175 Jahre Fotografie: Klicken statt Kleben - Der Siegeszug des persönlichen Fotobuches

Die ersten persönlichen beziehungsweise selbstgestalteten Fotobücher Anfang der 2000er Jahre sorgten noch für Erstaunen. Fotobuch-Pionier Werner Krachtus erinnert sich: „Als meine Oma das erste Werk mit Hardcover und im Stil eines Bildbandes in den Händen hielt, war sie ganz irritiert, dass es die Babybilder von mir und meinem Bruder jetzt auch im Buchhandel gibt.“ Dass man einen individuellen Bildband in Einzelauflage bestellen konnte, war zu dieser Zeit revolutionär und für sie nicht vorstellbar.

Fotobuch24, 2003-website
Fotobuch24, 2003-website
Bis dahin waren solche Werke für den Durchschnittsbürger unerschwinglich, da in der Regel das Offset-Druckverfahren eingesetzt wurde, für das aufwendig Druckplatten belichtet werden mussten. Die Firma Indigo leitete 1993 den Wandel mit dem „digitalen Offset-Druck“ ein, für den keine Platten mehr benötigt wurden. Nach dem Aufkauf durch den Weltkonzern Hewlett-Packard im Jahr 2000 eroberte der Druckmaschinentyp „HP Indigo“ den Markt. Auch Wettbewerber wie Kodak und Xerox waren nicht untätig. Diese Entwicklung ermöglichte schließlich Gründern wie Norbert Weig mit „Fotobuch24“ im Jahr 2002 einen Service für persönliche Fotobücher anzubieten.

Bis dahin mussten digitale Fotos ausbelichtet und umständlich in ein Album eingeklebt werden, wenn man sie in Buchform zeigen wollte. „Das fanden wir viel zu kompliziert. Wir wollten eine digitale Lösung ohne den analogen Umweg.“ erinnert sich Werner Krachtus, der damalige Kompagnon von Weig. So warb man mit dem Slogan „Klicken statt kleben“ und stellte eine kostenlose Software zur Bucherstellung bereit.

mymoments-Fotobücher
mymoments-Fotobücher
Das ist übrigens bis heute bei den allermeisten Anbietern so geblieben und macht die Bucherstellung komfortabel. Die Gestaltungsmöglichkeiten waren ganz am Anfang jedoch noch sehr beschränkt: An eine individuelle Anpassung der Layoutvorlagen war noch nicht zu denken. Aber man konnte schon aus verschiedenen Seitenvorlagen auswählen und immerhin bis zu 192 (!) Bilder im Buch unterbringen – auf exakt 48 Seiten. Eine freie Wahl des Umfangs oder der Buchgröße gab es nicht.

War die Gestaltung abgeschlossen, sendete man das Werk in der Regel per CD zum Fotoservice. Schon wenige Tage später hatte man das fertige Buch in der Post. Alte Bannerwerbeanzeigen zeigen, dass schon 2005 versprochen wurde, alle Bestellungen bis Nikolaus rechtzeitig zu Weihnachten auszuliefern.

Das geht heute erstaunlicherweise nicht so viel schneller – und das obwohl es heute für die boomende Fotobuch-Industrie Bindemaschinen gibt, die in den Anfangstagen noch lange nicht auf dem Markt waren. Aber auch damals hatte man schon begriffen, das eine rationelle Herstellung einer großen Menge individueller Bücher nur möglich ist, wenn die Verarbeitung der Druckdaten ohne manuelle Eingriffe erfolgt.

posterxxl-Fotobuch
posterxxl-Fotobuch
Auch das hat sich bis heute nicht geändert. Ganz im Gegenteil wird versucht, dem Kunden mit noch mehr Automatisierung ein besseres Buchergebnis zu ermöglichen. Das beginnt bei Erstellungsassistenten und reicht bis hin zur automatischen Bildkorrektur, die von spezieller Software auf Herstellerseite erledigt wird. Auch die Druckqualität ist mit den Jahren immer besser geworden. Modernste Maschinen prüfen selbst kontinuierlich, ob die Qualität ausreichend ist und steuern bei Bedarf nach.

Kein Wunder, dass das eigene Fotobuch ankam und bis heute für Begeisterung sorgt. Schon 2005 kommentierte Christian Furrer vom Fotobuch-Pionier Bookfactory in der Schweiz: „Im Moment haben wir einen regelrechten Fotobuch-Hype, jeder will Fotobücher drucken.“ Entsprechend waren Zuwachsraten um 200% im Jahr keine Seltenheit in den ersten Jahren bis etwa 2007/2008. Es teilten sich auch nur relativ wenige Unternehmen den Markt. Nach Erhebungen des Bilderdienstes fotokasten kannten 2006 viele das Produkt überhaupt noch nicht. Durchbrüche wurden erzielt, indem als Partner für die jungen Fotobuch-Pioniere die etablierten Drogerieketten als Absatzmärkte gewonnen wurden. myphotobok-Gründer David Diallo etwa erzählt, dass für sein Unternehmen Schlecker der wichtigste erste Partner gewesen ist. Für Online-Fotopionier fotokasten war es der Kaffeeröster Tchibo. Mittlerweile hat der Marktführer CEWE insgesamt über 34.000 Handelskunden. Der Branchenriese führte 2005 für das Produkt auch die Marke „Mein CEWE Fotobuch“ ein und brachte es damit noch mehr in die Masse. Schon 2005 hatte man sich vorgenommen, bis 2007 eine Million Bücher im Jahr zu verkaufen und erreichte sogar mehr als dieses Ziel. Zum Vergleich: 2013 waren es 5,8 Millionen.

Echtfotobuch
Echtfotobuch
Schon bald kam das Fotobuch in deutlich mehr Varianten auf den Markt als das Hardcover der Pioniere. Es waren auch Ringbücher, Fotohefte und weitere Varianten unter dem Namen „Fotobuch“ erhältlich. 2008 brachte ein neuer Produkttyp Bewegung in den Fotobuch-Markt: das Echtfotobuch. Es enthält ausbelichtete Abzüge, die Rücken an Rücken verklebt werden. Dadurch entsteht eine flache Bindung, die es ermöglicht, auch doppelseitige formatfüllende Abbildungen ohne Bildverlust in der Mitte zu zeigen.

Das war bis dahin Profi-Fotobüchern vorbehalten, die im kleinen Stil von Manufakturen wie Tetenal hergestellt wurden. Um sie für jedermann preisgünstig verfügbar zu machen, musste ein industrielles Herstellungsverfahren und entsprechende Maschinen erfunden werden. Dies leistete das Schweizer Unternehmen Imaging Solutions. Die Maschinen kamen an und so wurde das Echtfoto-Buch im Lauf der Jahre eine wichtige Ergänzung fast aller großen Fotobuch-Dienstleister. Zur photokina 2012 angekündigt und mittlerweile auch im Massenmarkt erhältlich sind Digitaldruck-Produkte, die dem Echtfotobuch täuschend ähnlich sehen. Modernste Drucktechnik und Spezialpapiere wie E-PHOTO® vom Papierhersteller Felix Schoeller machen es möglich.

FUJIFILM-Fotobuch 3D Rose Composing
FUJIFILM-Fotobuch 3D Rose Composing
Ansonsten bewegte sich im Lauf der Jahre auch bei den verfügbaren Buchgrößen und -ausstattungen viel. Während das erste Fotobuch noch einzig in DIN A4 erhältlich war, haben die meisten Hersteller heute 6 bis 10 Größen im Programm. Auch bei der Ausstattung sind viele Varianten im Lauf der Jahre dazu gekommen. Als Vorstoß in die dritte Dimension stellte FUJIFILM Imaging etwa 2011 das Real 3D Cover vor, bei dem eine Lentikularfolie für einen faszinierenden 3D-Effekt ganz ohne 3D-Brille sorgt.

Aber auch bei Materialien sind mittlerweile nur noch wenige Grenzen gesetzt: Leinen, Leder oder sogar Aluminum und Kork – Was sich denn irgendwie zu einem Umschlag verarbeiten lässt, kann heute als Cover geordert werden. Allerdings dauert das in der Regel länger als die sonst üblichen 2 bis 7 Tage Herstellungszeit.

