Multi-Shot-Fotografie - Wenn einmal nicht genug ist

Intelligente Software und innovatives Zubehör sprengen die physikalischen Grenzen von Kameras und Objektiven. Sie machen das bisher Unmögliche durch das Verweben von Serienbildern zu einem neuen Foto zum Trend der modernen Fotografie.

Die Panoramafotografie profitierte als erste von den neuen Multi-Shot-Techniken der Digitalfotografie. Schon seit einigen Jahren gibt es die sogenannten Stitching-Programme, mit denen sich überlappende Einzelaufnahmen zu beeindruckenden Panoramabildern zusammensetzen lassen.

Schon sehr früh war auch das Morphing populär, bei dem zwei Aufnahmen so verwoben werden können, dass ein Bild entsteht, das einer Kreuzung beider Aufnahmen gleicht. Dabei kann der Anwender zudem bestimmen, welchem der beiden Ausgangsbilder das Ergebnis ähnlicher sein soll. Zudem sind neue Bildserien möglich, in denen die Verwandlung vom Ausgangs- zum Endbild in einzelnen Phasen deutlich wird.

Eine ähnliche Technik wie für die Panoramafotografie kommt auch bei den Mosaikbildern zum Tragen. Hier werden viele sich überlappende Fotos zu einem neuen Bild zusammengesetzt. Das hat nicht nur den Vorteil, dass der Fotograf viel mehr auf sein Bild bekommt, als ihm der Bildwinkel seines Objektivs zeigt. Er kann praktisch das Motiv mit der Kamera „abwandern“ und die einzelnen Aufnahmen dann zu einem hoch auflösenden Gesamtbild per Software zusammenfügen. So kann man auch mit einer Kamera mit geringer Auflösung zu hoch auflösenden Fotos gelangen, die sich später in Postergröße drucken lassen.

Ein anderes Problem, das alle Kameras haben, ist der begrenzte Dynamikumfang, der in etwa dem Belichtungsspielraum der Filme entspricht. Das hat bei sehr kontrastreichen Motiven zur Folge, dass einige Motivpartien richtig belichtet erscheinen, die Schatten aber und keine Zeichnung mehr zeigen ebenso wie die Lichter ausfransen. Mit der High Dynamic Range Fotografie (HDR) wird dieses Problem aus der Welt geschafft. Der Fotograf macht mehrere Aufnahmen mit unterschiedlichen Belichtungen, die von der Software wiederum so zu einem neuen Bild verwoben werden, dass auch Lichter und Schatten optimal belichtetet erscheinen und alle Details erkennbar sind.

Physikalische Grenzen der Schärfentiefe sprengen die durch Multifokusaufnahmen entstandenen Bilder, die sich von vorn bis hinten scharf zeigen. Um ein Foto mit durchgehender Schärfe zu erhalten, macht der Fotograf eine Serie von Aufnahmen, deren Schärfenbereiche sich wiederum überlappen. Mit entsprechenden Programmen kann es diese dann am PC so mischen, dass ein Bild mit extremer Schärfentiefe entsteht, selbst wenn beispielsweise wegen einer schwachen Beleuchtung mit offener Blende fotografiert werden musste, die zu einer geringen Schärfentiefe der Einzelaufnahmen führt.

Auch das Problem, dass ständig Personen oder Autos durchs Motiv laufen beziehungsweise fahren, kennt jeder Fotograf, der zum Beispiel zu einer bestimmten Zeit eine Szene menschenleer fotografieren will. Mit der neuen Technik richtet er seine Kamera einfach aufs Motiv und macht eine größere Aufnahmeserie. Die Software entfernt dann automatisch alle Objektive, die sich durch das Motiv bewegen und nimmt aus den anderen Einzelbildern die von den Objekten verdeckten Motivpartien. Das Ergebnis sind Menschen- und Auto-freie Bilder, aus denen alles, was sich bewegt, entfernt wurde.

Früher bedurfte es eines gewaltigen, technischen Aufwands, mehrere Bewegungsphasen, in einem Foto zu zeigen. Als beeindruckende Technik hatten sich dafür die Stroboskopblitze angeboten, die bei offenem Kameraverschluss, während der Bewegung eine Vielzahl von Blitzen abfeuerten und so durch eine Mehrfachbelichtung einzelne Phasen auf einem Filmfeld festhielten. Dazu musste allerdings das Umgebungslicht ausgeschaltet und die Bewegung mehr oder weniger im Dunklen ausgeführt werden. Heute macht das die Software, indem sie Bildserien zu einem neuen Foto überblendet. Dabei hat diese Technik noch den Vorteil, dass die Software dem Fotografen die Berechnung der Belichtung abnimmt, damit die Überblendung auch echt erscheint. Solche mehrfachbelichtungen sind auch schon mit einigen Digitalkameras möglich. Auch hier erfolgt die Berechnung der für das Endergebnis notwendigen Einzelbelichtungen automatisch durch den Kameraprozessor.

Die neuen Multi-Shot-Techniken machen es auch möglich, dass eine Person scheinbar gleichzeitig an mehreren Stellen im Bild erscheinen kann. Auch hier wird eine vom Stativ aufgenommene Fotoserie, bei der die Person jeweils ihren Standort ändert, zu einem neuen Bild überblendet.

Ob nun beim Weitsprung alle Bewerber in der Endausscheidung an verschiedenen Stellen über der Sandgrube schweben oder der Stabhochspringer in den wichtigen Phasen seines Sprungs in einem Foto zu sehen ist, die neuen Techniken erweitern die Kreativität der Fotografen um den Faktor Zeit. War es früher entscheidend für ein gelungenes Foto den „Decisive Moment“ zu erwischen, so lassen sich heute auch Zeiträume im Bild darstellen, womit dem Fotografen eine zusätzliche, kreative Dimension erschlossen wird.

Pressemeldungen 04 / 2009

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