Videotipp Zeitlupe: Wer hat an der Uhr gedreht?

Standbild
Der Zeitlupen-Modus moderner Kameras kann Details von Abläufen sichtbar machen, die unsere Augen ohne Hilfsmittel gar nicht erfassen können. Wer ein Pferd im Galopp ablichtet, kann damit etwa entdecken, dass es einen Moment lang alle vier Hufe in der Luft hat. Als Fotopionier Eadweard Muybridge das in den 1870-ern beweisen wollte, musste er sich noch mühsam eine Apparatur mit 16 Kameras ausdenken, um den Moment zu erwischen.

Bis vor kurzem war die Zeitlupe nur extrem teuren Spezialkameras vorbehalten – die Zeiten ändern sich Gott sei Dank. Immer mehr Kameras – von Action Cams über Kompaktkameras bis hin zu Kameras mit Wechseloptik -, Camcorder und auch Smartphones verfügen über diese Funktion und somit kommen immer mehr in den Genuss, in den Bereich der Zeitlupe einzusteigen. Die technische Herausforderung an die Aufnahmegeräte liegt übrigens darin, dass für ein Zeitlupen-Video erheblich mehr Bilder benötigt werden als für einen Film in Normalgeschwindigkeit. Nun könnte man sich als Anwender überlegen, diesen Film einfach langsamer abzuspielen in der Hoffnung auf ein Zeitlupen-Video. Das funktioniert nicht, denn das Seherlebnis wird „ruckelig“ und es offenbaren sich kaum mehr Details.

Für eine erkennbare Zeitlupe benötigt man rund das 5-fache an Einzelaufnahmen wie bei einem konventionellen Kinofilm, also mindestens 120 Bilder pro Sekunde (fps). Bei sehr schnellen Abläufen wird es sogar erst ab mehreren hundert Bildern spannend. Um die Unmenge der Bilddaten zu verarbeiten, benötigt man nicht nur einen schnellen Prozessor, sondern auch sehr schnelle Speichermedien. Zu unserem Glück schreitet die technische Entwicklung rasant voran, so dass mittlerweile sogar Kompaktkameras einen Zeitlupen-Modus mit 120fps oder mehr beherrschen – selbstverständlich ist dies aber selbst bei teuren Profi-Kameras noch nicht.

Und wer weder Zugriff auf eine Zeitlupen-Funktion noch hohe Aufnahmegeschwindigkeiten (FPS > 60) hat, kann sich anders als bei Zeitraffer-Videos kaum behelfen. Es ist zwar möglich, die Framerate des Films selbst in Video-Schnittprogrammen künstlich zu senken oder Zwischenbilder hochzurechnen, aber die fehlenden Detailinformationen aus den nicht erfassten Momenten kann man nur sehr begrenzt ersetzen.

Wer aber Zugriff auf ein Gerät hat, das Zeitlupe beherrscht, sollte es unbedingt einmal ausprobieren, denn es macht viel Spaß, die Welt in „slow motion“ zu sehen und geht ganz einfach.

1. Schritt: Vorbereitung

Ein guter Zeitlupen-Film beginnt mit sorgfältiger Planung. Zunächst sollte man ein passendes Motiv wählen. Ein beliebtes Objekt für Einsteiger ist etwas, das in ein Wasserglas fällt, z.B. ein Tropfen, ein Teebeutel oder ein Gegenstand.

Generell geben aber auch nahezu alle sich unregelmäßig schnell bewegenden Objekte einen interessanten Film ab. Die meisten Sportarten (außer Schach) sind tolle Motive. Besonders effektvoll ist auch alles, was mit spritzenden Flüssigkeiten zu tun hat – allerdings bedarf das auch sorgfältiger Vorbereitung, damit die Kameratechnik keinen Schaden nimmt. Der Klassiker für Fortgeschrittene ist etwa ein mit Wasser gefüllter Ballon, in den man mit einer Nadel sticht. Wenig spannend dagegen sind ruhige eher gleichförmige Bewegungen wie etwa die eines Rades oder die einer Kerze.

Das Motiv allein reicht aber noch nicht aus – auch der richtige Ausschnitt will gewählt werden. Der sollte so weit sein, dass die gesamte Bewegung hineinpasst. Das ist besonders bei sehr schnellen Abläufen, die sich über einen großen Raum erstrecken, schwierig abzuschätzen. Im Zweifelsfall wählt man den Ausschnitt lieber etwas größer. Auch sollte man nicht vergessen, im Querformat aufzunehmen, da die meisten Abspielgeräte darauf ausgelegt sind.

Ist der Ausschnitt anvisiert, sollte das Aufnahmegerät auf einem stabilen Stand positioniert werden. Ein Stativ ist mehr als anzuraten, notfalls funktioniert aber auch simples Auflegen. Außerdem ist eine Speicherkarte mit hoher Schreibgeschwindigkeit (Klasse 10 – siehe für Hintergrundinformationen unseren Beitrag „Speicherkarten-Update“) hilfreich. Ausreichend Platz sollte darauf noch frei sein und die Akkus des Aufnahmegerätes sollten geladen sein.

Dann gilt es, sich mit der Zeitlupen-Funktion des Aufnahmegerätes vertraut zu machen. Die wichtigsten systemübergreifenden Einstellungen erläutern wir im nächsten Punkt. Kamera-spezifische Besonderheiten, wie etwa Position und Einstellung der Zeitlupen-Funktion beziehungsweise der Video-Framerate, müssen aber in der Regel im Handbuch nachgeschlagen werden.

