Filmequipment - Was man beim Dreh braucht

Filmequipment - Was man beim Dreh braucht
Viel ist es nicht gerade, was im Einsatzfahrzeug eines jeden EB-Teams zu finden ist. Warum auch, denn die elektronische Berichterstattung – daher die Abkürzung EB (engl. electronic broadcasting) – lebt von einer hohen Mobilität und der schnellen Einsatzbereitschaft. Meist sind es drei Personen, die mit einem Kleinwagen oder Kombi vorfahren, ihre Standardausrüstung ausladen und nach kurzer Aufbauzeit ist das Team drehfertig.

Für das Bild wird die Kamera auf einem Stativ positioniert oder situationsbedingt mit einer Schulterkamera aufgezeichnet. Mit einer Tonangel lässt sich die Sprache des Kommentators ebenso einfangen wie mit einem Ansteckmikro per Funkstrecke. Für die optimale Ausleuchtung benutzt man einen Reflektorschirm oder eine handliche LED-Flächenleuchte. Diesen Aufwand betreibt jedes EB-Team und das Ergebnis sind authentische, nachrichtentaugliche Aufnahmen. Je qualitativer das Endergebnis aber sein soll, umso mehr Aufwand muss beim Dreh betrieben werden.

Kameratechnik

Der Kameramann entscheidet durch die Wahl der Kamera, welchen Look die Aufnahmen haben werden. Der Ausbildungsberuf bringt es mit sich, dass der Kameramann weiß, ob eine Digital Cinema Kamera, 16mm oder 35mm Filmkamera, DSLR Kamera, 1/3“ oder 2/3“ HDV-Kameras, HD Actioncam, Beta SD oder ein DV-Camcorder verwendet werden sollte, um das gewünschte Bild in den sprichwörtlichen Kasten zu bekommen.

Wird eine DSLR verwendet, so sollte sichergestellt sein, dass mit einem Followfocus und einer Mattebox gearbeitet wird, wie man es von der Arbeit mit einer 16mm, 35mm oder gar 70mm Filmkamera kennt. Soll Mobilität gegeben sein, ist der Einsatz einer Schulterstütze ratsam. Wer nicht gerade Aufnahmen im manifestierten Stil von „Docma 95“ plant, dem sei auf jeden Fall zu einem Stativ geraten.

Die Kamera ist die Komponente zur Aufzeichnung des Bildes, wo hingegen das Objektiv zum Einfangen der Lichtstrahlen benötigt wird. Je nach Hersteller und Modell sind verschiedene Objektive verfügbar, die für unterschiedlichste Einsatzgebiete konzipiert sind. Wer auf „Nummer sicher“ gehen will, dem raten wir zu einem Objektivsatz mit lichtstarken Objektiven sowie einem Filter-Set, das mindestens aus einem UV-, Pol-, ND-Verlaufs- und ND-Graufilter besteht.

Noch ein Tipp: Um dem Look von Realfilm nahe zu kommen bietet sich ein P+S mini35 Adapter an. Der Adapter wird vor der Optik montiert und simuliert die Körnigkeit und Aufnahmemerkmale von 35mm-Realfilm.

A propos „Nummer sicher“: Wenn parallel zum Kameramann der Bildausschnitt oder das Motiv bereits während der Aufnahme betrachtet werden soll, wird ein Regie-Monitor nötig sein. Abhängig von der Fülle der Aufnahmen, die gemacht werden, ist für einen ausreichenden Vorrat an Bandmaterial bzw. Speicherkarten zu sorgen. Und wie immer bei jedweder Art von Außenaufnahmen gilt: An die Stromversorgung denken und immer einen Akku mehr einpacken als man tatsächlich braucht.

