Videos stabilisieren

Schluss mit seekrank

Foto: Foto Walser
Foto: Foto Walser
Eine ständige Herausforderung beim Filmen ist die Vermeidung von Wacklern, denn sie schmälern den Sehgenuss deutlich. Praktischerweise hat uns die moderne Digitaltechnik viele neue Möglichkeiten zur Stabilisierung beschert. Wir vergleichen die verschiedenen Varianten von bildstabilisierten Objektiven bis hin zu speziellen Rigs und zeigen Ihnen, wann Sie welche einsetzen können.

Die Möglichkeiten zur Stabilisierung sind heute breit gefächert: Sie beginnen bei bildstabilisierten Objektiven und reichen bis hin zu modernen Schwebe-Stativen mit intelligentem Ausgleich. Auch nach der Aufnahme lässt sich noch einiges retten. Wann ist jedoch welche Methode empfehlenswert?

In der Regel ist eine Stabilisierung während der Aufnahme einer nachträglichen Bearbeitung vorzuziehen, denn sie gewährleistet bessere Ergebnisse ohne Verlust der Bildqualität. Die einfachste Möglichkeit für eine ruhigere Aufnahme ist ein bildstabilisiertes Objektiv. Bei einem solchen ist die Linsenkonstruktion beweglich angebracht, so dass sie von kleinen Motoren aktiv zum Ausgleich von Bewegungen verschoben werden kann. Allerdings können auf diese Weise nur kleine Bewegungen wie etwa das Nachschwingen eines Stativs – ausgeglichen werden.

Foto: Olympus
Foto: Olympus
Schon deutlich mehr können stabilisierte Aufnahmesensoren bewirken. Sie werden zum Beispiel von Sony und Olympus eingesetzt. Der Sensor wird dabei in bis zu 5 Achsen flexibel von Mikromotoren ausbalanciert. Wer eine ruhige Hand hat, kann mit einem solchen System bei statischen Aufnahmen sogar gegebenenfalls ohne Stativ auskommen.

Stabilisierung von Bewegungen: Vom Rig zum Gimbal

Wer in Bewegung – etwa beim Gehen oder Laufen – Filmen möchte, muss jedoch zu stärkeren Geschützen greifen, damit die Aufnahme ruhig bleibt. Aus dem Kinofilm kommen Schulterstative – auch „Rig“ genannt, die das Einspannen der Kamera in eine Tragekonstruktion ermöglichen. So kann man sie etwa auf der Schulter oder vor der Brust tragen. Damit ein Film damit nicht genauso wackelig wie aus der Hand aussieht, muss man allerdings lange üben. Gleiches gilt für so genannte Schwebestative, die auch nach ihrem Marktführer Steadicam genannt werden. Bei Ihnen hilft ein Gewicht, die Kamera-Bewegungen auszugleichen. Ähnlich eines Pendels sorgt es für Ruhe und Gleichmäßigkeit. Damit das funktionieren kann, muss es auf das Gewicht der Kamera abgestimmt werden. Allerdings muss auch damit einige Zeit geübt werden, um ruhige Filme zu erzielen.

Videos stabilisieren
Deutlich einfacher machen es moderne Schwebestative, die die Bewegungen per Software ausgleichen. Sie kommen vor allem von Multikopter-Herstellern. Um bei Fotodrohnen trotz der Flugbewegung ruhige Bilder zu erzielen, haben sie ausgefeilte Systeme entwickelt, die mit Hilfe eines elektronischen Gyroskops kontinuierlich die Lage im Raum erfassen und mit Hilfe einer speziellen Software per Mini-Motoren die Position der Kamera dynamisch ausgleichen. Bei Multikoptern heißen diese Kamera-Aufhängungen Gimbal. Der Gedanke, sie auch unabhängig vom Multikopter einzusetzen, lag nahe. Mittlerweile sind mit dem Yuneec SteadyGrip und DJIs OSMO auch die ersten auf dem Markt. Mit einem solchen System ist es unseren Tests nach sogar Ungeübten möglich, das Stativ von einer Hand in die nächste zu übergeben ohne dass der Filmbetrachter seekrank wird. Allerdings ist dafür auch ein relativ hoher Preis zu zahlen: Ab etwa 600 Euro liegen Einsteiger-Systeme, bei höherwertigen muss man über 5.000 Euro investieren. Wer sowieso einen Multikopter sein Eigen nennt oder die Anschaffung plant, sollte auf Nutzungsmöglichkeiten für Aufnahmen ohne Fluggerät achten, denn durch die Mehrfachverwertbarkeit werden beide Systeme vergleichsweise günstiger.

Nachbearbeitung im Video-Schnittprogramm

Wer beim Filmen nicht stabilisiert oder trotzdem kleine Wackler aufgenommen hat, dem bleibt in der Nachbearbeitung noch eine Chance, Ruhe ins Bild zu bringen. Selbst kostenlose oder günstige Programme wie iMovie bieten Möglichkeiten zur Stabilisierung. Wer mehr erreichen möchte, greift zu professionellen Programmen wie Adobe Premiere (mit dem Warp Stabilizer) oder Finalcut ProX. Es gibt auch spezielle Programme nur zur Stabilisierung wie etwa Mercalli 4.0. Allen gemeinsam ist, dass die Rendering-Zeiten für Videos recht lange sind. Wie immer bei der Video-Nachbearbeitung sind ein leistungsfähiger Rechner und Geduld nötig. Allerdings sollte man keine Wunder erwarten. Eine nachträgliche Stabilisierung von Aufnahmen etwa beim Laufen wird man kaum erreichen können. Allenfalls, dass relativ ruhig gehaltene Handaufnahmen wie solche vom Stativ aussehen, ist im Bereich des Möglichen. Ein Nachteil der nachträglichen Video-Stabilisierung ist, dass es zu leichtem Bildverlust am Rand kommt.

Ausblick: Kombination Aufnahme- und Postproduktion

Eine interessante Neuentwicklung versucht sich zur Stabilisierung an einer Kombination aus Aufnahmemodifikation und Nachbearbeitung. Beim Projekt SteadXP, das gerade auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter ab 110 Euro angeboten wird, wird ein kleines Kästchen mit Gyroskop während der Aufnahme angebracht. Die Aufzeichnungen werden dann später von der zugehörigen Software genutzt, um die bemerkten Wackler gezielt herauszurechnen. Theoretisch leuchtet der Ansatz ein und die ersten Videos sehen vielversprechend aus. Ob sich das System bewährt, muss die Praxis zeigen. Es bleibt also spannend im Bereich der Video-Stabilisierung.

Video 12 / 2015

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