung basierten, wie es heute auch Digitalfotografien tun. Bei einem zweiten Farbfoto-“Edeldruck”-Verfahren zur Herstellung von Aufsichtsbildern wurden von den drei, mit einer Spezialkamera aufgenommenen Negativen, klischeeartige Folien hergestellt, die dann entsprechend der Farbanteile des Motivs mit gelben, purpurnen und blaugrünen Farbstoffen eingefärbt wurden. Von diesen wurden schließlich die Farbstoffe auf eine weiße Unterlage passgerecht übereinander abgesaugt.

Zur ersten Gruppe zählten als bekannteste die deutschen NPG-Verfahren (1903-1911) der Neuen Photographischen Gesellschaft, Steglitz (Berlin), und Duxochrom (1929-1963) von Johannes Herzog, Hemelingen (Bremen). Vor 1945 besonders beliebt war die Kombination Bermpohl-Kamera und Duxochrom, die auch von dem „Bildberichter beim Führer“ Walter Frentz und vom „Reichssieger Farbphotographie“ Hermann Harz ausgeübt wurde. Zu den auf den Pionier Charles Cros zurückgehenden Absaugeverfahren zählten zum Beispiel die Pinatypie der Farbwerke Hoechst (1905 bis um 1925) sowie vor allem Dye Transfer von Kodak (1947-1995), womit viele amerikanische Porträt- und Werbefotografen arbeiteten. Alle Bilder nach diesen Verfahren sind aufgrund der verwendeten ausgewählten Farbstoffe in Archiven und Museen stabil geblieben, was man von den späteren „modernen“ Colorpapieren nicht unbedingt sagen kann.

Kodak und Agfa stellten erste Mehrschichtenfilme her

Die älteren Farbverfahren waren aufwändig und auch kompliziert, so dass die Schwarzweißfotografie lange dominierte. Das sollte sich nach der Einführung der sogenannten modernen Farbfilme und -papiere schließlich ändern. Die Grundidee zur Herstellung von Farbfotomaterialien, bei denen mittels sogenannter Farbkupplersubstanzen in drei fest verbundenen Schichten gelbe, purpurne und blaugrüne Teilbilder entwickelt wurden, hatte bereits 1911/1912 der technische Leiter der Neuen Photographischen Gesellschaft Dr. Rudolf Fischer gehabt. Doch sollte es noch bis 1935/1936 dauern, ehe die bedeutenden fotochemischen Hersteller Eastman Kodak (USA) und Agfa (Deutschland) soweit waren, dünne Schichten von der Stärke von Frauenhaaren übereinander zu gießen, deren Bestandteile fest in den für sie bestimmten Schichten verblieben. Zuerst brachte 1935 der Kodachrome-Schmalfilm den Vorteil, in jeder „normalen“ Kamera benutzt werden zu können. Im nächsten Jahr folgte der entsprechende Diafilm und bald darauf im November 1936 Agfacolor Neu – so benannt, weil auch noch Agfacolor-Rastermaterialien hergestellt wurden. Beide brachten zunächst für Dias eine erhebliche Vereinfachung der Farbfotografie mit höheren Filmempfindlichkeiten für Schnappschüsse mit sich. Fotobücher und Bildbände zeugen noch von dem anfänglich erreichten Leistungsstand der neuen Filme. Von den deutschen Farbfotografen sind besonders Dr. Paul Wolff und Alfred Tritschler, Erich Retzlaff und Walter Hege zu erwähnen, bei den amerikanischen stechen Ansel Adams, Ernst Haas und Eliot Porter hervor.

Schon Anfang 1942 ließ Kodak mit Kodacolor einen Farbnegativfilm mit zugehörigem Colorpapier für Fotoamateure folgen. Auch bei Agfa in Deutschland war das Negativ/Positiv-Verfahren für Papierbilder zur gleichen Zeit fertig ausgearbeitet, kam aber aufgrund der Kriegsverhältnisse zunächst nur farbigen Kinofilmen zugute. Schon während des Zweiten Weltkriegs gab es einige Nachahmungen von Kodachrome und Agfacolor. Dann folgten nach 1945 weitere Fabrikate in Europa und Übersee, auch aufgrund der als Kriegsfolge freien Agfacolor-Patente. Bedingt durch die Teilung Deutschlands gab es hier sogar zwei Sorten Agfacolor-Filme und -Papiere, nämlich aus Leverkusen im Westen und Wolfen im Osten. Um 1960 machten in Westdeutschland die Farbfilme von Adox aus Neu-Isenburg und Perutz aus München Agfa vorübergehend Konkurrenz. Hinzukamen Vertriebsmarkenfilme von Foto-Quelle, Neckermann und anderen.

Alle Filme konnten im Laufe der Zeit in der Farbwiedergabe erheblich verbessert und in ihrer Lichtempfindlichkeit stark erhöht werden. Noch in den letzten Jahren vor allgemeiner Einführung der Digitalfotografie wetteiferten alle großen Hersteller mit in kurzen Zeitabständen herausgebrachten neuen Filmtypen in verschiedenen Lichtempfindlichkeiten, für natürliche Hauttöne und mit satten Farben. Während die Sofortbildmaterialien von Fujifilm weiterhin hergestellt werden, sind vor zwei Jahren Polaroid-Sofortbilder in Form der „Impossible Project“-Filme aus Enschede (Holland) wiederaufgelebt. Der Polacolor-Film war bei seinem Erscheinen 1963 eine Sensation gewesen. Im selben Jahr waren auf der photokina – oft der Premierenort auch für farbfotografische Produkte – die berühmten Schweizer Cibachrome-Materialien für brillante, lichtbeständige Vergrößerungen von Farbdias vorgestellt worden. Wie so viele Materialien der analogen Fotografie sind auch sie inzwischen vom Markt verschwunden. Verbesserungen der Farbfilme sind nicht mehr zu erwarten, da die auf dem Markt erhältlichen Filme schon lange ausgereift sind.

Geschichte der Fotografie 05 / 2014

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