Malte Clavin - Bilder sind wie Schlüssel

Wir sind auf den GEO-Fotografen Malte Clavin durch seine Bildserie Burma und seine Fotoreise „Foto-Expedition ins magische Burma/Myanmar“ aufmerksam geworden. Seine Fotoserie mit den eindrucksvollen und in den Bann ziehenden Aufnahmen hat uns nachfragen lassen.

Was fasziniert Sie an der Fotografie?

© Malte Clavin
© Malte Clavin; Mrauk-U: Novizen vertreiben sich am späten Nachmittag die Zeit mit Chinlon, eine Mischung aus Fussball und Volleyball. Ein Knäuel aus Lumpen dient ihn als Ballersatz.
Bilder sind wie Schlüssel. Sie öffnen etwas Verborgenes. Wie ein Schlüssel eine Tür öffnet, so öffnen Fotografien, wenn ich sie selbst gemacht habe, die Erinnerung an einen besonderen Moment – und die damit verbundenen Gefühle. Fotografie lässt mich sehr lebendig fühlen. Wenn ich jetzt noch weiter gehe, letztlich eine Bestätigung für „Ja, ich habe gelebt“ bzw. „ich lebe“. Wenn ich die Bilder nicht selbst gemacht habe – öffnen Fotografien – wenn sie denn gut gemacht sind – eine neue, fremde Welt, die unmittelbar und direkt wirkt. Ein amerikanischer Kollege hat mal von „the magic bullet“ gesprochen, das „magische Geschoß“, das direkt ins Hirn geht. Genau so wirken gute Bilder auf mich.

Am Fotografieren selbst reizt mich immer wieder die Selbstüberwindung. Ein Beispiel: Wenn ich auf Reisen ein faszinierendes Gesicht erblicke, dann spüre ich einen unmittelbaren, frischen und echten Impuls, der mir signalisiert „Toll! Du musst ein Bild machen“. So entsteht zunächst ein ‚inneres Bild‘, wie es einst eine meiner Fotoreise-Teilnehmerinnen genannt hat. Aus diesem ‚inneren Bild‘ dann ein echtes Bild zu machen, das ist die Herausforderung. Ganz schnell schaltet sich nämlich nach dem ersten Impuls die rationale Fliegenpatsche ein. Die haut dann alles tot, in dem sie sagt „Ach, der will sich bestimmt nicht fotografieren lassen.“, „Es ist schon spät“ oder „Das ist zu gefährlich“. So nähere ich mich dann schrittweise an – und wenn am Ende das Bild im Kasten ist – und es dem Porträtierten gut geht damit -, dann ist das ein großartiges Gefühl – und ich durfte wieder ein Stück wachsen.

Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?

© Malte Clavin
© Malte Clavin; Tief im Goldenen Dreieck. Die Lahu leben ohne Strom und fließend Wasser. Niemand von ihnen kann lesen oder schreiben, es ist eine rein phonetische Gesellschaft. Als Wanderbauern leben die Lahu überwiegend von Kartoffeln, Reis und Soja. Wenn nach ein paar Jahren Anbau die Böden ausgelaugt sind, packen sie ihr Dorf ein und ziehen weiter in eine fruchtbare Region. Jetzt ist Trockenzeit. Jagdzeit! Häuptling Li Dohh präpariert seine uralte Schwarzpulverflinte für die Wildschweinhatz.
Nach einer erfolglosen Episode als freier Fotograf und Fotoassi habe ich meine gesamte Ausrüstung verkauft. Das ist über 20 Jahre her. In 2005 dann bin ich erstmals mit meiner Familie nach Burma gereist. Hier bin ich von einem positiven Virus befallen worden, ein guter Geist – im wahrsten Sinne ‚Inspiration‘ – ist in mich hineingekrochen – und der hat mich viele Bilder machen lassen. Nach vier Wochen haben wir das Land verlassen – aber das Land uns nicht, es hat sich heimlich eingeschmuggelt in unsere Seelen, besonders in meine. Und das ließ mir keine Ruhe. Über Monate kämpfte der Kreativ-Malte, der Fotograf, gegen den Sicherheits-Malte, den Kaufmann, Familienvater und Versorger. Bis dann meine Frau sagte: „Jetzt fahr’ doch noch mal hin, aber allein. Und nicht länger als 4 Wochen“. Das klang gut. 4 Wochen Fotograf spielen. 4 Wochen für seinen Traumjob investieren, ohne alles andere aufzugeben. Das ist doch ein tolles Investment. So bin ich dann zurück – und habe mich einen Monat ‚ausfotografiert‘, habe mir konkret vorgestellt „Du bist jetzt GEO-Fotograf“. Tatsächlich sind meine Bildern Monate später über Umwege bei GEO gelandet – und dann konnte ich meine erste GEO-Geschichte realisieren, die tatsächlich heute noch online ist (www.geo.de/burma). Das war für mich wie ein Ritterschlag – und gab mir viel Mut für weitere Unternehmungen.

Sie sagen: Nach einer erfolglosen Episode als freier Fotograf und Fotoassi habe ich meine gesamte Ausrüstung verkauft. Das ist über 20 Jahre her. Wie war die Zeit so ganz ohne Kamera für Sie und bedauern Sie den Schritt, Ihre Kamera verkauft zu haben? Haben Sie auch privat für sich in der Zeit nicht fotografiert? Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Fotografen zu ihren Kameras eine sehr innige Beziehung aufbauen und für sie ein Verkauf nicht in Frage kommt, da man so viel Erlebtes damit verbindet.

© Malte Clavin
© Malte Clavin; Morgennebel liegt über dem Pagodenfeld von Mrauk-U. Nur langsam erwacht der Tag. Viele Menschen leben noch zwischen den Tempeln aus dem 16. Jahrhundert.
Ich habe damals die Flinte ins Korn geschmissen, weil ich am Ende meiner Energie war. Ich hatte keinen Biss, zu wenig Mut, es weiter zu machen, dranzubleiben. In den darauffolgenden Jahren habe ich geknipst, da war nichts Bemerkenswertes dabei. Und richtig vermisst habe ich auch nichts, denn durch andere Jobs war ich permanent damit beschäftigt, die Zeit auszufüllen. Da war einfach kein Freiraum für Bilder – ich wollte die erfolglose Vergangenheit einfach ausblenden, das ist eine ganz menschliche Sache.

Mit meinen Kameras führe ich eher eine sehr sachliche, professionelle Beziehung (schmunzel!), ich behandele sie gut – und im Gegenzug geben sie mir die Verlässlichkeit und – und das wars. Ich bin kein Freund dinglicher Anhaftung. Sonst besitzen die Dinge eines Tages Dich – und nicht Du sie. Die innige Beziehung besteht bei mir mit den Bildern, die alte Situationen bzw. Episoden ‚aufschließen‘ – über diese Bilder kann ich wieder die Erlebnisse abrufen, noch einmal durchleben – und, ja, mich sehr lebendig fühlen! All diese Erlebnisse zusammenaddiert ergeben – meine Frau und ich nennen das – ein seelisches Bankkonto, auf das jede Reise, jedes gute Bild einzahlt. Das ‚verzinst‘ sich ganz automatisch. Ich trage es immer bei mir. Am Ende vieler Reisen ist zwar weniger Geld da als am Anfang, aber wir sind trotzdem viel vermögender. Wir fühlen Sicherheit, Gelassenheit und Mut wie nie zuvor.

Wo sehen Sie die größten fotografischen Herausforderungen für sich?

An Fantasie mangelt es nicht. Die größten Herausforderungen liegen nicht da draußen … im Dschungel oder im abgelegenen Hochland Burmas … es geht immer wieder um Selbstüberwindung und die Frage „Mach’ ich das oder nicht?“. Im Laufe der Zeit bin ich zwar mutiger geworden … aber da bin ich immer noch auf dem Weg. Und das wird bis an mein Lebensende so bleiben. Au weia, nach so etwas Theatralischem mal schnell zurück zu was Konkretem: Im Sommer starte ich in Sri Lanka ein langangelegtes Projekt, in dem es um „Begegnungen“ geht – mehr darf ich noch nicht verraten. In 2015 schließt sich dazu eine mehrmonatige Reise an, auf der ich größtenteils meine Familie dabei habe.

Wie gelangt man zu solch stimmungsvollen Aufnahmen, die einen in den Bann ziehen?

© Malte Clavin
© Malte Clavin; Bei Loikaw. Nur noch eine Handvoll Padaung Frauen – zu erkennen and den charakteristischen Hals-, Arm- und Beinringen – leben noch in ihrer Heimat in der Nähe von Loikaw. Fast alle anderen Stammesfrauen sind aus Angst vor dem Bürgerkrieg nach Thailand geflüchtet.
Disziplin, das Gesetz der großen Zahl, Geduld, Frustrationstoleranz, Einfühlungsvermögen. Disziplin heißt: Ja, Du musst morgens raus, und zwar früh. Und das oft. Das beste Licht gibts halt morgens. Aber ich habe auch faule Tage. Das Gesetz der großen Zahl meint: Mach viele, viele Bilder mit vielen Variationen. Machst Du nur zehn, ist die Wahrscheinlichkeit, das ein Top-Bild darunter ist, recht gering. Machst Du 100 oder mehr, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Top-Bildes deutlich. Ein Beispiel: In Burma habe ich vier mit Lumpenknäuel spielende Mönche vor einer Pagode fotografiert, die hatten noch nicht einmal den richtigen Chinlon-Ball aus Bast. Ich habe zirka 150 Bilder gemacht, bis alles stimmte: Alle Gesichter sind zu sehen, alle Augen auf den Ball fokussiert, die Bewegung des Balls durch die leichte Unschärfe erkennbar, durch den Ausfallschritt eines Spielers ist die Dynamik des Spiels spürbar – all das ist sonst auf keinem anderen Bild zu sehen. Und damit sind wir schon bei der vierten Zutat: Geduld! Wenn es nicht klappt mit Deinem Bild, dann komm zurück. Solange, bis es im Kasten ist. Dabei ist eine hohe Dosis Frustrationstoleranz hilfreich. Bei Portraits geht ohne Einfühlungsvermögen gar nichts: Ich spreche ein paar Brocken Burmesisch, frage höflich, mach’ kleine Komplimente und versuche, die Stimmung leicht und humorvoll zu halten – oft mit Unterstützung meines Übersetzers. Ich interessiere mich sehr für die Welt meiner Porträtierten, daher lasse ich mir gerne vor dem eigentlichen Shooting viel zeigen: Wo wohnen sie? Was arbeiten sie? Wie groß ist ihre Familie? Die Kamera bleibt dabei oft eingepackt. Erst nach einem Tee – und vielen meiner Fragen – leite ich dann über zum Shooting. Wenn die Menschen spüren, dass Du wirklich interessiert bist, dann öffnen sie sich.

Was empfehlen Sie Einsteigern in die Fotografie?

© Malte Clavin
© Malte Clavin; An old Loi man having a rest from building a bamboo mat. The Loi are Buddhists but still believe in animist traditions – many of them wear tattoos as a protection against evil ghosts.
Du musst Deine Kamera beherrschen, wenn Du fotografieren willst. Du musst auch die Grammatik beherrschen, wenn Du schreiben willst. Bilder entstehen im Kopf, die Kamera hilft Dir bei der Umsetzung. Beherrsche sie also gut, damit Du Dein Bild aus dem Kopf in die Kamera kriegst. Schau Dir viele, viele Bilder an. Lass Dich leiten von dem, was Dir gefällt. Biete Deinem Publikum nicht nur Einzelbilder, kombiniere Deine Bilder zu einer Geschichte, mindestens eine kleine, es kann auch Deine eigene sein. So kann Dein Publikum mehr für sich mitnehmen. Und vor allem: Hab Mut! Geh den Dingen nach, die Dich berühren. Geh raus und mach viele, viele Bilder. Höre auf Deinen ersten Impuls, vertraue ihm. Und schubs Dich immer wieder aus der Komfortzone.

Welches Aufnahmegerät empfehlen Sie oder spielt das eine untergeordnete Rolle?

Eine Kamera muss beherrscht werden. Das kann man nur, wenn sie das auch zulässt. Übernehmen also zu viele Automatiken das Bildermachen, ist mein Einfluss begrenzt. Ich persönlich arbeite mit einer Canon 5D Mark II, die auch hervorragende Filmbilder macht. Auf die habe ich mich ganz und gar eingeschossen und die erlaubt viele Eingriffe in alle Belichtungsparameter. Auf dem steckt immer das von mir sehr geschätzte 2,8 / 24-70 mm, mit dem ich zirka 80 Prozent aller Aufnahmen mache. Das ist ein stabiles und optisch hervorragendes Reportageobjektiv für viele Gelegenheiten – und die Lichtstärke ist auch okay.

Portfolios 02 / 2014

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