Video - Bewegte Bilder bewegen

Es ist nichts Neues, dass Kameras über eine Videofunktion verfügen. Gerade Spiegelreflex- und kompakte Systemkameras liefern Qualitäten, die nachhaltig überzeugen und immer mehr Filmer auf diese Aufnahmesysteme bei ihren Filmproduktionen zurückgreifen. Internetportale wie youTube boomen, denn auch immer mehr Anwender entdecken für sich die Videofunktion. Wenn man jedoch aus der Fotografie kommt, so gelten beim Video/Film andere Gesetzmäßigkeiten. Wir haben Gert Wagner, Fotograf und Filmemacher, der für große Magazine (von Stern bis GEO), Agenturen und internationale Konzerne gearbeitet hat, gefragt. Als Kameramann und Regisseur, der von der Fotografie kommt und irgendwann beim Film gelandet ist, war es für ihn ein abenteuerlicher Weg des Entdeckens und Lernens – hier einige Erkenntnisse daraus.

Digitalkameras, die auch filmen können, das ist in erstaunlich kurzer Zeit selbstverständlich geworden. Weniger selbstverständlich ist es allerdings, mit dieser neuen Dimension der bewegten Bilder eines Films, genauso sicher umzugehen wie mit dem einzelnen Bild in der Fotografie. Immerhin, Fotografie und Film haben eines gemeinsam: die Bildsprache, Einzelbilder und Bewegtbilder. Wer von der Fotografie kommt und zum Film will, hat über diese Gemeinsamkeit schon eine gute Voraussetzung. Das war’s aber schon. Denn Film ist mehr: Bewegung, Ton, Dramaturgie.

Als Fotograf habe ich immer nach dem optimalen Bild gesucht, dem Bild mit der stärksten Aussage, das mein Thema auf den Punkt bringt. Beim Film ist das anders. Starke Bilder sind auch hier wichtig, aber für einen Film mit einer Botschaft reichen sie nicht. So mußte ich zum Beispiel lernen, Nebensächlichkeiten, die mir nie ein Foto wert gewesen wären, ernst zu nehmen, weil sie für meinen Erzählfluß im Film plötzlich wichtig werden können. Ich brauche sie für Zwischenschnitte, mit denen ich Szenen verbinden kann, die erst über die Schnittdramaturgie ihren Sinn bekommen.

Ein Foto kann für sich allein stehen, kann alles in einem Ausschnitt bündeln. Das macht der Film nicht, hier entsteht erst über mehrere Szenen die Aussage, die ein einzelnes Foto allein schaffen muß. Das hört sich an, als sei das Foto hochwertiger, und in der Tat, in dieser Bündelung liegt ja auch die Kunst. Aber auf einem Foto kann man beliebig lange verweilen, beim Film hat man keine Wahl, da ist das Einzelbild, die Einzelszene schnell vorbei. Darum braucht der Film den Zusammenschnitt mehrerer Szenen. Das macht den Unterschied.

Foto und Film können sehr emotional sein. Aber der Film setzt noch eins drauf. Bewegte Bilder bewegen. Dann kommt der Ton dazu, und hier ist die Grenze des Einzelbildes. Der Ton ist die halbe Schlacht, in seiner Auswirkung auf das Gesamtergebnis wird er oft unterschätzt. Mit ihm können Szenen verstärkt oder kaputt gemacht werden. Und weil der Ton noch manipulierbarer ist als das Bild, hat er eine Macht, die man respektieren muß. Wenn man den Originalton bearbeitet, verfälscht, verstärkt, dann beeinflusst er die Szene eventuell mehr als ein bearbeitetes Bild. Und wenn dann eventuell noch Musik hinzukommt, betritt ein weiterer mächtiger Manipulator die Bühne: der Komponist.

Musik im Film ist ein großes Thema, denn sie trägt entscheidend zur Wirkung der Bilder bei. Es ist ein sehr differenziertes Thema, erkennbar auch daran, dass gute Filmmusik vom Zuschauer kaum wahrgenommen wird. Sobald sie aber zu vordergründig wird, kann sie alles kaputt machen. Für die Vertonung eines Films – bearbeiten des Originaltons und Auswahl der Musik – benötige ich genauso lange wie für den Bildschnitt.

Am Anfang jedes Films steht natürlich die Aufnahme. Ton und Schnitt können manche schwache Optik kompensieren, aber der Charme gelungener Fotografie im Film ist immer wieder ein starker Beitrag zum Gesamteindruck. Perspektiven, Kamerabewegungen, das Licht – jedes Element trägt zur Kraft der Aussage bei. Wer fotografiert, der kennt sich bereits mit der Wirkung von Perspektiven und Licht aus. Aber Bewegung, das ist etwas Neues. Film ist Bewegung. Entweder bewegt sich etwas in der Szene, oder aber die Kamera bewegt sich. Es ist ein heikles Kapitel, denn hier kann viel schiefgehen.

Bewegung im Film ist eines der hervorstechendsten Elemente. Ist sie zu schnell, zu hektisch, dann irritiert sie. Wenn sie verwackelt ist, dann wirkt sie meist missglückt. Andererseits kann Bewegung sehr lebendig sein und viel zur Dynamik eines Films beitragen. Wer einen Film macht, muss darum auch mehr Gepäck schleppen. Handgeführte Kameras können ein Stilelement sein, bringen aber oft eine störende Unruhe in die Szene. Darum ist eine Schulterstütze oder ein Stativ mit Videokopf wichtig, für manche Kamerabewegungen sind sie aber nicht geeignet. Sehr hilfreich ist ein kleiner Jibarm auf dem Stativ oder die Möglichkeit, die Kamera seitwärts zu bewegen. Oft genügen nur kleine vertikale oder horizontale Bewegungen, um dem Film die Würze zu geben, die ihn lebendig macht. Man sollte aber nie vergessen, dass nicht der technische Aufwand entscheidend ist, sondern die Idee, mit der eine Geschichte erzählt wird. Das gilt für die Fotografie wie für den Film.

Eine Geschichte braucht eine Dramaturgie, und die wird durch den Filmschnitt bestimmt. Er ist das Herz des Films, deshalb hat er im nächsten Artikel den Raum, den er verdient.

Viel Freude bei der Entdeckung eines neuen Universums!

Video 10 / 2013

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