2. Schritt: Richtige Voreinstellungen

Ist alles bereit, geht es an die richtigen Einstellungen. Die beginnen damit, die Kamera – wenn möglich – auf manuelle Belichtung und manuellen Fokus umzustellen. Bietet das Aufnahmegerät diese Möglichkeiten nicht, sollte zumindest so viel Automatik wie möglich abgeschaltet werden. Wichtig ist auch eine ausreichende Helligkeit im Aufnahmeraum, so dass kurze Belichtungszeiten möglich werden. Man kann dies prüfen, indem man die von der Automatik vorgeschlagene Belichtungszeit fürs Foto testet. Liegt diese unter der Framerate des Videos, kommt es unserer Erfahrung nach zur Unschärfe des ganzen Videos. Lässt sich nicht mehr Licht schaffen, hilft in der Regel ein Anheben des ISO-Wertes.

Kameraeinstellungen
Als nächstes geht es in die eigentlichen Zeitlupen-Einstellungen. Herzstück ist die Wahl des Aufnahmeintervalls. Das erfolgt über die Framerate des Videos, die entweder direkt im Zeitlupen-Modus gewählt werden kann, wie beim iPhone, oder bei zahlreichen Kameras über die Video-Grundeinstellungen vorgenommen werden muss:

Eine sinnvolle Einstellung beginnt ab etwa 60fps. Dann ist allerdings außer bei sehr schnellen Bewegungen, wie etwa beim Skateboarden, kaum ein Zeitlupeneffekt zu erkennen. Ab 120 fps aber macht es Spaß. Den maximalen Effekt erreicht man mit der höchsten Framerate von derzeit 240fps bei Consumer-Kameras. Allerdings bieten viele Aufnahmegeräte bei der höchsten Framerate nicht mehr die volle Auflösung. Manche Geräte signalisieren das durch eine Zahl vor der Framerate wie etwa 1.080p oder 720p. Ob diese niedrigere Auflösung ausreichend ist, hängt davon ab, wo man sein Video zeigen möchte. Als Faustregel gilt generell: Die Auflösung der Aufnahme sollte nicht unter der des Wiedergabegerätes liegen. Möchte man auf einem Full-HD-Fernseher seine Zeitlupen-Clips zeigen, dann sollte man als Video-Auflösung auch 1.080p beziehungsweise Full-HD wählen. Zeigt man die Filme auf dem Smartphone oder im Web reicht oft auch weniger. Als Kompromiss kann man wie in unserem Beispiel-Film auch im Video-Schnittprogramm eine farbige Fläche unter das eigentliche Video legen – dann fällt es nicht ganz so stark ins Auge, dass es nur eine geringe Auflösung hat.

Ansonsten ist bei der Wahl des Aufnahmeintervalls zu bedenken, dass sich die Länge des Films je nach Framerate verlängert. Typischerweise würde man für die Wiedergabe den Film mit 25fps oder 30fps laufen lassen. Nimmt man mit 120fps auf, wird der Film also etwa 4 mal so lang (120 geteilt durch 30), bei 240fps sogar 8 mal so lang. Am besten nimmt man daher für die ersten Video-Versuche eher kurze Abläufe auf, um überhaupt ein Gefühl für das Filmen in Zeitlupe zu bekommen.

3. Schritt: Aufnahme

Sind die Voreinstellungen gemacht und steht die Kamera stabil, kann die Aufnahme gestartet werden. Dann muss man nur noch schnell genug den Auslöser betätigen. Am besten startet man die Aufnahme daher schon vor der eigentlichen Bewegung, damit man Vorlauf hat. Möchte man die Aufnahme abschließen, beendet man sie wie gewohnt. Der HighSpeed-Clip wird von vielen Kameras dann automatisch in die normale Betrachtungsgeschwindigkeit konvertiert und wie ein konventionelles Video abgelegt.

Die fortgeschrittene Variante mit Montage im Video-Schnittprogramm

Wessen Kamera das Video nicht umkonvertiert, muss es in ein Video-Schnittprogramm laden und auf eine langsamere Abspielgeschwindigkeit herunterrechnen lassen. In der Regel erfolgt das durch die Angabe des Zielformates beim Export. Einsteiger-Programme wie der Windows Media Player bieten dafür bequemerweise typische Verwendungszwecke wie „YouTube“ an, so dass man sich nicht mit den genauen Spezifikationen herumschlagen muss. Auch wessen Kamera das Zeitraffer-Video schon umrechnet, für den ist ein Video-Schnittprogramm eine gute Idee, um den Vorlauf, den man typischerweise vor dem Start der Bewegung hat, abzukürzen. Außerdem ermöglicht es das Hinterlegen von Musik und einer farbigen Leinwand.

Die Profi-Variante

Wer Spaß an Zeitlupen-Aufnahmen bekommt und noch mehr Bilder pro Sekunde machen möchte, muss leider immer noch sehr tief in die Tasche greifen. Spezialkameras, wie die Phantom Flex mit über 2.000 fps, sind erst ab über 50.000 Euro erhältlich und hierzulande kaum im Verleih erhältlich.

Video 03 / 2015

5 Bewerten  |  Drucken  |  Weiterempfehlen
Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden