8 Bilder in 8 Minuten - Der Siegeszug des Fotoautomaten

© Jason Scragz
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Damit sich die Damenwelt vor der eigenen Linse entblättert, muss man kein Star-Aktfotograf sein. Nein, ein Fotoautomat zu sein, reicht aus. Die Intimität hinter dem Vorhang beflügelte schon in der Mitte der 1950-er Jahren so viele, dass im prüden Amerika in den Kaufhäusern der Woolworth-Kette die Vorhänge der Fotokabinen abgenommen wurden, da sich Beschwerden über ungebührliches Verhalten häuften.

Die Geschichte des Fotoautomaten reicht aber viel weiter zurück: Schon 1889 wurde auf der Pariser Weltausstellung von Ernest Enjalbert ein Apparat vorgestellt, der nach Geldeinwurf ein Foto machte und das Ergebnis nach fünf Minuten automatisch bereitstellte. Dabei handelte es sich allerdings noch nicht um ein Papierbild, sondern um eine Ferrotypie – ein Direktpositiv auf einer dünnen Eisenplatte, das eher wie eine Mischung aus Negativ und dunkler Schwarzweiß-Aufnahme aussieht.

Ganz ähnlich, aber schon preisgünstiger und einfacher zu bedienen, funktionierte die deutsche Konkurrenzentwicklung. Der „Bosco-Automat“ des Hamburgers Conrad Bernitt wurde 1890 patentiert und gelangte in kurzer Zeit zu enormer Popularität auf Jahrmärkten, in Vergnügungsparks und in Café-Konzerten. Der Fotoautomaten-Hype drang sogar bis zum Schriftsteller Franz Kafka durch. Er soll 1921 kommentiert haben: „Dieser Lichtbildautomat ist kein multipliziertes Menschenauge, sondern ein phantastisch vereinfachter Fliegenblick.“

Solche Kritik tat der Begeisterung keinen Abbruch. Allerdings war in der Entwicklung hin zum Automaten, wie wir ihn heute kennen, noch eine wesentliche Hürde zu nehmen. Statt der unflexiblen und qualitativ minderwertigen Ferrotypien musste die Direktentwicklung auf Papier ausgetüftelt werden.

Das gelang dem Erfinder des ersten Erfolgsmodells, Anatol Marko Josephewitz, der sich später Anatol Josepho nannte. Möglicherweise hatte er die ersten Ideen sogar in einem Fotostudio in Berlin. Dorthin hatte es den 15-jährigen 1909 von Sibieren aus verschlagen, weil er die Welt kennenlernen wollte. Er begann dieses Unterfangen damit, sich in die Kunst der Fotografie einweisen zu lassen und war damit so erfolgreich, dass er schon als 27-Jähriger ein florierendes eignes Fotostudio unter seinem Namen betrieb. Da war er schon lange nicht mehr in Berlin, sondern über eine Zwischenstation in Budapest in Shanghai gelandet. Nach seinen eigenen Aussagen entwickelte er dort die ersten Skizzen für den von ihm „Photomaton“ genannten Fotoautomaten.

Wirklichkeit wurde die Idee aber in Amerika, das den gern gebrauchten Beinamen „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ für Josepho wahr machte. Dort trieb er nämlich das nötige Startkapital von 11.000 Dollar bei Verwandten und Freunden auf. Die Summe, die uns heute nicht besonders hoch erscheint, war damals ein enormer Wert. Für nur 2.000 Dollar bekam man ein ganzes Haus. Mit dem Geld baute er den ersten Automaten. Dieser wies schon alle wesentlichen Elemente des Fotoautomaten auf, wie wir ihn bis heute kennen: Er verfügte neben der Kamera auch über Blitze und wurde per Selbstauslöser in Gang gesetzt. Als wesentliches Detail, das sich über Jahrzehnte halten sollte, waren die Bilder auch schon Direktpositive, d.h. es gab kein Negativ. Statt der heute üblichen vier Bilder wurden meist sechs oder acht Mini-Aufnahmen ausgeworfen.

Josepho stellte seinen Photomaton in einem Studio am Broadway auf. Er vergaß nicht, sich seine Idee auch patentieren zu lassen. Das sollte sich später auszahlen, denn der Photomaton wurde ein Riesenerfolg: Schon kurz nach der Eröffnung standen täglich bis zu 7.500 Menschen Schlange vor dem Studio, um für 25 Cent einen Filmstreifen mit 8 Aufnahmen zu bekommen. Die Times schrieb, dass sich nach einem halben Jahr insgesamt 280.000 hatten ablichten lassen. Auch prominente Besucher wie der New Yorker Gouverneur waren darunter.

Die Fotoautomaten waren so erfolgreich, dass sich 1927 ein Konsortium unter Federführung von Henry Morgenthau Sr. und mit so prominenten Mitgliedern wie dem späteren Präsidenten Franklin D. Roosevelt zusammenfand, das Jospeho die Nutzungsrechte in Amerika für 1 Million Dollar abkaufte. Davon verteilte der kreative Erfinder übrigens gleich einen Teil an die Armen der Stadt. Das brachte ihm jedoch weniger Dank ein als den Verdacht, ein Sozialist zu sein.

Der nächste Baustein für die weiterhin schwunghafte Entwicklung des Fotoautomaten war der Verkauf der Nutzungsrechte für Europa an ein britisch-französisches Konsortium. Die Automaten hielten daraufhin noch weiträumiger Einzug in die Kaufhäuser, Spielhallen sowie Freizeitparks und ermöglichten auch Geringverdienenden, die sich den Gang zum Fotografen oder eine eigene Kamera nicht leisten konnten, zum eigenen Bild zu kommen. Dabei reichte das Spektrum von Familienbildern bis hin zum Spaßfoto. Aber nicht nur für das Alltagsfoto war die Knipskiste interessant: Auch die Kunstwelt ließ sich von dem Apparat beflügeln. Schon die Surrealisten ließen sich von den selbst inszenierten Automatenbildern inspirieren und zeigten sich auf dem Cover der Dezember-Ausgabe 1929 ihrer Zeitschrift „La Révolution surréaliste“ mit entsprechenden Selbstporträts. Auch Andy Warhol liebte die Ästhetik und schickte einige seiner Kunden in Shopping-Malls, um dort im Fotoautomaten Vorlagen für seine Gemälde zu schießen. In seinem „Factory“ genannten Atelier stand ebenfalls eine Zeitlang eine Fotobox. Auch zahlreiche weitere Künstler ließen sich von der Knipskiste inspirieren. Im Kunst Haus Wien wurde 2013 gar eine ganze Ausstellung rund um Fotoautomaten-Kunst gezeigt. Auch in den Film schaffte es der populäre Automat. Fred Astaire legte im Streifen „The Band Wagon“ gar eine Tanzszene in einem Photomatic hin, bei der die Blitze im Takt an und aus gingen.

Nun könnte man denken, dass der Siegeszug in dem Moment aufhören würde, in dem Kameras so günstig wurden, dass jeder sie sich leisten und zu Hause selbst Fotos anfertigen konnte. Doch mitnichten: Immer noch hatte der Fotoautomat den Vorteil der sofortigen Verfügbarkeit der Bilder. Interessanterweise starb er jedoch selbst nach Erfindung der Sofortbildkamera nicht aus. Es wurden neue Einsatzfelder wie etwa Verbrecheraufnahmen bei der Polizei erprobt. Nach wie vor machen sich Fotoautomaten auch seit Jahrzehnten in Behörden für Passbildaufnahmen nützlich. Interessanterweise konnte ihnen nicht einmal die Digitalfotografie den Todesstoß versetzen.

Ganz im Gegenteil erleben im Rahmen der Retro-Welle gerade die historischen Automaten in den letzten Jahren eine Renaissance in Europa. Man findet sie in den Großstädten wieder im Straßenbild. In Berlin, Hamburg, Wien und gar Florenz stehen die altmodischen „Photoautomat“ genannten analogen Geräte in Szene-Vierteln wie dem Prenzlauer Berg und bieten für 2 Euro traditionelle Schwarzweißbilder. Sie ernähren gar mittlerweile die kleine Firma Kretschmann/Doenst GbR mit ihren beiden Gründern. In Bahnhöfen und Vergnügungsparks stehen ihre digitalen Verwandten und ermöglichen auch im Zeitalter des Handy-Selfies vom biometrischen Passbild bis zur schnellen Erinnerung an gemeinsame Momente immer noch das sofortige Papierbild.

In anderen Ländern wie Japan hat sich eine modernere Variante namens Purikura entwickelt. Dabei stehen der Spaß und das Verkleiden im Vordergrund. Dazu passt, dass sogar bis zu zehn Personen in einer Kabine Platz finden und oft umfangreiche Verkleidungs-Accessoires zur Verfügung stehen. Darüber hinaus können die Bilder in einer Nachbarkabine anschließend noch nachbearbeitet werden.

Wie in Japan steht auch hierzulande der Spaß bei einem weiteren Fotoautomaten-Trend im Vordergrund: Als Party-Gag hält der nun trendy „Photobooth“ genannte automatische Knipser Einzug in Hochzeiten oder andere Events (siehe dazu auch unseren Beitrag). Und wie zu den Anfangstagen wundert man sich, zu welchen Posen die Intimität hinter dem Vorhang die Abgebildeten verleitet, wie uns ein Photobooth-Betreiber verriet. Die Magie der Automaten-Fotografie übt also – wider jeder Erwartung – nach wie vor ihren Reiz aus und scheint nicht aussterben zu wollen. Wir sind gespannt, was wir zum 200. Geburtstag der Fotografie Neues berichten werden können.

Geschichte der Fotografie 10 / 2014

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