Datenbrillen - Nur ein Hype oder die Zukunft der Kommunikation?

Panasonic Neymars Eye A500
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Unterwegs durch die Brille gesehen und immer mit Daten versorgt, eine in die Brille integrierte Kamera jederzeit zur Aufnahme bereit, Ausflüge zu Sportereignissen bequem vom Wohnzimmersessel aus, Rundfahrten durch Produktionsstätten mit 360°-Perspektive, ohne vor Ort zu sein, fotorealistisch erleben, wie das zukünftige Eigenheim mit Gärten und Bäumen, das nur als Computeranimation besteht, aussieht – nur einige von vielen virtuellen Erlebnissen, wie sie lange Zeit nur als Science Fiction vorstellbar schienen und wie sie heute immer mehr das moderne Leben erobern sollen. „Die Verbindung von Mensch und Computer hat Datenbrillen und Wearables – kleine, am Körper als Armbanduhr oder Anstecker getragene Geräte – als Zukunftsmarkt eröffnet“, so Christoph Thomas, Vorsitzender des Photoindustrie-Verbandes. „Eins ist jetzt schon sicher“, so Thomas weiter, „die Datenbrillen werden die visuelle Kommunikation mit Bildern weiter revolutionieren. Wir stehen am Anfang eines neuen Zeitabschnitts, der auch auf der photokina 2014, die vom 16. bis 21. September in Köln ihre Tore öffnet, erlebbar ist.“ Der gesamte Bereich der „Wearable Technologies“ stellt dementsprechend einen bedeutenden Wachstumsmarkt dar. IDC geht für 2014 von einer weltweiten Marktgröße von 19,2 Milliarden US Dollar aus, die in 2018 auf 112 Milliarden US-Dollar prognostiziert wird. Einen Großteil des Umsatzes werden dabei die mit Kameras ausgestatteten Geräte ausmachen.

Zahlreiche innovative Visualisierungsmöglichkeiten über portable Multimediabrillen beschäftigen sich laut Photoindustrie-Verband mit der Verbindung von Mensch und Computer. Authentisch und realitätsnah lassen sich zum Beispiel künftige Bauvorhaben durch 3D-Multimediabrillen in Verbindung mit speziellen Softwares erkunden. So können unter anderem Architekten Pläne und Entwürfe nicht nur, wie bisher, am Monitor erleben, sondern in 3D-Technologie vermitteln. Der Träger der Brille kann dabei seine Perspektive frei wählen und sich nach Belieben über simple Kopfbewegungen intuitiv umschauen. Verbunden mit PC, Notebook oder Tablet versprechen die Multimediabrillen vor allem Jugendlichen ein besonders vergnügliches Spieleerlebnis.

Dem Hype um Datenbrillen ist vor kurzem auch der Facebook-Boss Mark Zuckerberg erlegen und hat sein Reich mit dem Kauf des Videobrillen-Herrstellers Oculus für 2,3 Milliarden vergrößert. „Ein bisschen Erstaunen bleibt schon, da das aufgekaufte Unternehmen erst zwei Jahre alt ist und noch kein marktfertiges Produkt zu bieten hat“, so Christoph Thomas. Aber der erfolgreiche Mr. Zuckerberg glaubt an die große Zukunft der Datenbrillen und meint, dass die Brillen die Arbeit und Kommunikation so revolutionieren werden, wie es in den 1970-er Jahren die Computer getan haben.

Zeiss cinemizer OLED Multimedie-Brille: Spielen – auch in 3D
Zeiss cinemizer OLED Multimedie-Brille: Spielen – auch in 3D
Auf den Zukunftszug „Virtuelle Realität“ sind auch schon einige Firmen aus der Imagingbranche aufgesprungen, zu denen an vorderster Front Epson, Zeiss und Sony gehören, ob es sich um die Datenbrille Cinemizer handelt, mit der Zeiss einige interessante Visualisierungsmöglichkeiten vorstellte, die Sony-Entwicklung einer Brille für die Playstation 4 oder Epson mit der Multimedia-Brille Epson Moverio BT-200. Mit der halbtransparenten Brille können HD- und 3D-Inhalte sowohl unterwegs als auch Zuhause betrachtet werden. Tragbare Technologie lautet die Devise. Entwicklern von Apps bietet die transparente und binokulare Brille die besten Voraussetzungen, zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten für „Augmented Reality“ zu erschließen. Die Funktionen der neuen Moverio sind vielfältig. Mithilfe der integrierten Sensortechnologie einschließlich Kamera, GPS-System, Kompass und Beschleunigungsmesser erkennt die Brille zum Beispiel die Bewegungen des Nutzers.

SmartWatch 2 Xperia Z1
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Auf großes Interesse stieß weltweit die Ankündigung der Datenbrille Google Glass, ein Zauberwerk der Miniaturisierung, das aber schon im Vorfeld für heftige Diskussionen sorgte und an dessen Zukunft so mancher zweifelt. Die Zukunft von Google Glass scheint nicht ganz unproblematisch. Laut einer kürzlichen Nachricht auf Spiegel online ist das Tragen der Datenbrille in manchen Lokalen im Silicon Valley verboten und in San Francisco soll es zwischen Glass-Träger und Nicht-Trägern schon fast zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Der Minicomputer mit einer Kamera kann eben auch als sehr aufdringlich empfunden werden. Man setzt bei Google aber nicht nur auf die Datenbrille, sondern hat vor kurzem ein Betriebssystem, genannt Android Wear für Wearables vorgestellt, das sich per Touchscreen und mit Sprachbefehlen steuern lässt. Wenn Google sich bei der Ankündigung auch ausschließlich mit Smartwatches vorstellte, soll es künftig auch sonstige kleine am Körper zu tragende Geräte geben. Schon im Sommer wollen LG und Motorola Smartwatches mit Android Wear auf den Markt bringen.

Anwendungszenario: Die interaktive OLED-Datenbrille unterstützt Fachkräfte bei ihrer Arbeit mit Zusatzinformationen. © Fraunhofer COMEDD
Anwendungszenario: Die interaktive OLED-Datenbrille unterstützt Fachkräfte bei ihrer Arbeit mit Zusatzinformationen.
© Fraunhofer COMEDD
„Es sind aber keineswegs nur Firmen aus der Imaging- und Computerwelt, die mit den Entwicklungen rund um Datenbrillen den Zug des Fortschritts nicht verpassen wollen“, so Christoph Thomas. Auch bedeutende Forschungsinstitute, wie das deutsche Fraunhofer Institut, haben erkannt, dass die Datenbrillen in vielen Bereichen von großem Nutzen sein können. Eine blickgesteuerte, interaktive Datenbrille mit OLED-Mikrodisplays hat das Fraunhofer Institut entwickelt. Anders als Google Glass projiziert die Fraunhofer-Brille ein Display direkt über das Sichtfeld: So werden digitale Informationen über die vom Nutzer betrachtete reale Welt eingeblendet. Die Steuerung erfolgt ausschließlich über die Augen: Die im Bildschirm integrierten Kamerasensoren registrieren die Bewegungen der Augäpfel. Vor allem eignet sich die Fraunhofer-Brille für Arbeiten, die freihändig durchgeführt werden müssen – wie in der Medizin oder als Unterstützung bei Montagearbeiten – und bei denen gleichzeitig Informationen benötigt werden.

Ständig taten und tun sich rund um die Datenbrille neue Anwendungen auf: So arbeiten die Mercedes Autoentwickler an Möglichkeiten, Google Glass oder Wearables in Fahrzeuge zu integrieren, um mit dieser Brille den Fahrer mit Informationen zu versorgen. Der koreanische Autohersteller Hyundai hat schon angekündigt, seinen Genesis 2015 mit Google Glassware-App zu liefern, mit der dann beispielsweise die Türen entriegelt werden können. Außerdem sollen die Brillen den Fahrer zurück zu seinem Auto führen können, in großen Parkhäusern oder fremden Städten sicher eine praktische Funktion.

Noch steckt die Entwicklung der Datenbrillen in den Kinderschuhen. Meist ziemlich klobige Geräte werden mögliche Nutzer nicht unbedingt dazu bewegen, mit ihnen doch sehr auffällig unterwegs zu sein, wobei das Epson-Modell schon recht elegant ist, aber eben eine zusätzliche Steuereinheit hat. Könnten Datenbrillen zur Immer-Mit-Dabei-Kamera werden wie es heute die Smartphones sind? Nichts ist unmöglich, der Weg zur Massentauglichkeit würde sicher einfacher sein, wenn sie auch die anderen Funktionen der Smartphones übernehmen könnten, denn noch ein Gerät mit sich zu führen, wird viele Nutzer möglicherweise abschrecken.

Es ist nicht neu, dass aktuelle Entwicklungen Unsicherheit hervorrufen können. Wie soll man dazu stehen, welche positiven Auswirkungen können sie haben, aber auch welche Gefahren lauern hinter Anwendungen und Möglichkeiten, die sich im Vorfeld oft nicht einschätzen lassen? Aber so ist es mit dem Fortschritt und Innovationen: Was er uns in Zukunft bescheren wird, lässt sich schwer voraussagen und Prognosen über ihre Bedeutung in der Welt von morgen tragen stets auch viele Ungewissheiten in sich.

photokina 07 / 2014

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