Der Bildermarkt Heute - Früher - Morgen

Sichtung
Mit Bildern wird viel Geld verdient. Was wundert, man begegnet ihnen ja auch auf Schritt und Tritt. Ob man es bewusst bemerkt oder nicht. 175 Jahre nach ihrer Erfindung in Frankreich durch Nicéphore Niépce und Louis Jacques Mandé Daguerre hat sich das Medium Fotografie zu einer solchen Dominanz empor gearbeitet, dass es uns schon fast nicht mehr bewusst wird, wie sehr unser Leben von Fotografie begleitet wird, unser Alltag fast schon „fotografie-kontaminiert“ ist. Der Siegeszug der Fotografie ist für uns selbstverständlich geworden.

Wenn wir den Bildermarkt betrachten, dann reden wir hier nicht von Fotokunst oder Privataufnahmen, wir sprechen über kommerziell publizierte Fotografie, nicht nur in den Medien, sondern auch auf Plakaten, Produktverpackungen, Litfasssäulen, in der Print-Werbung, in den Fernsehnachrichten bis hin zu Online-Blogs. Diese Bilder werden in großem Stil produziert und – ähnlich wie Musik-, Buch- oder Filmrechte – in Form von Lizenzen rund um den Globus gereicht. So begegnet uns vielleicht auf einer Schweizer Bon-Bon-Packung ein Foto, das in Seattle, USA, produziert wurde. Gemanagt werden diese Lizenzen – kurz: das Recht, ein fremdes Bild zu nutzen – von Bildagenturen.

Die gibt es in fast allen Ländern dieser Erde, in Deutschland waren es einmal rund 350. Doch von denen dürften vielleicht gerade mal 100 am Markt wirklich bemerkbar sein. Viele davon agieren als Klein- oder Kleinstunternehmen. Und ein Großteil der deutschen und europäischen Agenturen hat Anfang des Jahrtausends den Sprung vom analogen Bildvertrieb hin zum digitalen Bildmarkt und seinen international orientierten Vertriebsschienen einfach nicht geschafft.

Auch, wenn wir uns kaum daran erinnern, uns die Digitalisierung so selbstverständlich geworden ist, die Fotografie und ihre Vermarktung waren noch vor 15 bis 20 Jahren ein weitgehend analoger Prozess. Fotografen nahmen ihre Sujets analog auf, reichten sie als Dias oder Abzüge an ihre Auftraggeber oder an ihre Bildagenturen weiter. Bei den Agenturen wurden Duplikate der Bilder – meist Dias – angefertigt, die dann auf Anfrage hin in Form von Auswahlmappen per Post oder Kurier an die Bildkäufer geliefert wurden. Deren Bildredakteure wählten aus dem Konvolut dann die geeigneten Motive aus. Danach wurden die Bilder wieder verpackt und geruhsam an die Agentur zurück geschickt. Das Bild war nur so schnell wie der Briefträger, die physische Post. Selbst in der Übergangszeit von analog zu digital blieb dies erstaunlicherweise im Bereich der Stock-Fotografie noch lange so: Die Bilder selbst waren längst digital hinterlegt, aber sie wurden zur Vermarktung auf Bild-CDs gebrannt und weiterhin mit der Post ausgeliefert.

Dias
Besondere Regeln galten immer schon für die Pressefotografie. Denn da kam es auf Geschwindigkeit an. Hauseigene angestellte Fotografen wurden direkt zu Terminen geschickt oder sie streiften mit – immer leichter werdenden – Kameras einfach nur umher, auf der freien Suche nach verwendbaren Motiven: Spürnasen, die einen Riecher dafür hatten, was denn irgendwann einmal als Bild gebraucht werden könnte. Denn die Presseverlagshäuser legten natürlich eigene Archive an, auf die sie bei ihren Publikationen zuerst zurückgriffen. Aus Kosten- und aus Zeitgründen.

So waren es auch die Presse- und Nachrichtenagenturen, die den technischen Fortschritt in der Bildübermittlung befeuerten: Bildfunk (Bildtelegrafie) war seit den 30-er des letzten Jahrhunderts im Einsatz, Bildübertragung über die Telefonleitungen, später auch Satellitenübertragungswege sollten das entscheidende Plus an Geschwindigkeit vor dem Drucktermin bringen. Zug um Zug setzte sich dann die Übertragung per Telefon auch jenseits der Presse in anderen Marktbereichen durch. Leonardo per ISDN war lange Zeit – bis um die Jahrtausendwende – der verbreitete Standard.

Die eigentliche digitale Revolution im Bildmarkt war gar nicht die Digitalfotografie selbst, sondern die Revolution der Datenbanken und der Hardware: Speicherkapazität wurde billig! Erst dann wurde die Bildbranche wirklich digital. Fotografen konnten digital fotografieren, der Prozess zur lückenlosen Kette von Bits und Bytes war aber erst dann komplett, als Agentur-Unternehmen ihre Fotos in beliebig hoher Anzahl digital speichern und ausliefern konnten.

Federführend in der „Ökomomisierung“ der digitalen Revolution waren nordamerikanische Agenturen. So sei nur erwähnt, dass der vormalige Weltmarktführer Corbis eine Firma ist, die Microsoft-Gründer Bill Gates persönlich gehört. US-Agenturen leisteten hier regelrecht Entwicklungshilfe, schickten ihren europäischen Partneragenturen Berater und Prozessmanager für die Digitalisierung ins Haus. Denn erst einmal wurden ja die analogen Bildbestände für die digitale Welt gescannt: „Scanning Factories“ boomten, die Datenbanken wollten mit Bildern bestückt werden.

Diese damals errungene Führungsrolle haben die Amerikaner bis heute bewahren können. Die offensivste Stellung auf dem deutschen Markt haben US-Agentur-Multis inne. Jeder denkt sofort an Getty Images und Corbis, aber diese werden längst schon wieder bedrängt von Newcomern – aus dem Microstock-Bereich mit seinen günstigen Low-Budget-Bildern oder gar Foto-Abonnements – wie Shutterstock oder Fotolia. Diese Unternehmen, ihr Bildangebot mit Millionen von Motiven, ihre aggressiven Marketing-Aktivitäten – besonders auch ihre Preise – üben einen enormen Druck auf die alteingesessenen Agenturen aus. Die börsennotierte New Yorker Agentur Shutterstock beispielsweise gibt an, pro Sekunde 3 Bilder über ihre internationalen Webseiten zu verkaufen. Im Moment stellt sich die Globalisierung des Bildmarktes als reine Einbahnstraße dar, zu Lasten der Europäer, auch der Japaner. Über das „Warum“ mag man spekulieren: ein von Grund auf aggressiveres Management, kreativere Köpfe, ein unternehmerfreundlicheres Urheberrecht der Amerikaner, die deutlich leichtere Erreichbarkeit von Risikokapital. Oder einfach alles zusammen.

Online-Bildagentur
Die aktuelle Entwicklung auf dem Bildmarkt zeigt: Die reine Anzahl der zum Verkauf stehenden Fotografien ist in den letzten Jahren enorm explodiert! Gut funktionierende Digitalkameras bereits im Consumer-Bereich, aber auch Smartphone-Fotografie (der neuste Trend auf dem Markt) leiteten eine Entwicklung ein, die einige emphatisch als „Demokratisierung des Bildmarktes“ feiern, andere als „Bilderflut“ verteufeln. Und die massive Auswirkungen auf den Berufsstand des professionellen Fotografen hat, der sich bei der Verwertung seiner Bilder im Stockagentur-Bereich seit längerem schon von Amateurfotografen umringt sieht. Eine ganze Reihe von Agenturen führt mittlerweile mehr als 20 Millionen – bis hin zu 35 Millionen – Bilder im Angebot!

Wo geht es in der Zukunft hin mit dem Bild? Ein wichtiger Trend: hin zum Bewegtbild! Videos – man nennt sie auch Clips oder Footage – werden gerade Online und im Sektor Apps mehr und mehr zum Geschäft über die üblichen Filmmedien hinaus. Nur so am Rande: Einige Bildagenturen lassen Sportereignisse oftmals nicht mehr fotografieren, sondern gleich filmen. Standbilder werden dann als „Fotos“ aus dem Footage-Material „ausgeschnitten“ und in die klassischen Märkte verkauft.

Aber auch Footage bleibt natürlich letztlich nur zweidimensional! Die wirkliche Revolution der Zukunft wären die dreidimensionale Darstellungen, à la Holodecks bei Star Trek. Bilder, in die man selbst hineinläuft. Das hätte vielleicht den Vorteil für die Branche, dass alles auf der Erde und im All wieder neu in 3D aufgenommen und verkauft werden könnte…

Geschichte der Fotografie 06 / 2014

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1 Kommentare

abstrakt

von incemin
19. Juni 2014, 08:35:15 Uhr

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