Video - Die entfesselte Kamera

Zum Filmen braucht die Kamera eine solide Basis, ein Stativ, damit die Bilder ruhig bleiben. So ist sie allerdings an einer Position verankert und zunächst nur ein Beobachter der Szene. Film ist aber Bewegung, und wenn die Kamera Teil des Geschehens werden soll, dann muss sie oft von der Fessel des Stativs befreit werden, möglichst ohne allzu viel an Stabilität zu verlieren. Die Kombination von Ruhe und Beweglichkeit der Kamera ist ein Thema, das sich durch die gesamte Filmgeschichte zieht und immer wieder neue Lösungen hervorbringt.

Am Anfang war es das Stativ mit einem Schwenkkopf, auf dem die Kamera sicher ruhte und in mehrere Richtungen geschwenkt werden konnte. Bis heute gehört diese Methode zum Standard jeder professionellen Filmproduktion. Bei Actionszenen wurde das Stativ auf Räder gestellt, die Kamera fuhr eine begrenzte Strecke mit, auch auf Autos oder anderen Transportmitteln, aber immer noch ruhte sie sicher auf dem Stativ.

Wenn es nicht anders ging, nahm der Kameramann die Kamera in die Hand und folgte der Szene. Eine handgeführte Kamera ist jedoch immer unruhig. Heute ist sie ein Stilmittel geworden, um Dynamik und Authentizität zu erzeugen. Man sollte nur sparsam damit umgehen, auf Dauer kann die Unruhe der Aufnahmen sehr anstrengend sein – nicht allein für den Kameramann, sondern auch für das Auge des Betrachters und besonders auf der großen Leinwand.

Um beweglich zu bleiben und gleichzeitig die Kamera ruhig und stabil zu halten, entstanden unterschiedliche Systeme: die Schulterstütze, die es dem Kameramann möglich macht, schnell den Standort zu wechseln oder aus dem Stand zu filmen. Oder der Dolly, ein Schienensystem unterschiedlicher Größen, auf dem die Kamera geführt wird. Dann der Kamerakran oder Jibarm, mit dem kleine und auch sehr große, dramatische Kamerabewegungen vertikal und horizontal möglich sind. Und schließlich die Steadycam, die Oscarprämierte Entwicklung eines kalifornischen Kameramannes, mit der er den Actionfilm revolutionierte. Alle Systeme hatten das Ziel, die Kamera vom starren Bodenstativ zu befreien, sie zu entfesseln, aber sie dennoch ruhig und stabil zu halten.

Die entfesselte Kamera wirkt sich auf zwei Ebenen aus: Für den Kameramann bedeutet sie Beweglichkeit, für den Zuschauer macht sie Szenen lebendiger. Im Spielfilm trägt sie zur Dynamik bei, im Dokumentarfilm wirkt sie authentisch und kann unvorhersehbaren Situationen leichter folgen. Dabei müssen es nicht unbedingt die großen Bewegungen sein, oft reichen kleine, fast unmerkliche Verschiebungen der Kamera zur Seite oder nach oben oder unten, um einer Szene mehr Würze zu geben.

Für Gert Wagner als Dokumentarfilmer gehört die entfesselte Kamera zum Standardrepertoire. „Ich liebe die ruhig forschende Kamera, wie sie nah an Objekten entlangstreift, um Ecken herumschleicht, knapp über dem Boden entlangfährt, sich oben über eine Mauer schwingt, steil nach unten blickt, seitwärts ausbricht. Dabei unterstützt das Weitwinkelobjektiv die Wirkung um ein Vielfaches, zeigt jede Bewegung besonders im Nahbereich noch eindringlicher. Aber nicht nur die Kamera ist befreit, auch ich kann mich innerhalb der Szene bewegen, bin nicht an einen festen Standpunkt gebunden, kann der Action folgen wie sie sich gerade ergibt.“

Je nach Methode, gibt es dennoch Grenzen der Befreiung. Den meisten Freiraum, wenn auch innerhalb einer begrenzten Höhe, gibt Gert Wagner die Steadycam. „Wenn ich höher hinaus will, brauche ich den Kamerakran. Für spontane Aufnahmen aus dem Stand kann die Schulterstütze hilfreich sein. Jedes dieser Systeme hat seinen Preis, braucht seinen Platz im Gepäck oder eine gewisse Zeit, es einzurichten. Darum habe ich mir mein eigenes System geschaffen, mit dem ich versuche, die Vorteile aller Systeme zu vereinen und dabei ihre Nachteile auszuklammern. Das klingt wie die Quadratur des Kreises, aber diesem Ziel auch nur ein wenig näher zu kommen, kann schon ein großer Gewinn sein.“

Zunächst hat Gert Wagner das Stativ vom Boden genommen und auf Hüfthöhe verlagert. „Das ist meine neue Basis, von hier aus agiere ich. Mein System heißt hipjib – der Kamerakran aus der Hüfte heraus. Ich habe es in vielen Jahren harter Praxis entwickelt und erprobt, dabei hat es mir manche Szenen veredelt und interessanter gemacht und meine Arbeit wesentlich vereinfacht. Mit hipjib benutze ich mein Stativ als Jibarm oder Körperstütze. Ich stecke die Stativbeine in eine drehbare Achse am Gürtel und habe die Kamera nun auf dem Videokopf in Augenhöhe. Sofort spüre ich Stabilität und gleichzeitig unbegrenzten Bewegungsraum. Aus der Hüfte heraus schwenke ich die Kamera sicher, und durch den längeren Hebelarm ruhig in alle denkbaren Richtungen, tief vom Boden bis weit über meinen Kopf. Da ich viel unterwegs bin, erspare ich mir gern das Gepäck und den Aufwand anderer Systeme, filme aber mit stabilen und gleichzeitig lebendigen Einstellungen. hipjib ist ein durch und durch unkonventionelles System, und so arbeite ich auch. In einer Welt, in der schon so vieles dagewesen ist, habe ich jetzt die Freiheit, mit meiner entfesselten Kamera neue Techniken zu entwickeln, die mir helfen, meine Geschichten interessant zu machen und manche Gelegenheit wahrzunehmen, die mir vorher nicht so leicht zugänglich war. Es ist ein System zwischen handgeführter Kamera und Kamerakran mit allen Möglichkeiten, die innerhalb dieser beiden Pole liegen. Warum hat es das nicht schon lange gegeben? Ganz einfach: Früher waren die Kameras viel zu schwer, und wer entfesselt filmen wollte, musste sich andere Fesseln anlegen, um dies zu ermöglichen.

Video 04 / 2014

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