Museen - Die Eroberung der heiligen Hallen

Ausstellung „Richard Avedon. Wandbilder und Porträts“, die noch bis 9. November im Museum Brandhorst zu sehen ist. Bildgalerie betrachten Ausstellung „Richard Avedon. Wandbilder und Porträts“, die noch bis 9. November im Museum Brandhorst zu sehen ist.

Lange Zeit hatte es die Fotografie innerhalb der bildenden Künste schwer, sich gegen Malerei und Bildhauerei durchzusetzen und ihren Platz in den heiligen Hallen der Museen zu finden. Heute bestehen nirgendwo mehr Zweifel, dass es in der Fotografie nicht nur um das Abbild der Wirklichkeit geht. Fotoausstellungen bringen den Museen teilweise Publikumsrekorde, und in Auktionen, einer Messlatte der Wertigkeit von Kunst, erreichen Einzelbilder und Sammlungen gigantische Erlöse. Allerdings gab es auch Vorkämpfer unter den Museen, die schon in Frühzeiten der Fotografie Kunstwerke vorstellten, die mit dem neuen Medium entstanden waren.

So war es nur wenige Jahre nach der Geburtsstunde der Fotografie 1839 in Paris, dass man im Städel Museum in Frankfurt am Main als erstes Kunstmuseum weltweit Fotografien ausstellte. Diese Pioniertat feiert das Museum noch bis zum 5. Oktober 2014 mit der Ausstellung „Lichtbilder. Fotografie im Städel Museum von den Anfängen bis 1960“. „Über die erste Fotoausstellung 1845 ist nicht viel bekannt. Vermutlich ging die Präsentation auf einen guten Kontakt zwischen dem Fotografen Sigismund Gerothwohl und dem damaligen Direktor des Städel Museums zurück, der den grafischen Künsten sehr offen gegenüberstand“, berichtet Dr. Felix Krämer, einer der beiden Kuratoren der aktuellen Ausstellung im Städel Museum, „von Gerothwohls Porträt-Ausstellung wissen wir über eine Zeitungsanzeige, die damals erschien. Auch über die weiteren dann in loser Folge stattfindenden Foto-Ausstellungen informieren uns vor allem Zeitungsinserate. Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand handelte es sich bei der Präsentation von 1845 um die erste Fotoausstellung in einem Kunstmuseum überhaupt. Seit der Wiedereröffnung des Städel Museums vor zwei Jahren hat die Fotografie erneut einen festen Platz in der Sammlung. Dieses zeigt sich nicht nur an den getätigten Erwerbungen, sondern auch in der Sammlungspräsentation, in der Malerei, Skulptur und Fotografie gleichberechtigt nebeneinander gezeigt werden.“

Ein verlorener Schatz

Nur ein vorübergehendes Gastspiel war der Fotografie in den Münchner Museen im 19. Jahrhundert gegönnt. So ließ König Ludwig I von Bayern 1867 in der Neuen Pinakothek, dem vier Jahrzehnte zuvor eröffneten weltweit ersten Museumsgebäude für zeitgenössische Kunst, den Vedutensaal einrichten, den neben Ölskizzen hunderte Fotografien mit Motiven aus Italien und Griechenland schmückten. Nur ein 1867 gedrucktes Verzeichnis ist Beweis für diese Ausstellung, denn diese frühen Fotografien sind leider alle verloren gegangen und ihr Verbleib ist bis heute ungeklärt.

Bedeutung als musealer Standort für Fotografieausstellungen haben die Münchner Pinakotheken erst in den letzten zwölf Jahren erreicht, seit die Pinakothek der Moderne eröffnet wurde, in der die Sammlung Moderne Kunst sich auch um Neue Medien wie Fotografie und Video kümmert. Zwar hatte man auch schon in den 1990-er Jahren vereinzelt Fotografie ausgestellt, wie unter anderem von Jeff Wall, aber ihren festen Platz im Münchner Kunstareal eroberte man sich unter anderem durch die Übergabe der Fotosammlung des Siemens Arts Program als Dauerleihgabe an die Sammlung Moderne Kunst. Heute hat sich das Kunstareal mit den Pinakotheken und dem Museum Brandhorst einen wichtigen Platz in Sachen Fotografie erobert. Dies beweist unter anderem die großartige Ausstellung „Richard Avedon – „Wandbilder und Porträts“, die noch bis 9. November 2014 im Museum Brandhorst zu bewundern ist. Im dazu erschienenen Katalog heißt es zu dem berühmten Mode- und Porträtfotografen: „Die bahnbrechende Art, in der dieser seine Fotos präsentierte, sollte eine wesentliche Rolle für die Akzeptanz des Mediums als eine der schönen Künste spielen. Die Vernissage der Ausstellung, die mit zwanzig bereits im Vorfeld erschienenen Artikeln, Vorbesprechungen und Rezensionen willkommen geheißen wurde, zog dreitausend Besucher, unter ihnen auch Andy Warhol, an.“ Bei der Vernissage handelte es sich nicht um die eines Museums, sondern um die angesehene Marlborough Galerie in New York, die Mitte der 1970-er Jahre beschlossen hatte, Fotografie in ihr Angebot auf zu nehmen und im Herbst 1975 als ersten Fotografen Avedon ausstellte.

Riesige Bildbestände

Der gewaltige Fundus an 850.000 Fotografien machte das 1963 in München eröffnete Fotomuseum (heute Sammlung Fotografie) zu den führenden fotografischen Sammlungen in Europa. Der Schwerpunkt der dort ausgestellten Bilder liegt im Zeitraum bis 1980 und wird durch Werke der zeitgenössischen Fotografie ständig erweitert. Durch den Ankauf der Sammlung des Fotografen und jüdischen Emigranten Josef Breitenbach kamen 1977 über 600 Originale international bekannter Fotografen von Berenice Abbott über Robert Capa oder André Kertesz an das Haus, die das Herzstück der heutigen Bildbestände sind.

Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts sammelt und präsentiert das MKG, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, als eines der ersten deutschen Museen fotografische Arbeiten. Die Sammlung umfasst heute weit über 75.000 Werke. In einer Zeit, als die Fotografie längst noch nicht den Stellenwert einer eigenständigen Kunstform besaß, sondern als reines Dokumentationsmittel galt, erkannte man im MKG die Bedeutung des neuen Mediums und begründete eine stetig wachsende Kollektion von Objekt- und Architekturfotografien. Heute reicht die Bandbreite von der Mode- und Sachfotografie über den Bildjournalismus bis hin zur freien künstlerischen Fotografie.

Von Reisebildern bis zur Family of Man

Vor allen die Reisefotografie war es, die es schon früh schaffte, sich Raum in Museen zu erobern und damit die Sehnsucht, fremde Länder, Menschen und Gebräuche kennen zu lernen, stillte. Zu den Pionieren der Reisefotografie gehörten zum Beispiel die Geschwister Reiss, die von ihren Exkursionen nach Syrien, den Libanon, Arabien, Ägypten und vielen anderen Ländern in der Mitte des 19. Jahrhunderts unzählige Aufnahmen mitbrachten. Der Bestand aus rund 4.000 Albuminpapierabzügen sowohl von Reisebildern als auch ethnografischen Fotografien gehört zu den historischen Sammlungen der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim.

Kunstgeschichte durch die Präsentation im berühmten Moma, Museum of Modern Art, in New York schrieb 1955 „The Family of Man“ in der Fotografien gezeigt wurden, die in ihrer Gesamtheit die Menschheit umfassend abbilden sollte. Die Ausstellung ging anschließend mit großem Erfolg auf Welttournee.

Wiege der Fotografie

Dass sich in Paris, der Wiege der Fotografie, schon seit langer Zeit große Museen mit herausragenden Ausstellungen um die Fotografie verdient gemacht haben, verwundert nicht. So ist das 1861 erbaute Jeu de Paume, ursprünglich seinem Namen, der ein Ballspiel bezeichnet, gewidmet, seit 1909 ein Ort der Kunst. Das Ausstellungsgeschehen dreht sich um zeitgenössische Fotografie und Videokunst. Das Maison Européenne de la Photographie gibt seit seiner Eröffnung im Jahre 1996 den Werken berühmter Fotokünstler Platz. Auch viele andere Museen der Stadt an der Seine haben die Fotokunst in ihr Ausstellungsprogramm integriert. Um das künstlerische Lebenswerk einer der Großen seiner Zunft kümmert sich die Fondation Henri Cartier-Bresson, die 2003 noch zu Lebzeiten des Fotografen von ihm, seiner Lebensgefährtin der Magnum-Fotografin Martine Franck und deren Tochter gegründet wurde.

Der künstlerische Anspruch der Fotografie fand unter anderem auch seinen Ausdruck darin, dass der experimentellen Fantasie so gut wie keine Grenzen gesetzt waren. War der Weg zur vollen Anerkenntnis als eigene künstlerische Ausdrucksform für die Fotografie oft holperig, so hat sie inzwischen landauf und landab ihren festen Platz in den Museen gefunden. Speziell auf das wichtigste Bildmedium unserer Zeit haben sich auch Museen gegründet, in denen ausschließlich Fotografie und Videoarbeiten gezeigt werden. Dazu gehört das Museum für Photographie Braunschweig, das 1984 gegründet wurde und internationale zeitgenössische Fotografie und wichtige fotografische Positionen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts präsentiert.

Fotografie im Kunstmuseum

Eine eigene Ausstellung widmete das Museum Ludwig in Köln dem Thema „Das Museum der Fotografie. Eine Revision“, mit Beständen aus der Sammlung Erich Stenger, die noch bis 16. November 2014 läuft. Der Sammler Erich Stenger (1878-1958) betrachtete Fotografie nicht als Kunst, sondern als Beleg einer Technik. Er plädierte schon früh für ein (Technik-)Museum der Fotografie und sammelte in diesem Sinne von den Vorläufern der Fotografie bis zu ihren zahlreichen Anwendungsgebieten in den 1950-er Jahren. Das reichte von der Landschaftsfotografie des 19. Jahrhunderts bis zu preisgekrönten Tierbildern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Stengers Sammlung wurde 1955 von der Firma Agfa-Gevaert AG übernommen und mit zahlreichen Fotografien, wie unter anderem 300 Porträts von Hugo Erfurth, ergänzt. Unter dem Namen Agfa Foto-Historama ist der Bestand heute Teil der Fotografischen Sammlung des Museum Ludwig, also eines Kunstmuseums. Im Museum Ludwig hat man unter verschiedenen Aspekten schon großartigen Ausstellungen wie „Silber und Salz“ 1988 oder „An den süßen Ufern Asiens“ 1989 gezeigt. Grundstein der heutigen Fotografischen Sammlung im Museum Ludwig war der 1976 getätigte Ankauf von Werken der Sammlung L. Fritz Gruber.

Hat sich das Medium Fotografie inzwischen einen gleichwertigen Platz unter den Künsten erobert? „Für mich steht vollkommen außer Frage, dass ein Foto genau wie ein Gemälde, eine Zeichnung oder auch eine Videoarbeit ein Kunstwerk sein kann. Unverständlich ist, warum ausgerechnet die Fotografie bis heute unter einem konstanten Rechtfertigungsdruck steht. Ich bin aber davon überzeugt, dass solche Auseinandersetzungen der Vergangenheit angehören“, meint Dr. Felix Krämer, seit 2008 Leiter der Sammlung Kunst der Moderne im Frankfurter Städel Museum, der die Stellung der Fotografie im Museumsgeschehen positiv sieht. „Erfreulicherweise hat sie eine immer wichtigere Stellung. Über Kunstgeschichte zu sprechen, ohne aber auf die Bedeutung der Fotografie einzugehen, ist für mich kaum vorstellbar. Dann könnte man auch Skulptur weglassen – eine ähnlich absurde Vorstellung.“

Auch, wenn die meisten Museen erst in den letzten Jahrzehnten die Fotografie für sich als eigenständiges Medium akzeptiert haben, findet sich, dank der gestifteten oder angekauften Sammlungen und Nachlässe, ein breites Spektrum an Werken der 175-jährigen Geschichte der Fotografie in ihrer Obhut. Aber man präsentiert auch weltweit aktuelle Fotografie als künstlerisches Medium, deren Ausdrucksformen sich in ihrer Vielfalt mit jeder anderen Kunstform vergleichen lassen.

Geschichte der Fotografie 09 / 2014

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden