Filmdramaturgie - Der Schnitt ist das Herz des Films

Fotografen und Filmemacher sind Geschichtenerzähler. Der eine erfasst alles in einem Bild, der andere braucht dafür mehrere Szenen und vor allem: den Filmschnitt. Eine Dramaturgie des Ablaufs gibt es im Einzelbild nicht, höchstens bei Geschichten, die als Reportage oder Buch mit mehreren Bildern erzählt werden. Aber die Filmdramaturgie, der Schnitt, ist viel komplexer als nur die Mischung und Zusammenstellung von Szenen. Es ist sehr hilfreich, schon bei der Aufnahme die Möglichkeiten des Filmschnitts im Auge zu behalten und die Szenen entsprechend wahrzunehmen und aufzunehmen.

Der Schnitt ist das Herz des Films. Seine suggestive Kraft überstrahlt oft sogar die Bilder, von denen er lebt, so Gert Wagner, Fotograf und Filmemacher. Mich, so Gert Wagner, hat die Geschichte von „High Noon“ fasziniert, ein Western wohl aus den 50ziger Jahren, ein Welterfolg. Aber bevor er das wurde, war er ein Flop, kaum zu glauben. So setzte sich ein Cutter nochmal dran und schnitt ihn um. Erst dann wurde „High Noon“ ein unsterblicher Erfolg. Das sagt alles über die Kraft des Schnitts.

Wer einen guten Film machen will, muss sich sehr, sehr gründlich mit den Möglichkeiten des Filmschnitts befassen. Technisch ist er einfach und besteht nur aus der Aufreihung von Szenen und der gelegentlichen Benutzung harter oder weicher Blenden. Aber dahinter steckt ein Universum an Kreativität, Aussagen und Wirkungen. Mich macht er süchtig. Wenn ich einmal anfange einen Film zu schneiden, dann lässt es mich nicht mehr los. Der Schnitt verlangt alles von einem ab, und weil er das Ergebnis bestimmt wie kein anderer Bereich, ist er spannend und hochkreativ. Nur, wie soll man in wenigen Sätzen vermitteln, worüber viele und dicke Bücher geschrieben wurden? Hier wenigstens ein paar Stichworte:

Geschwindigkeit: es gibt Themen, die benötigen Zeit, lange Einstellungen, um die Stimmung zu treffen, die vermittelt werden soll. Und es gibt Situationen, die lassen sich besser mit rasanten, knappen Schnitten umsetzen. Hier ergeben viele kurze Sequenzen, manchmal nur Bruchteile einer Sekunde lang, einen Gesamteindruck. Erst über den Filmschnitt habe ich wahrgenommen, wie unendlich lang eine Sekunde sein kann!

Übergänge: eine lange, weiche Blende überbrückt Zeiten. Ein harter Schnitt erzeugt Dynamik innerhalb einer Szene aus mehreren Sequenzen. Blenden verlangsamen das Tempo je nach Länge.

Bewegung: ein Objekt – oder die Kamera – bewegt sich in eine Richtung. Wird die gleiche Szene aus einem anderen Winkel gezeigt, dann darf die Richtung kein Widerspruch zur vorherigen Sequenz sein. Hier kann ein Zwischenschnitt, z.B. mit einer Detailszene, zur Überbrückung helfen.

Zeitenmischung: Eine der besonderen Erzähltechniken des Films liegt in der Chance, mit den Zeiten zu spielen. Die exakte Chronologie kann langweilig sein. Durch Rückblenden oder Vorwegnehmen kann eine Spannung entstehen, die mit konventioneller Chronologie nicht möglich ist.

Farben und Kontraste: Filmschnitt ist nicht nur Dramaturgie, sondern auch Nachbearbeitung der Aufnahmen. Ein weites Feld! Besonders wichtig ist es, allen Szenen ein möglichst einheitliches Erscheinungsbild zu geben. Geschieht das nicht, geht viel Harmonie und auch Schlüssigkeit bei der Wahrnehmung der ganzen Geschichte verloren.

Ton: Zum Schnitt der Bilder gehört auch die Bearbeitung des Tons. Deshalb steckt in jedem Filmemacher irgendwo auch ein kleiner Toningenieur. Das klassische Schnittprogramm hat eine Timeline, die, neben mehreren Spuren, in Bild und Ton aufgeteilt ist. So lassen sich auf mehreren Tonspuren viele akustische Elemente zu einem Gesamteindruck mischen und beliebig manipulieren. Grundsätzlich ist es wichtig, nicht zu harte Übergänge zu schaffen. Schon ein knappes An- und Abschwellen über den Verlauf von zwei bis 12 Einzelbilder am Anfang und Ende einer Tonspur macht einen großen Unterschied. Ein harter Tonschnitt kann viel brutaler wirken als ein harter Bildschnitt.

Fotografieren ohne Nachbearbeitung ist nur eine halbe Sache. Früher war es die Dunkelkammer, die den kreativen Prozess des Fotografierens abrundete, heute ist es das digitale Programm. Aber ein Film ohne Schnitt ist kaum denkbar. Wer also filmt, muss den ganzen Weg gehen. Damit verlängert er den kreativen Prozess – und die Freude an der Aufgabe – um mindestens die gleiche Zeit, die er für die Aufnahme benötigt hat.

Viel Spaß!

Video 03 / 2014

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