Kodak
Kodak
Wer seine Werke dagegen fast sofort in den Händen halten möchte, kommt seit 2011 auf seine Kosten: Seitdem bietet Kodak an Sofortdruckstationen in Drogeriemärkten das FotobuchSofort an, das unmittelbar im Markt hergestellt und gebunden wird. Gestaltet werden kann es vorab bequem per Software am heimischen Rechner oder sogar per App von überall aus.

Überhaupt hat sich auf der Software-Seite im Lauf der Jahre viel getan: Als Vereinfachung für die Kunden wurde schon 2005 von den ersten Fotoservices eine Online-Erstellung angeboten. Einige wie PhotoBox setzen sogar bis heute ausschließlich darauf, andere wie PosterXXL bieten inzwischen auch eine Software. Letztere ist nach wie vor beliebt und bekam im Lauf der Jahre immer mehr Möglichkeiten. So sind in vielen Programmen Profi-Funktionen wie etwa eine Verringerung der Deckkraft und das Arbeiten mit Ebenen Standard. Auch werden von einigen Anbietern wie Marktführer CEWE gleich mehrere Betriebssysteme, darunter sogar Linux, unterstützt. Übrigens arbeiten bei CEWE rund 120 Mitarbeiter nur im Bereich Software. Dennoch werden die Programme nach wie vor kostenlos abgegeben.

Cewe-Fotobuch
Cewe-Fotobuch
Mittlerweile werden auch Apps für Mobilgeräte wie das iPad immer populärer. Der Vorstandsvorsitzende von Markführer CEWE mit seiner über 50-jährigen Unternehmensgeschichte, Dr. Rolf Hollander, hält Innovationen wie die eigene App für den Schlüssel zum Erfolg: „Unsere mehrfach ausgezeichnete CEWE FOTOWELT App ist hierbei von zentraler Bedeutung, denn sie sorgt dafür, dass auf mobilen Endgeräten ganz einfach ein hochwertiger und attraktiver Bildband gestaltet werden kann. Außerdem ermöglicht sie seit neuestem auch das Einbinden von Videos in das CEWE FOTOBUCH. Dadurch werden Erinnerungen noch lebhafter festgehalten.“

Kein Wunder, dass das Fotobuch nach wie vor sehr beliebt ist. Nach Erhebungen der Studie „Deutscher Foto- und Imagingmarkt 2013“ wurden im letzten Jahr 7,9 Millionen Bücher in Deutschland abgesetzt und damit rund 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Fotobuch ist damit weiterhin einer der wenigen Bereiche mit starkem Wachstum im Fotomarkt.

Trotz allen Siegeszuges wird das persönliche Fotobuch eine große Herausforderung meistern müssen, um auch in weiteren 25 Jahren zum 200. Geburtstag der Fotografie noch so populär wie heute zu sein: Die Digitalisierung – Die Branchenexperten streiten sich, ob dem gedruckten Buch langfristig das digitale eBook den Rang ablaufen wird – wie es das digitale Bild vorgemacht hat. Die ersten Fotobuch-Dienstleister reagieren und bieten eine digitale Ausgabe zusätzlich zum gedruckten Werk an. Darin können zum Teil multimediale Inhalte wie Töne integriert werden, die im gedruckten Buch nicht untergebracht werden können. Andere Unternehmen wie CEWE und di.Support verbinden das gedruckte Buch und multimediale Inhalte über eingedruckte QR-Codes. Vorstellbar wäre auch, dass elektronisches Papier irgendwann so erschwinglich wird, dass kleine Stücke für multimediale Elemente ins Buch eingeklebt werden oder gar das ganze Buch ein digitales Device ist. Man darf gespannt sein, ob in der Geschichte des Fotobuches ein neues spannendes Kapitel aufgeschlagen wird. Ziemlich sicher dagegen erscheint, dass wir weiterhin Erinnerungen an unsere schönsten Momente konservieren wollen.

Geschichte der Fotografie 07 / 2014

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