Michael Trencavel - Lissabon

© Michael Trencavel
© Michael Trencavel
Wir sind auf den Fotografen Michael Trencavel gestoßen. Dieser lebt und arbeitet derzeitig in Lissabon. Geboren in Halle/Saale 1978, war sein Leben seit seinem 18ten Lebensjahr eine Reise über Berlin, Düsseldorf bis nach Lissabon. Ursprünglich der Malerei verbunden, begann er als Entwicklung dessen und unter dem Einfluss eines befreundeten Fotografen, das Leben durch eine Linse zu betrachten. Die Fotografie lehrte ihn, das Leben anders wahrzunehmen – die Realität des Alltags und seine kleinen Momente anders zu begreifen. Seine Bilder dokumentieren Wege durch seine Stadt – Lissabon, Handelsmetropole des Mittelalters, Ruine der Neuzeit. Sie zeigen Architektur, Farben und Leben in seinem Lissabon, teilen einen Blick hinter die schillernde Fassade der Touristenmetropole.

Herr Trencavel, wie sind Sie zur Fotografie gekommen?

Zur selbigen kam ich eher per Zufall. Kreativ bin ich seit meinem sechsten Lebensjahr, Kunstschule, Internat, Studium in ähnlicher Richtung – all dies zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Fotografie als reales Abbild einer Welt war da zunächst eher Stiefkind als bevorzugtes Medium, obwohl ich Newton, Lindbergh, von Unwerth – um einige zu nennen – immer faszinierend fand, man kann fast sagen bildgewaltig. Durch die Sichtweise auf die Welt durch einen Sucher, als Entwicklung, ähnlich der eines Bildausschnittes auf einer Leinwand, die Darstellung, die Farben, die Geschichten hinter jedem einzelnen Bild, lernte ich die Fotografie als Medium zu begreifen, als Stilmittel, etwas erzählen zu können, einen Moment zu beschreiben und ich denke, dass man das als kreativer Mensch einfach die Möglichkeit lieben muss, etwas zu transportieren. Eine Geschichte muss, soll und darf erzählt werden. Fotografie ist dafür das Stilmittel. Man könnte fast sagen, man lässt sich in einem Moment fangen, ja man kann sich darin verlieren.

Wo sehen Sie für sich die fotografischen Herausforderungen?

© Michael Trencavel
© Michael Trencavel
Das ist schwierig, vielleicht der Angst entgegenzuwirken, die Realität nicht so darstellen zu können, wie sie tatsächlich ist. Zu fürchten zu verfremden, wo es keiner Verfremdung bedarf. Manchmal muss man fürchten, dass die Message nicht richtig transportiert werden könnte. Herausforderung ist, mit der Fotografie Geschichten zu erzählen. Geht es nur darum, mit dem Motiv zu gefallen, ist es wie bei dem viel benannten Geschmack – man darf ihn haben, ohne sich darüber zu streiten zu können. Möglichst wenig zu verfälschen, ist vielleicht die größte Herausforderung auf dem Weg das perfekte Bild zu suchen und zu finden. Mein nächstes Fotoprojekt ist es, der vergessenen Generation Portugals eine Stimme zu geben. Die Großeltern und Elterngeneration, welche hier in kleinen Dörfern lebt. Die Kinder, die ausgezogen, die Welt zu erobern und Reichtum zu erringen. 250€ Rente – Ich möchte diese Geschichten erzählen und in meinen Fotografien diesen Menschen eine Stimme geben, auch wenn sie dabei nur flüstern mögen.

Sie scheinen dem Hochformat den Vorzug zu geben – warum ist dem so?

© Michael Trencavel
© Michael Trencavel
Ich komme aus der Malerei – In selbiger legt man Formate hoch und quer, je nachdem was man und wie man darstellen möchte. Ich habe diesen Weg, dinge oder ausschnitte zu sehen, nie wirklich geändert. Ein Hochformat eines Menschen, welcher alleine auf der Straße steht, gibt diesem Raum und Platz, nicht Weite. Er kann sich für den Betrachter entwickeln, sich ausdehnen, den Raum füllen, welcher ihn umgibt. Mit der Veränderung des Formates, verändern Sie das Empfinden beim Betrachter. Und das ist es doch, was Fotografie ausmacht – das Wechselspiel zwischen dem Betrachter und dem Objekt/Bild. Querformat würde in diesem Fall dem Menschen einen Platz einräumen, eine Weite geben. Vielleicht würde er in der nächsten Minute auf der Straße anfangen zu tanzen, zu lächeln, zu rennen. Dies würde dann eine andere Geschichte sein, eine, die erst noch zu erzählen wäre.

Sie entziehen Ihren Fotografien gern die Farbe – warum?

Es ist ähnlich wie bei Matisse, welcher etwas in seinem Schaffenswerk hatte, das sich blaue Phase nannte. Alles, was er machte, war zu diesem Zeitpunkt einfach blau. Ich denke nicht, dass dies etwas ist, das ich bewusst tue. Es ist eher Ausdruck eines momentanen Gefühls. Lissabon ist eine farbenprächtige, dreckige, alte Stadt. Camoes, Nationaldichter Nummer eins, sagte mal über diese Stadt, wenn er das Blau des Himmels sieht, weiß er, dass er in Lissabon ist. Es sei das Blau, das ihm dieses Gefühl der Heimat vermittelt. Und Recht hat er, es ist eben jene Farbenpracht. Aber im Moment liegt mir mehr die Darkside, vielleicht ist es das, was es am ehesten zum Ausdruck bringen kann. Der Kontrast zwischen diesen zwei Farben, mit allen darin enthaltenen Nuancen an Grau. Mit Streiflicht und Schatten, Kernschatten und Lichtquelle. Ich denke, in diesem Zusammenspiel liegt eine dunkle Schönheit, deren Farbenvielfalt man erahnen kann. Und es liegt etwas Absolutes in dieser Farbwahl. Es kann Sanftheit ausstrahlen, als auch in einer Art eigener Brutalität abgrenzend wirken. Licht und Schatten, Weiß und Schwarz – beides notwendig, um etwas zu erschaffen, da das eine nicht ohne das andere existieren kann. Manchmal ist es notwendiges Stilmittel, um einer Realität die Maske herunterziehen zu können, welche sie unverdientermaßen trägt.

Was ist Ihre Intention, wenn Sie fotografieren?

© Michael Trencavel
© Michael Trencavel
Zu zeigen, was ich sehe. Wissentlich, dass ein Entzug von Farbe zu einer Düsternis wird, möchte ich trotz allem versuchen, eine Schönheit in dieser minimalen Möglichkeit aufzuzeigen. Es ist ein Versuch, bei dem ich hoffe, dass er mir gelingt. Eine Gratwanderung, denn ich möchte nicht verfälschen. Ich weiß um die Tatsache, dass die Welt ein farbenfroher kreativer Spielplatz ist. Allerdings ist es eben nur ein Part des Lebens. Die Schönheit, welche ich in einem Gesicht sehe, das voller Falten ist, liegt nicht in diesem, sie liegt in der Geschichte dahinter. Der Betrachter kann, muss seinen Bezug zu dieser Geschichte selbst finden. Farbe kann, muss aber nicht begünstigend wirken bei diesem Dialog. Vielleicht ist es ein Anregen zu einem Nachdenken. Es ist auch eine Art des Vertrauens zwischen mir und dem, was ich fotografiere, so es sich um Menschen handelt.

Wo sehen Sie für sich die größten Herausforderungen?

© Michael Trencavel
© Michael Trencavel
In einer unverfälschten Darstellung dessen was ich sehe. Ich suche das perfekte Foto, die perfekte Geschichte, welche erzählt werden will, es gibt hunderte, tausende. Ich sehe die Herausforderung darin, ein Gesicht zu entdecken, das mit dem Betrachter kommuniziert. Diesen einen Moment einzufangen, der diese Kommunikation ermöglicht. Den Ort zu finden, der einen einlädt, ihn zu suchen, ihn zu entdecken.

Welche Empfehlung haben Sie an jene, die die Fotografie entdecken?

Ändert die Perspektive. Mitunter reicht ein Schritt aus, um etwas Neues zu entdecken. Seid neugierig, entdeckt, habt Spaß. Die Technick, die Kamera, die Liebe zum Bild liegt nicht in diesen Medien. Sie dienen unterstützend, sie können vereinfachen, aber die Freude, der Spaß, die Schönheit liegt in einem selbst. Es ist die Neugier auf die Welt, vom Großen bis ins Detail.

Was sind Ihre aktuellen Projekte?

Im Moment ist es, das ist es allerdings permanent, das Leben in Lissabon. Es ist ein Einfangen der Lebensumstände. Fernab des touristischen Zoos, ohne respektlos zu werden und die Distanz zu verlieren. Es ist der Versuch, das einfache Leben einzufangen, welches hier täglich passiert. In diesem liegt Ruhe, Schönheit, Bitternis, Armut, Reichtum. All dies verdient es, gezeigt zu werden, einer Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt zu werden. Es ist die Darstellung des Banalen, des Einfachen.

Welches ist Ihr zukünftiges Projekt?

„Die vergessene Generation“. Das statistische Alter Protugals ist fernab der 50+, es gibt hier eine vergessene Generation, welche in kleinen Dörfern zurückgelassen lebt, die Kinder begingen die berühmte Landflucht, um Geld zu verdienen zu können. Die Rente ist minimal und Überleben nur durch Hilfe untereinander und gelegentliche familiäre Zuwendungen möglich. Ich möchte diesen Menschen Stimme und Plattform bieten. Dies kann nur stellvertretend passieren, aber wie Goethe einmal sagte, das Wort entsandt, ist gleich einem Pfeil nicht mehr umkehrbar. Hier ist es nicht das Wort, sondern das Bild. Jeder in diesem Land weiß um den Umstand, aber keiner spricht gern darüber oder zeigt ihn auf. Ich denke, man hat eine Verantwortung, in allem was man tut. Und wie Einstein einmal sagte, die größte Form des Wahnsinns ist es, zu hoffen, dass sich etwas ändert, ohne etwas zu ändern.

Portfolios 03 / 2015

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden