Das Sofortbild lebt weiter - Vergangenheit und Gegenwart

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© Bildarchiv Koshofer – Sofortbild

Der Name Polaroid steht für das Sofortbild schlechthin. Ein „Pola“ war immer ein Erlebnis gewesen. Doch es gab auch Sofortbilder von Kodak und heute sind Sofortbildfilme von Fuji und dem neuen Unternehmen Impossible Project erhältlich. Die klassische Fotografie lebt auch damit weiter. Im Unterschied zur Digitalfotografie erhält man gleich nach der Aufnahme ein Papierbild, ohne erst den Umweg über elektronische Hilfsmittel und einen Drucker oder Fotokiosk gehen zu müssen. Diese Sofortbilder haben sehr viele Anhänger und sind nicht nur ein gerngesehener Partygag. Auch im Profistudio kommt die Sofortbildfotografie nach wie vor zum Einsatz, um Technik und Gestaltung zu prüfen. Das Sofortbild hat eine eigene lange Geschichte – sie begann 1948 mit Polaroid.

Vom Wunsch der Tochter bis zu ausgereiften Sofortbildern

1943 wartete die dreijährige Tochter Jennifer des amerikanischen Physikers und Unternehmers Dr. Edwin H. Land in den Ferien ungeduldig auf fertige Fotos, was den Vater veranlasste, sich an die Entwicklung eines Sofortbildverfahrens zu begeben. Eine Antwort auf Jennifers Frage, warum sie nicht gleich ein Foto bekommen kann, war Land wichtiger als die Meinung eines Bankiers bei der Präsentation der ersten Sofortbildkamera: „Ganz interessant, aber warum sollte jemand ein Bild sofort haben wollen?“

Mit seiner Initiative war Dr. Edwin H. Land (1909-1991) eine Persönlichkeit, die die Fotografie des 20. Jahrhunderts wesentlich mitbestimmte – wie vor ihm der Fotografie-Erfinder Louis Jacques Mandé Daguerre, die Kino-Erfinder Gebrüder Lumière und der Kodak-Gründer George Eastman. Land hatte zunächst Filter aus Kunststoff für polarisiertes Licht, das heißt in verschiedenen Ebenen schwingende Lichtstrahlen, hergestellt. Diese Polarisationsfilter sind wichtig für die Betrachtung von 3D-Filmen, für Sonnenbrillen sowie für die Fotografie und waren Namensgeber für Lands 1937 gegründetes Unternehmen.

Bereits am 26. November 1948 verkaufte ein Fotoladen in Boston die erste Polaroidkamera Model 95 mit dem Werbeslogan „See it, snap it“ kurz vor Weihnachten für knapp 90 Dollar. Grundlage für den Film, der anfangs nur sepiafarbene Bilder lieferte, war das Silbersalz-Diffusionsverfahren, das auf die Agfa-Chemikerin Dr. Edith Weyde und ihr 1941 patentiertes „Copyrapid“-Verfahren für Bürokopien zurückgeht. Im Polaroid-Schwarzweißfilm wurde hochkonzentrierte Entwicklerpaste aus einer kleinen Kapsel zwischen Negativ- und Positivschichten gequetscht. Das Entwicklerreagenz löst das unbelichtete Silber aus dem Negativ und überträgt es in die Positivschicht, wo es sich als metallisches Silber bildmäßig niederschlägt. Negativ und Positiv werden dann von Hand getrennt.

Als Ergebnis der aufwändigsten Forschungsarbeiten in der Geschichte der Fotografie gelang es Polaroid, 1963 den ersten „1-Minuten-Farbfilm“ der Welt – Polacolor -herauszubringen. Hierbei diffundierten mit dem Entwickler verkettete Farbstoff-Moleküle vom Negativ in das Positiv. Je nach Außentemperatur vollzog sich die Farbbildentstehung in 40 bis 90 Sekunden. In Farbsättigung und -trennung war Polacolor noch den damaligen herkömmlichen Farb-Negativ/Positiv-Verfahren unterlegen. Doch überwog die Freude am verblüffend schnellen Foto. Die Swinger-Kamera mit optischem Belichtungsmesser brachte 1966 für Polaroid den Durchbruch in den Massenmarkt.

500 Millionen Dollar für das Polaroid SX-70 System

Auf das so genannte Trennbild-Verfahren folgte 1972 das integrale Monoblatt-Verfahren, bei dem sich die aus der Kamera austretende Bildeinheit vor den Augen des Betrachters selbständig entwickelt, ohne die Schichten voneinander zu trennen. Damit wurde der lästige Abfall des fortzuwerfenden Negativs vermieden. 500 Mio. Dollar soll Polaroid in dieses Projekt mit siebenjähriger Entwicklungszeit und mit dem Neubau von fünf Fabriken investiert haben. Für das neue SX 70-System konstruierte Polaroid eine elegante faltbare Automatikkamera im Taschenbuchformat. Auch Marlene Dietrich, Andy Warhol und der Sultan von Oman gehörten zu den Käufern einer SX-70 „Ruck-Zuck“-Kamera, zumal kein geringerer als der englische Charakterdarsteller Laurence Olivier dafür geworben hatte. Der SX-70 Film enthielt nun haltbarere, metallisierte Farbstoffe. Seine von Land forcierte ständige Weiterentwicklung galt vor allem Verbesserrungen der Farbwiedergabe, der Feinkörnigkeit und Beschleunigungen des Entwicklungsprozesses. Dazu gehörten 1981 der Time-Zero Supercolor Film mit besonders schneller Bildentstehung und 1986 die computerisierte „Image“ Kamera mit optischen und akustischen Signalen. Image brachte zugleich den Umstieg von den zuvor quadratischen zu nun rechteckigen Sofortbildern.

Polaroid-Fotos auch für Profi-Fotografen und als Kunst

Auf Anregung ihres Beraters Ansel Adams, des berühmten amerikanischen Naturfotografen, führte Polaroid schon 1958 ein Kamerarückteil für Schwarzweißfilme im Bildformat 9 × 12 cm ein. Damit wurde die Sofortbildfotografie bald salonfähig und verlor den Nimbus des schnellen Knipsbildchens. Die „Polas“ dienten in den Fotostudios zur Kontrolle von Belichtung, Bildaufbau und Lichtführung. Durch die an Großformatkameras anzusetzende Kassette 18 × 24 cm wurde das Sofortbild endgültig zur Vorstufe der eigentlichen Fotografie im Studio und on location. In den 1970-er und 1980-er Jahren wurden die Polaroid Fotos zudem als eigenständiges künstlerisches Medium entdeckt und auch manipuliert, um besondere Bildwirkungen zu erzeugen. Zu diesen Fotografen gehörten Robert Frank und Arnold Newman und der Popkünstler Andy Warhol.

Ende der 1960-er Jahre wurde die nicht mehr bestehende Polaroid Collection gegründet, um Fotografen die Sofortbildfotografie nahe zu bringen. Sie umfasste schließlich 22.000 Original-Polaroid-Fotos von Weegee, Sarah Moon, David Hockney, Josef Sudek, Yousuf Karsh, Mary Ellen Mark, Lennard Nilson und anderen bekannten Fotografen. Große 1 × 3 m-Museumskameras von Polaroid wurden in führenden Museen der Welt zur Aufnahme von Repliken eingesetzt. Mit einer solchen Kamera gelang die Dokumentierung der Restaurierung von Gemälden Raffaels und Leonardo da Vincis.

Flops: Schmalfilm und Diafilme

Ehrgeizige Ziele von Land waren das Sofortdia und der Sofortschmalfilm. Die Vorstellung des Polavision-Systems mit „Phototape-Film“ im Super-8-Format war 1978 eine photokina-Sensation. Der Film war nach Belichtung in 90 Minuten-Entwicklung projektionsfähig im Betrachter, der mit dem Entwicklungsgerät kombiniert war. 1983 folgte das Autoprocess System mit dem PolaChrome Film, der im AutoProcessor Gerät entwickelt, gerahmte Kleinbilddias lieferte. Neben dem Farbfilm gab es auch spezielle Schwarzweiß-Diafilme. Bei Polavision und Polachrome stand das alte Linienrasterverfahren mit einem Gitter aus roten, grünen und blauen Farbstoffstreifen vor der schwarzweißen Emulsionsschicht Pate. Es wirkte bei Aufnahme und Wiedergabe als Farbfilter, um die einzelnen Farbtöne schwarzweiß zu registrieren, aber in der Projektion wieder farbig erscheinen zu lassen. Nachteil von Polavision und PolaChrome waren weniger transparente Filmbilder. Der Sofortfilm wurde bald durch Videokameras verdrängt, auch die Sofortdias kamen zu spät und fanden keinen Platz bei Amateuren, zumal sie für die wissenschaftliche Fotografie vorgesehen waren.

Kodak machte Polaroid Konkurrenz

Zwischenzeitlich erhielt Polaroid 1976 bis 1986 Konkurrenz durch Kodak, die zuvor das Polacolor-Negativ hergestellt hatte. Kodak ging bei seinem Instant Color Picture Process von vorneherein den Weg des Monoblatt-Systems mit eigenen Kameras. Das zusammenklappbare technisch aufwändige Modell EK8 war sogar von Kodak Stuttgart konstruiert worden. 1982 folgte der hochempfindliche Kodamatic Instant Color Film. 1983 hatte sich Kodak noch den Trimprint, die abziehbare Bildschicht, einfallen lassen, um ein mit herkömmlichen Farbpapierbildern vergleichbares dünneres Bild zu erhalten. Kodak hatte sich zwar bemüht, die Barriere der Polaroid-Schutzrechte zu durchbrechen, unterlag aber schließlich 1990 in einem Vergleich den langjährigen Patentstreitigkeiten mit Polaroid, obwohl sich das Verfahren von Kodak durch eine Direkt-Umkehremulsion, bei dem nicht die belichteten, sondern die unbelichteten Silberkristalle zur Entwicklung kamen, unterschied. Es rächte sich, dass Kodak nicht 1947 zugegriffen hatte, als Land Kodak seine Sofortbild-Idee zum Kauf angeboten hatte. Die Kodak-Manager hielten damals das Sofortbild nur für ein „Spielzeug mit begrenzten Marktaussichten.“ Nun musste Kodak an Polaroid 909,5 Millionen Dollar Schadenersatz zahlen – die größte Schadenersatzsumme, die je in einem Patentstreit zugesprochen wurde. Schon 1986 hatte Kodak sein Sofortbild-Programm aufgeben müssen. Doch auch Polaroid stellte 2007 aus wirtschaftlichen Gründen die Herstellung der Kameras ein, gefolgt 2008 von der Aufgabe der Filme.

Fuji erwarb Lizenzen von Kodak und Polaroid

Fuji hatte klugerweise 1979 ein Abkommen mit Kodak getroffen und Lizenzen erworben, um 1981 einen dem Kodak PR-10 entsprechenden Fuji Instant Color Monoblatt-Film mit gleichen Abmessungen, allerdings eigener Chemie und für eigene Fotorama-Kameras herauszubringen. 1986 führte Fuji auch ein Trennblattsystem ein, das, bestehend aus dem verbesserten Farbfilm FP-100C und zwei Schwarzweißfilmen, seit 1992 auch in Europa angeboten wird. Polaroid und Fuji hatten sich darauf verständigt, dass Fuji trotz Patentverletzung für die Aufrechterhaltung seiner Sofortbild-Filmfabrikation und -Kameras bestimmte Produkte günstig an Polaroid verkauft. Allerdings liefen die Polaroid-Patente 1997 ab. Fachleute bescheinigten den Fuji-Filmen „die beste Auflösung und die beste Farbwiedergabe aller derzeitigen Sofortbild-Verfahren.“ Das 1984 in Japan eingeführte Fotorama 800 mit ISO 800 Empfindlichkeit und der Schwarzweißfilm FP-3000B (ISO 3.200) sind die höchstempfindlichen Sofortbild-Materialien.

Unter der traditionsreichen Marke Polaroid werden neuerdings eine von Fuji hergestellte Instant-Kamera Modell 300 mit zugehörigem kleinformatigem Film vertrieben. Die Kamera gleicht der Fuji Instax Mini, deren Filme auch in die Polaroid 300 passen. Das Instax-Monoblattsystem mit eigener Kamera war 1998 für Amateure eingeführt worden.

Das Impossible-Projekt wurde verwirklicht

Filme für Polaroid-Kameras sind wieder da! Der Wiener Geologe Dr. Florian Kaps traf sich in Enschede (NL) mit leitenden Leuten der dortigen ehemaligen Polaroid-Fabrik. Sie gründeten ein neues Unternehmen für die Filmfabrikation. Von den Polaroid-Kameras sollen laut Impossible weltweit über 300 Millionen Exemplare erhalten geblieben sein. Start des Projekts war im Oktober 2008, nachdem Polaroid das Ende für seine Sofortbilder und damit auch der Fabrikation in Enschede bekannt gegeben hatte. Polaroid hielt eine Wiederbelebung seiner Sofortbildfilme für unmöglich, weshalb Kaps beschloß, seine Firma „Impossible Project“ zu nennen. Kaps kaufte für € 180.000 die Filmbegießmaschine an und mietete für zehn Jahre ein Fabrikgebäude in Enschede. 2010 war Produktionsbeginn für verschiedene Filmtypen, die zunächst unausgereift mit oft noch gelbstichigen Farbbildern waren. Es sind Produkte mit neuen charakteristischen Merkmalen, da Original-Polaroid-Rohstoffe nicht mehr erhältlich sind. Daher mussten neue Farbmoleküle gefunden werden. Impossible entwickelte die Filme schnell weiter mit kürzeren Entwicklungszeiten und verbesserter Farbwiedergabe. Inzwischen produziert Impossible PX genannte Filme für die Polaroid-Kameras Typen SX-70, 600 und Image. Auch professionelle Schwarzweißfilme im Format 18 × 24 cm sind erhältlich. Unter der Bezeichnung IP3 brachte Impossible ein Spezialgerät auf den Markt, das über eine Kameravorrichtung Aufnahmen vom iPhone auf Impossible-Film belichtet. Elektronische Hilfsmittel zur Bildbetrachtung sind damit nicht mehr nötig.

Geschichte der Fotografie 06 / 2014

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