Kameraführung - Vollkommene Kontrolle

Kameraführung - Vollkommene Kontrolle
Ruhige, wackelfreie Aufnahmen mit der Kamera aus der Hand zu filmen sind nahezu unmöglich. Bildstabilisatoren werden immer besser und leistungsstärker, doch bedarf es technischer Hilfsmittel, um die vollkommene Kontrolle über das Bild bei der Kameraführung gewährleisten zu können. Auch wenn zahlreiche Film- und vor allem aktuelle Serienproduktionen den Eindruck vermitteln wollen, dass Bilder mit leichter Bewegung – meist Aufnahmen mit einer geschulterten Kamera – überaus modern und frisch sind, so ist das nur die halbe Wahrheit. Die Bildsprache ist vielmehr der Tatsache geschuldet, dass der Einsatz von besonderen Stabilisierungssystemen mitunter recht zeitaufwändig und somit kostenintensiv ist.

Natürliche Stabilisierungsysteme

Wer nicht unbedingt aus der Hand filmen möchte hat generell die Möglichkeit, die Kamera auf einer waagerechten Fläche abzulegen. Eine solche Auflage kann eine Mauer oder ein Brückengeländer, eine Fensterbank oder ein Briefkasten, ein Weidezaunpfahl auf einer Wiese oder ein Baumstumpf im Wald sein. Diese und weitere Optionen ermöglichen in der Regel eine wackelfreie Ablage der Kamera und damit ruckelfreie Aufnahmen. Natürliche Stabilisierungssysteme sind die preisgünstigste Möglichkeit für stehende Shots, haben aber den Nachteil, dass man keine kontrollierten Schwenks (pan, tilt und roll) vornehmen kann.

Einbein-Stativ

Eine durchaus praktikable und schnelle Lösung zur Bildstabilisierung ist der Einsatz eines Einbein-Stativs. Die Stativplatte wird ohnehin meist vor Drehbeginn beim umfassenden Check des Equipments an der Kamera montiert und man ist daher in Windeseile drehbereit. Einbein-Stativ ausziehen, Kamera in der Stativhalterung fixieren und schon kann es losgehen. Die Stabilität wird dadurch gewährleistet, dass das Gewicht der Kamera auf der Stativsäule ruht und über den Bodenausleger abgeleitet wird. Je nach Modell hat man eine durchaus komfortable Arbeitshöhe und ist sehr flexibel beim Gebrauch der Kamera. Beispielsweise kann man die Kamera auf dem Stativkopf nach vorne neigen und anschließend den Stativkopf fixieren, womit man das Einbein-Stativ quasi als Teleskoparm verwenden und Aufnahmen aus gut 3 Metern Höhe machen kann. Besonderes Augenmerk sollte man hier auf einen hochwertigen Stativkopf legen. Einbein-Stative stehen jedoch meist nicht von allein, auch wenn ein entsprechender Bodenausleger vorhanden ist.

Dreibein-Stativ

Dreibein-Stative verfügen über einzeln justierbare Stativbeine, mit denen sich das Stativ auf jedwedem Untergrund waagerecht aufstellen lässt. Die Arbeitshöhe ergibt sich aus der Anzahl der möglichen Beinauszüge. Sinnvoll ist auch die Möglichkeit, das Stützkreuz zwischen den Beinen entfernen zu können, um bodennahe Aufnahmen – alle Beine sind dann unterhalb des Stativkopfes im 90 Grad Winkel abgespreizt – einfangen zu können. Nützliches Gimmick ist hier die Nivellier-Libelle, über die jedes Stativ verfügt und die wie eine Wasserwaage funktioniert. Ist das erste Bein einmal eingestellt, kann der Kameramann das Stativ mit der Nivellier-Libelle ohne großen Zeitverlust exakt ausrichten. Die waagerechte Ausrichtung ist immer dann wichtig, wenn Panorama-Schwenks entlang der Horizontlinie gemacht oder Tilt-Schwenks an vertikalen Motiven, wie Hausecken oder Elektromasten, vorgenommen werden sollen. Zudem ist nützliches Zubehör für Dreibeinstative verfügbar, beispielsweise Schwenkhebel für Linkshänder, Bodenspinne mit Rollen oder Equipment-Netz, die das Einsatzspektrum der Stative erweitern können. Das Herzstück eines qualitativen Dreibein-Stativs ist jedoch ein hochwertiger Stativkopf mit individuell einstellbarer Kopfdämpfung, die ruckelfreie Reiß-Schwenk ebenso ermöglicht wie butterweiche Pan- und Tilt-Schwenks. Die Dämpfung ermöglicht eine optimale Anpassung des Stativkopfes an das Eigengewicht der Kamera, wodurch sich das Anfangsruckeln bei entsprechenden Bewegungen vermeiden lässt.

Mobile Schwebestative

Während Stative für eine stationäre Bildstabilisierung sorgen, ermöglichen mobile Schwebestative und Rigs die sogenannte Entfesselung der Kamera, durch Positionsveränderungen während der Aufnahme. Diese Stativlösungen nutzen die Schwerkraft, wobei ein entsprechendes Gewicht unter der Kamera befestigt ist. Das Gewicht ist so schwer, dass der Schwerpunkt unterhalb der Gewichtsaufhängung liegt, wodurch die Schwingungen beim Gehen und Laufen aufgrund der Massenträgheit minimiert werden. Es liegt in der Natur der Dinge, dass solche Stabilisierungssysteme nur bis zu einer gewissen Kameragröße sinnvoll sind, da mit steigendem Gewicht von Kamera und Optik auch das erforderliche Ausgleichsgewicht steigt.

Body-Mounted Stabilisierungssystem

Soll bei den Filmaufnahmen eine größere Kamera, beispielsweise mit filmtypischer Wechseloptik und Follow Focus, für bewegte Aufnahmen innerhalbe einer Szenerie zum Einsatz kommen, fällt die Wahl des Kameramanns meist auf ein körpergebundenes Stabilisierungssystem (bekannt und verbreitet ist hier der Begriff SteadyCam, obwohl dieser strenggenommen nur ein Markenname der Tiffen Company, NY, ist). Der Filmer wird Teil eines solchen Systems, da sich dieser zunächst eine Tragweste überzieht, die eng am Körper anliegt. An der Weste montiert ist ein Federarm, an dem die Aufhängung der Kamera befestigt ist. Da das System das Gewicht der Kamera trägt und Bewegungen beim Gehen und Laufen, sogar Treppensteigen und Rennen, durch die Federung eliminiert werden, ist eine individuelle Justage unverzichtbar. Ein solches Stabilisierungssystem liefert nicht nur ruhige Aufnahmen bei einer bewegten Kamera, sondern schont auch die Kräfte des Filmers bei langen Einsätzen. Wer die Muse hat und einen Filmabspann bis zum Ende schaut wird bei Großproduktionen zwangsläufig über den Begriff SteadyCam-Operator stolpern. In der Tat ist es so, dass es viel Übung und Erfahrung bedarf, bis man die Bedienung solcher Systeme beherrscht.

Kamerakran

Ein Kamerakran verfügt, wie der Name schon vermuten lässt, über einen Ausleger, der eine Länge von etwa einem bis 10 Meter und darüber hinaus haben kann. Da bei einem solchen System entsprechende Gewichte und Kräfte wirken, stellt ein solides, professionelles Dreibein-Stativ die Basis dar. Anstatt eines Kamerakopfes ist am Stativ eine Aufhängung für den Ausleger angebracht, mit der Kamerabewegungen in drei Dimensionen ebenso ermöglicht werden wie das „Überfliegen“ einer Szene.

Um Aufnahmen mit einem Kamerakran einzufangen, gibt es zwei Versionen. Zum einen befindet sich am Ende des Auslegers eine Plattform, auf der Kameramann und Assistent sitzen und die Kamera bedienen. Zum anderen gibt es eine Lösung mittels Fernsteuerung, bei der am Ende des Auslegers ein schwenkbarer 360-Grad Remote-Head befestigt ist, den der Camera-Operator steuert. Neben der Bewegung des Auslegers – auf, ab, rechts, links – kann die Kamera Pan- und Tilt-Bewegungen vornehmen und sogar um die eigene Achse gerollt werden. Im Privatbereich sind solche Stabilisierungssysteme vermutlich nur äußerst selten zu finden, da sie ausschließlich von Profis bedient werden.

Kamera Dolly und Schienensystem

Ein Dolly ist im Grunde nichts anderes als ein Bollerwagen, auf den ein Dreibeinstativ gestellt wurde. Die professionelle Variante sieht jedoch so aus, dass es einen Aufsitz für den Kameramann gibt, der sich hinter einer höhenverstellbaren Hubsäule befinden. Die Kamera wird auf einem professionellen Stativkopf mit einer qualitativen Kopfdämpfung oder einem Kurbelkopf für moderne Film- und Digitalkameras befestigt. Je nach Drehsituation kann zudem ein Jib-Arm (schwenkbarer Ausleger) zum Einsatz kommen. Bewegt wird der Dolly von einem Assistenzen, der den Kamerawagen zieht oder schiebt. Da es Dollys für verschiedene Einsatzgebiete gibt reicht ihre Größe auch von kleinen Modellen für Smartphones bis hin zum motorbetriebenen Dolly für Großproduktionen.

Da sich nicht unbedingt jedes Gelände für eine Kamerafahrt mit einem Dolly eignet, kommt vielfach ein Schienen-Dolly zum Einsatz. Das Aufbauprozedere wird im Regelfall vom Grip-Team übernommen, wobei darauf geachtet wird, dass die Schienen waagerecht verlegt werden und die einzelnen Elemente sauber aneinander anstoßen. Ist Letzteres nämlich nicht der Fall, kann es beim Überfahren des Übergangs von Schienenelementen zu unschönen Bildwacklern kommen. Der Einsatz von Schienen hat den großen Vorteil, dass sich gezielte Kamerafahrten beliebig oft wiederholen können. Das wirkt sich insbesondere auf die exakte Bedienung des Follow Focus in Bezug auf die Schärfeebene während der Bewegung aus.

Fazit

Für jede Situation und jeden Geldbeutel gibt es beim Videodreh eine geeignete Lösung der Bildstabilisierung. Viele Aufnahmen lassen sich bereits mit verhältnismäßig einfachen Mitteln realisieren, vor allem wenn der Kameramann über die nötige Erfahrung verfügt. Manchmal hilft sogar ein wenig Erfindungsreichtum weiter, wenn man beispielsweise an eine einfache Seilaufhängung denkt. Welche Technik aber letzten Endes zum Einsatz kommt, folgt immer der Intention des Filmers und dem vorhandenen Equipment, bzw. dem verfügbaren Budget.

Video 08 / 2017

1 Kommentare

Bloß schade, dass noch kein Gimbal für Aufnahmen aus freier Hand erfunden wurde, wie z.B. https://kurzlink.de/gimbal

Frank Willy Peter

von Frank Willy Peter
30. August 2017, 11:42:39 Uhr

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden