Smartphone-Videos spalten die Nation – Hoch- oder Querformat

Hochformatige Videoplattformen sind auf dem Vormarsch und erste Videoportale überlegen bereits, ob man sich nicht auf hochformatige Videos spezialisieren sollte. Grund dafür ist, dass ein neuer Trend in eine ungewohnte Richtung geht. Künftig könnte das Hochformat unsere Sicht der Welt bestimmen und das archaische Querformat ablösen.

Smartphone-Videos spalten die Nation – Hoch- oder Querformat

Hochformat ist das um 90° gedrehte Querformat

Die meisten Dinge des menschlichen Lebens sind ergonomisch konstruiert, um eine möglichst komfortable Benutzung zu gewährleisten. Smartphones sind auf das Hochformat ausgelegt, da sie Inhalte analog wie Bücher anzeigen und so besser in der Hand gehalten sowie mit den Fingern bedient werden können. Wer aber nun ein querformatiges Foto oder gar eine komplette Videosequenz erstellen möchte, muss die einhändige Bequemlichkeit aufgeben und mit beiden Händen zur Tat schreiten. Dann würde die Aufnahme automatisch räumlicher und harmonischer, weniger gehetzt und ruhiger wirken. Der Aufwand, so scheint es, ist vermutlich viel zu hoch. Es wundert nicht, dass sich im Netz bereits Initiativen wie „Say No To Vertical Videos“ formiert haben, die offen vom „Vertical Video Syndrom“ sprechen.

Hochformatige Videos bieten unseren Augen zu wenig an. Es fehlen wichtige Bildinformationen der Umgebung und es fällt uns schwer, den örtlichen Kontext zu erfassen. Diese Aufnahmen erinnern viel mehr an die Sichtweise eines Rennpferdes mit Scheuklappen. Vielleicht wollen die Macher dieser Hochformatmonster aber auch das, um genau diesen Eindruck zu erwecken. Wir sehen die Welt mit Scheuklappen während wir orientierungslos von einem Termin zum andern hetzen. Erquickend ist diese Vorstellung für uns nicht besonders.

Der Drang zum Hochformat ist möglicherweise auch das Resultat zu vieler narzisstischer Hipster, die nur den Anblick von sich selbst auf einem Selfie oder in einem Video ertragen. Man selbst steht im Mittelpunkt des Geschehens und nicht das Drumherum. Das Hochformat gewährt ungebetenen Bildinhalten, wie der unaufgeräumten Wohnung, keinen Platz und verhindert sogar, dass die besser aussehende Freundin im Bild beziehungsweise Video erscheint.

Inwieweit der Trend zum Hochformat bei Videos durch die Decke geht, können wir nicht abschätzen. Wir würden uns allerdings wünschen, dass er sich schnellstens im Sande verläuft wie in den 1980er Jahren die Dauerwelle und Pumphose. Dann würde es so sein, dass wir uns in absehbarer Zukunft vermutlich mit einem Lächeln auf den Lippen an die Revolution des Hochformat zurückerinnern.

Infografik

Rückblick Querformat:

Schon seit den ersten Menschen ist die horizontale Sichtweise anthropologisch bedingt, denn sie verschaffte dem Jäger und Sammler in offenem Gelände weitaus mehr Umgebungsinformationen als die vertikale Sicht. Unsere Augen sind horizontal angeordnet und ermöglichen beim beidäugigen Sehen ein extrem weites Gesichtsfeld. Ein erwachsener Mensch kann optische Eindrücke und Bewegungen in der Horizontalen bis 180° wahrnehmen, in der Vertikalen jedoch nur etwa 60° nach oben und 70° nach unten.

Dieser Sichtweise hat sich die Filmindustrie von Beginn des 20. Jahrhunderts an – mit den ersten Filmwerken eines George Méliès von 1893 und der Brüder Lumière – bis heute bedient. Ausgehend vom Format 1,33:1 für 8mm, 16mm, 35mm Rollfilm etablierte sich in den 1950er Jahren das Breitbild, welches ein Format von bis zu 2,76:1 (Ultra Panavision, 1957) aufweisen kann. Bis heute sind Techniscope, Cinemascope, VistaVision und Panavision gebräuchliche Formate für Kinofilme.

Geht es um Trends und einen eben solchen gab es im Jahr 1976, als die ersten VHS Player auf den Markt kamen, konnte man sich das das Kino ins eigene Wohnzimmer holen. Dumm war nur, dass zu jener Zeit Fernseher das Format 1,33:1 besaßen und somit nur ein Teil eines Breitwand-Kinobildes – Pan & Scan – dargestellt werden konnte. Not macht bekanntlich erfinderisch und dieses Manko wurde 1987 mit dem Letterboxing für VHS behoben. Anstatt das Bild seitlich zu beschneiden, wurde es auf die passende Breite verkleinert und oben wie unten schwarze Balken eingefügt.

Mit der Markteinführung der DVD Player (1996) schritt die Digitalisierung der visuellen Medien mit großen Schritten voran, sodass als logische Konsequenz HDTV und BluRay folgten. Eine stetige Weiterentwicklung, vielleicht sogar Evolution der unterschiedlichen Medien, aber mit einer Gemeinsamkeit: Filme laufen im Fernseher, am Monitor, über den Beamer und im Kino nach wie vor im Querformat.

Video 12 / 2015

211 Bewerten  |  Drucken  |  Weiterempfehlen
5 Kommentare

Hoch/Querformat? Ja es gibt nur ein Format und dies ist Quer. Wer sich für Hochformat entscheidet disqualifiziert sich selber. Möge Dein Artikel gelesen werden Joachim!

von Charly
19. September 2016, 22:44:03 Uhr

... drehbaren Monitor... hat es in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts schon gegeben (für DTP).

von Wolfgang O. H. Sch.
20. Dezember 2015, 15:25:24 Uhr

Bin mir nicht sicher Joachim ob sich Gutes durchsetzt. Wenn ich mir anschaue, wie viele Videos jetzt schon im Hochformat gepostet werden dann wird dieser Trend wohl weiter anhalten. Interessant finde ich hier die Assoziation mit der Selbstdarstellung. Da ist was Wahres dran.

von Fotofan
16. Dezember 2015, 09:56:05 Uhr

Gutes setzt sich durch, Schlechtes verschwindet in der Versenkung. Mag sich am Hochformatvideos erfreuen wer will. Auch dieser Trend geht vorbei.

von Joachim W.
15. Dezember 2015, 08:43:15 Uhr

Hoffe der Beitrag hilft, dass das Hochformat nicht das Bestimmende künftig wird. Ansonsten brauchen wir irgendwann den drehbaren Monitor oder Fernseher.

von Wolfgang
15. Dezember 2015, 07:45:25 Uhr

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden