Learning-by-Doing - typische Fehler von Videofilmern

Learning-by-Doing - typische Fehler von Videofilmern
Ob man als Filmemacher von morgen seine ersten filmischen Gehversuche mit einem Camcorder macht, mit dem Smartphone filmt, eine Spiegelreflex- oder Systemkamera verwendet – ganz gleich welches Aufnahmemedium zum Zuge kommt, es gibt viele Aspekte, die eine Aufnahme beeinflussen. Damit das Video nicht zum Flopp wird, ist es ratsam, sich bereits im Vorfeld mit der Frage auseinander zu setzen, was den Zuschauer an einer Aufnahme langweilen könnte und wie man das Interesse bei ihm möglichst hochhält.

Statische Aufnahmen vermeiden

Wenn die Kamera ohne jegliche Bewegung ein Objekt abfilmt, kann eine Aufnahme schnell langweilig wirken. Schon eine fünfminütige Aufnahme einer Rede bei einem Festakt oder der unentwegt vorüberziehende Festzug kann ohne Wechsel der Einstellungsgrößen oder Kamerapositionen schon nach kurzer Zeit langatmig wirken.

Ganz gleich wie interessant oder spektakulär ein Motiv ist, minutenlange Einstellungen ohne Abwechslung im Bildaufbau wirken für das Auge des Zuschauers ermüdend. Für den Filmschnitt ist es essentiell, eine Aufnahme mit genug „Fleisch“ zu haben. Unser Tipp: Man erstellt beispielsweise einen master shot einer Szene, in den immer wieder fill ins und mood shots eingeschnitten werden. Zu kurz sollten die Aufnahmen zwischen den Einstellungswechseln jedoch nicht sein, da dies die Möglichkeit mit Überblendungen zwischen Einstellungen zu arbeiten, verwehren kann.

Reduzierte Bewegung

Eine leicht bewegte Kamera kann eine statische Kameraposition schnell aufwerten. Sofern man das Bild über ein ausklappbares Display und nicht durch den Sucher überprüft, ist es ratsam, stets die wesentlichen Aspekte der Bildgestaltung im Blick zu haben. Die Horizontlinie sollte waagerecht liegen und nicht durch die Bildmitte verlaufen.

Die Kamera kann man am einfachsten bewegen, indem sich der Kameramann mit der Kamera bewegt. Freihand und ohne Hilfszubehör erfordert das viel Erfahrung und Geschick. Ist die Kamera auf einem Stativ fixiert, kann dessen Eigengewicht – bestmöglich bei einem Einbeinstativ – als Pendel fungieren und eine sanfte Bewegung ermöglichen. Mit einem stabilisierenden Schwebestativ oder beispielsweise Rig ist selbst schnelles Gehen und sogar Treppensteigen möglich.

Überlegte Schwenks

Steht die Kamera auf einem Stativ, bietet sich natürlich die Möglichkeit eines Schwenks. Allerdings sollte hier darauf geachtet werden, dass ein Schwenk dem Zuschauer neue Informationen bereitstellt, die erfasst werden wollen. Der Bildraum wird in Schwenkrichtung erweitert und entgegen der Schwenkrichtung verkürzt.

Schnelles hin- und herschwenken entspricht nicht dem natürlichen Blickverhalten des Menschen, es irritiert und nimmt dem Zuschauer die Möglichkeit, sich im Bildraum zu orientieren. Reißschwenks finden bei schnellen Aktionen Anwendung, beispielsweise vorbeirasende Rennwagen. Im Regelfall wird ein Schwenk bewusst eingesetzt, um einem Objekt durch den Bildraum zu folgen oder um den Blick des Zuschauers zu simulieren, der von einem Motiv zum nächsten schaut. Ein solcher Schwenk wird immer langsam und ruhig ausgeführt.

Übermäßiges Zoomen

Aufzeichnungsgeräte wie Kompaktkameras, Kameras für Wechselobjektive die mit einem Zoom ausgestattet sind, Camcorder oder Smartphones verfügen über eine Möglichkeit zu zoomen, also die Brennweite zu verändern. Es gibt filmische Situationen in denen der Einsatz des Zooms durchaus gerechtfertigt ist, um damit Bewegung ins Bild zu bringen oder einen Einstellungswechsel zu simulieren. Vom permanenten Heranholen eines Motivs und wieder wegzoomen ist jedoch ebenso abzuraten wie von einem plötzlichen Reißzoom. Da das menschliche Auge keine Zoomfunktion hat, entspricht ein Zoom nicht unseren natürlichen Sehgewohnheiten, weshalb ein unmotivierter Zoom verstörend und verwirrend ist. Ein Zoom sollte daher immer behutsam eingeleitet und mit moderater Geschwindigkeit vorgenommen werden. Ab besten eignet sich hierfür eine Zoomwippe, mit der die Zoomgeschwindigkeit während der Aufnahme manuell bestimmt werden kann.

Beim Kauf eines Aufzeichnungsgerätes sollte man auf den optischen Zoom achten, da dieser das Motiv durch die Verschiebung der Linsen und der Brennweite optisch vergrößert – im Gegensatz zum Digitalzoom, bei dem lediglich die Pixel vergrößert werden.

Interessante Perspektiven

Als Filmemacher sollte man immer an den Zuschauer denken und sich fragen, was eine Aufnahme für ihn spannend und interessant macht. Die typische Touristenperspektive, aufrecht stehend mit der Kamera vor der Nase, bietet wenig spannende Bilder, da nahezu alle Aufnahmen dadurch aus dem gleichen Blickwinkel aufgezeichnet werden. Kleinere Objekte werden permanent mit Aufsichten und größere Objekte mit Untersichten aufgezeichnet. Nimmt man jedoch einen Wechsel der Perspektive vor und begibt sich beispielsweise auf Augenhöhe mit einer Schildkröte, kann dies die Bildaussage maßgeblich beeinflussen und das Motiv in einem spannenderen Kontext darstellen.

Den Perspektivenwechsel erreicht man schon dadurch, dass man in die Hocke oder auf die Knie geht. Bisweilen verlangt ein Motiv danach, dass man sich mit der Kamera auf den Bauch legt oder auf eine Leiter steigt. Als Faustregel kann man sich merken: Ungewöhnliche Einstellungen, die nicht der typischen Sehweise entsprechen, wecken das Interesse und können einen bleibenden Eindruck im Zuschauer hinterlassen.

Zu viel Automatik

Gerade am Anfang neigt man dazu, viele Aspekte der Aufnahme von der Automatik steuern zulassen. Hier kann es ebenfalls zu unschönen Ergebnissen kommen, die einen Zuschauer nicht gerade begeistern. So kann beispielsweise die Aufnahme von Rehen auf einer Lichtung aus einem Dickicht heraus, durch Grashalme im Vordergrund und die automatische Nachregulierung der Schärfe, zunichte gemacht werden. Anderweitig kann eine Landschaftsaufnahme mit Sonnenstrahlen, die immer wieder mal durch tiefhängende Wolken hindurchscheinen, ihren Reiz verlieren, wenn die Kamera eine automatische Anpassung der Belichtung vornimmt. Bei sich verändernden Lichtsituationen kann auch der automatische Weißabgleich für Mehrarbeit in der Nachbearbeitung sorgen.

Wichtig ist: Fehler macht man nicht, sondern nur Erfahrungen! Vieles wird man im Laufe der Zeit verinnerlichen und es wird intuitiv in Fleisch und Blut übergehen. Ab einem gewissen Punkt wird man dann nicht einmal mehr sagen können, warum man eine Sache so umsetzt wie man es tut. Die Erfahrung lehrt mit jedem neuen Projekt, welche Aspekte eine Aufnahme oder einen Film interessant und spannend machen, für einen selbst wie auch für den Zuschauer. Learning-by-Doing heißt die Devise.

Video 06 / 2016

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