Stativtechnik

Der Drehplan gibt vor, wie stationär oder mobil die Kamera in den einzelnen Einstellungen sein darf oder muss, in welchem Winkel die Aufnahmen gemacht werden und aus welcher Höhe. Auch hier gibt es nahezu unzählige Möglichkeiten, wie die Kamera stabilisiert werden kann. Die klassische Variante ist ein Dreibein-Stativ mit Bodenpinne und Fluid-Gelenkkopf. Soll die Kamera minimal von einer Position zur anderen bewegt werden, bietet sich bei glattem Untergrund – und zwar wirklich nur glatter Untergrund wie geschlossenes Laminat oder Linoleum – eine Bodenspinne mit Rollen an. Andere Untergründe sind ungeeignet, da sich jede noch so kleine Fuge im Boden durch einen deutlichen Verwackler in der Aufnahme bemerkbar macht. Für jedweden anderen Untergrund kommt daher ein Dolly zum Einsatz. Die klassische Form ist ein Schienen-Dolly, bei dem die Kamera auf einem Wagen fixiert ist, der auf einer Schiene von Punkt A zu Punkt B geschoben wird. Die Schienen können dabei auch als Kreis gelegt sein, womit man das Objekt – wie mit der von Michael Ballhaus etablierten 360-Grad-Kamerafahrt – imposant umrunden und inszenieren kann. Eine Abwandlung ist der Luft-Dolly, der dank großer und extrem weicher Räder die Erschütterung der Kamera bei einer Kamerafahrt über Asphalt, Teer- oder Betonboden nahezu unterbindet.

Hat die Kamera mitsamt Optiken ein moderates Gewicht, bietet sich neben der Schulterstütze auch ein Handheld-Stabilizer, Schwebestativ oder Camera-Cage mit Gimbalaufhängung an. Bei größeren und vor allem schwereren Kameramodellen führt wohl kaum ein Weg an einer Full Rig Steadycam vorbei. Durch die Federschwinge erlaubt die Steadycam jedoch ruhige, wackelfreie Aufnahmen, selbst wenn der Kameramann rennt oder Treppen steigt.

Sind Aufnahmen aus einer bestimmten Höhe erforderlich kam noch bis vor einiger Zeit ein Kamerakran mit Remote Head zum Einsatz. Mittlerweile sind Kameradronen/Multicopter das Werkzeug der Wahl und immer häufiger ist in einem Filmabspann die Berufsbezeichnung „Camera Drone Operator“ zu finden.

Soundtechnik

Der Ton macht die Musik wie man so schön sagt und seit Ende der Stummfilmzeit wird Wert auf die Tonspur gelegt. Nicht nur, weil durch den Ton die Informationen der Sprache (bei unserem EB-Team die Nachricht des Kommentators) übermittelt werden, sondern auch, weil man sich anhand von Geräuschen orientieren und das Visuelle in einen exakten Kontext stellen kann.

Die Tonangel ist ein klassisches Werkzeug, um am Set den Ton aufzunehmen. Ein Kondensator-Richtmikrophon ist an einem gut 4-Meter-langen Stab befestigt und zeichnet die Sprache oder Geräusche einer Szene auf. Heute wird verstärkt auf Funkmikrophone und kleine Ansteckmikros zurückgegriffen, die das Tonsignal per Funk in die Kamera oder einen digitalen Audio-Recorder übertragen. Je nach Art und Umfang der Aufnahme wird ein Mikrophon mit Kugel-, Nieren-, Hyperniere-, Supernieren- oder Keulencharakteristik verwendet. Ein Windschutzkorb über dem Mikrophon hilft unliebsame Windgeräusche zu minimieren und selbst ein Sturm wird durch den Einsatz eines Langhaarwindschutzes kaum hörbar.

Um direkt bei der Aufnahme schon mehrere Mikrophone abzumischen und mögliche Störgeräusche zu minimieren oder herauszufiltern sollte ein Audio-Mischer am Set sein, inklusive einem Tonmeister, der dieses Gerät auch zu bedienen weis.

Lichttechnik

Bei Dreharbeiten wird mitunter die Nacht zum Tag gemacht und umgekehrt. Filmen ist Malen mit Licht und deshalb muss man beim Dreh auch das Licht bestmöglich unter Kontrolle haben. Ein Filmstudio wie jeder andere Innenraum wird daher im Regelfall vollkommen abgedunkelt und ausschließlich mit Scheinwerfern ausgeleuchtet. Je nach Vorgabe der Tageszeit und Lichtsituation durch den Drehplan wird eine Farbtemperatur des Lichtes gewählt, die der Szene im Drehbuch entspricht.

Scheinwerfer können die spezifischen Charakteristiken von Tageslicht oder Kunstlicht haben, aber je nach Vorgabe auch mit Leuchtstoffröhren und Spezial-Leuchtmitteln (z.B. LED, UV, Infrarot) betrieben werden. In der Regel sind Tageslicht- oder Kunstlichtscheinwerfer als Flächenleuchte, Stufenlinse, PAR Leuchte, Softlight, Dedolight, Akkulicht, Reportagelicht oder Kino Flo verfügbar. Am bekanntesten sind wohl fokussierbare Stufenlinser mit den markantesten Flügeltoren, die jeweils auf einem professionellen Lichtstativ stehen.

Ganz gleich ob Innen- oder Außenaufnahmen, das Thema Licht sollte niemals unterschätzt werden, weshalb es auch niemals zu wenig Licht- und Leuchtmittel am Set gibt. Angefangen vom Tageslicht-Set mit Daylight-Flutern, LED Flächenlicht, LED-Spotlight sowie Stativen über einen HMI Tageslicht Stufenlinser 2,5 kW, mit dem kräftiger Sonneneinfall durch ein Fenster simuliert werden kann, über ein 800 Watt Kunstlicht-Set bis hin zum Kinoflow Flächenlicht, das in verschiedensten Größen gemietet werden kann, um diffuses Miniaturlicht unter die Auto-Sonnenblende zu setzen oder eine Wall-o-Lite mit gleißendem Lichteinfall durch ein größeres Fenster zu schaffen.

Bei Nachtaufnahmen wird immer ausreichend Fülllicht im Hintergrund verwendet und für eine situationsgerechte Ausleuchtung der Akteure und Objekte im Vordergrund gesorgt. Wenn eine sternenklare Nacht mit Vollmond visualisiert werden soll, steigt dafür meist ein Ballonlicht in den Nachthimmel.

Wird viel künstliches Licht verwendet, so muss für einen adäquaten Stromanschluss gesorgt werden. Kein Sicherungskasten in einem Haushalt wird über längere Zeit den Anschluss von einem 2,5 kW Stufenlinser, einem 800W Kunstlichtset, der gesamten Kamera- und Tontechnik tolerieren. Folglich wird irgendwo am Set ein Starkstromverteilerkasten nötig sein. Bestenfalls so zentral, dass man unnötig lange Kabelstolperfallen vermeidet. Wird im Außenbereich oder gar abseits der Zivilisation gedreht, kommt man um ein Stormaggregat nicht herum. Wird ein solches Gerät angemietet, sollte man großen Wert darauf legen, dass eine hohe Geräuschabschirmung nach außen gewährleistet ist, denn andernfalls darf man sich später auf der Tonspur über ein permanentes Brummen des Dieselgenerators freuen.

Neben allem was elektrisch betrieben werden muss gehört vor allem ein umfangreiches Sortiment von Farbfilterfolien, Reflektoren, Diffusern, Bouncer-Materialien sowie Moltonstoff an jedes Filmset. Mit diesen Utensilien lassen sich zu dunkle Bereiche im Filmbild aufhellen, überstrahlte Bereiche abdunkeln sowie kleine Lichtreflektionen händisch setzen.

Wie überall sind nach Oben keine Grenzen gesetzt. Ist Technik im Überfluss vorhanden, besteht die Gefahr, dass die Aufbau- und Umbauzeiten am Filmset aus dem Ruder laufen. Hat man jedoch zu wenig Equipment eingeplant oder die Verbrauchsmaterialien zu knapp kalkuliert, können so manche Raffinessen auf der Strecke bleiben.

Video 03 / 2016

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2 Kommentare

Guten Tag liebe Mitleser, vielen Dank für diesen detaillierten Einblick in den Filmdreh. Ich hätte nicht gedacht, dass es soviele verschiedene Punkte gibt, auf die geachtet werden muss, damit man überhaupt die Grundlage schaffen kann, einen Film zu drehen. Wie mein Vorredner finde ich es ebenfalls wichtig, auf die Tontechnik zu achten, da dieser Punkt mitunter eines der wichtigsten ist. Für weitere Informationen können Sie sich folgende Seite anschauen: http://www.veranstaltungs-technik-leipzig.de/tontechnik_naturton_leipzig Viele Grüße Jonas

von Jonas
02. Mai 2017, 16:56:16 Uhr

Vielen Dank für den Beitrag. Er fasst ganz gut zusammen, was man beim Dreh alles braucht. Ich denke die Tontechnik und Soundtechnik sind zwei der wichtigsten Dinge beim Filmequipment, denn der Ton muss ja immerhin stimmen.

von Anna
08. Februar 2017, 09:43:17 Uhr

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